Ausführlich

Fünfundsiebzig Jahre gelebtes Leben

Wer die Gegenwart verstehen will, kann dieses nicht ohne Wissen um seine Vergangenheit tun. Grund genug, in Erinnerungen zu schwelgen. Aber Erinnern macht auch Mühe. Manches aus meinem Leben liegt weit zurück. Wie etwa die Geburt an einem Frühlingsanfangs-Tag, am 21. März 1940. Seitdem habe ich mich jedes Jahr daran erinnert, auch wenn das Feiern von Geburtstagen mir immer weniger Spaß machte. Aber das ist nun mal so, wenn der Himmel langsam näher rückt. Man sieht ihn jeden Tag, aber will den Besuch dort oben (oder in der Hölle) noch sehr lange aufschieben.
Geboren wurde ich im thüringischen Erfurt in einer Klinik in der Gerhard-Hauptmann- Straße. Viele Jahre später fuhr ich öfters mit meiner Mutter Hilde durch diese Straße, und wir freuten uns beide, daß wir uns seitdem so gut und ohne Katastrophen durchs Leben gekämpft haben.
An meinen Vater Walter kann ich mich nicht mehr erinnern. Es blieben mir Fotos und die wenigen Erzählungen meiner Mutter.
Er war damals, in den 30er Jahren, als Prokurist in der Erfurter Textilfirma Erich Grammatke tätig, hatte eine sichere Stellung dort und war von der Belegschaft anerkannt. Viel Anerkennung heimste er bei seinen sportlichen Aktivitäten ein. Er war praktisch „Hans Dampf in allen Gassen“. Ob auf den alpinen Pisten als rasanter Skifahrer oder als mannschaftsdienlicher Spieler in einer Hockeymannschaft, er glänzte überall mit technischem Geschick und Kampfgeist. Seine Bergreisen mit meiner Mutter sind durch viele Fotos nachvollziehbar.

Vater THC Apolda

Mein Vater Walter in der vorderen Reihe rechts außen

Vater Großglockner
Doch all das normale Leben fand dann schnell ein Ende. Bald nach Beginn des 2. Weltkrieges meldete sich mein Vater zur Wehrmacht und sah fortan seine Aufgabe an der Front. Es fällt mir schwer, im Nachhinein die Stationen nachzuvollziehen, denn zu wenig schriftliche Nachrichten sind aus dieser Zeit erhalten geblieben. In seinen wenigen Feldpostbriefen durfte er nicht viel über seinen jeweiligen Standort mitteilen. Lange klang alles noch optimistisch, aber dann an der Ostfront konnte man hinter den Zeilen lesen, daß nicht alles nach Wunsch verlief. Mir sind, wenn ich später nach meinem Vater gefragt wurde, nur noch die Namen Woronesh (die deutschen Truppen erreichten im Rahmen der Operation Blau im Juni 1942 die Stadt Woronesh – Wikipedia) und der ungarische Ort Mór in Erinnerung. Irgendwann 1944/1945 galt mein Vater dann als vermißt. Meine Mutter bekam noch von Kameraden, die ihn zuletzt gesehen hatten, einige Anhaltspunkte. Danach war seine Truppe auf dem Rückzug gewesen, und als es darum ging, den richtigen Weg zu anderen deutschen Bataillonen zu finden, wählte er den falschen Weg. So wurde aus dem „vermißt“ ein auf ewig Vermißter.
Meine Mutter hatte unter diesem Schicksal, das sie mit Millionen anderer deutscher Frauen teilte, sicher schwer zu tragen, ließ es sich aber mir gegenüber nicht anmerken. Und ich hatte Gottseidank nicht allzu viele Erinnerungen an meinen Vater, sodaß ich ihn auch selten vermißte. Ich war der Sonnenschein der Familie, zu der neben meiner Mutter meine Oma Anna und Opa Fritz und später auch Tante Ilse und Onkel Ernst gehörten. Ich war derjenige, um den sich vieles drehte, der allen Freude machte.
Wir wohnten im Süden Erfurts, in der Buddestraße 1:

Buddestr. 1 Erfurt

Als die Amis einmarschierten

An die Kriegsjahre habe ich wenig Erinnerungen. Ich weiß, daß wir öfter mal in den Luftschutzkeller hinunter gingen, aber unsere Gegend blieb unzerstört, wie Erfurt zum großen Teil auch. Einige Zeit verbrachte ich auch im Thüringer Wald in Mellenbach bei meiner Tante Marianne, weil wir uns dort im großen Luftschutzkeller im Berg sicherer fühlten. Später nach dem Krieg war ich oft bei meiner Tante. Sie hatte den Ruf, die besten Thüringer Klöße zu backen. Aus Erfurt ist mir noch in Erinnerung, daß irgendwann die Amerikaner als Sieger durch die Stadt fuhren und uns Kindern Bonbons und Schokolade von ihren Lastkraftwagen und Panzern zuwarfen. Das war also unser „Erfurter Karneval“. Doch die Freude darüber war nur kurz, denn bald kamen die „armen“ Russen, die „reichen“ Amerikaner zogen ab und von da an bis 1989 waren die Sowjets unsere Besatzungsmacht. Wir hatten zwar wenig Kontakt zu ihnen, aber es reichte schon aus, daß bald ihr Gesellschaftssystem in der 1949 gegründeten DDR eingeführt wurde. Das prägte von da an unser Leben.
Nach dem Krieg spielte sich dieses Leben viele Jahre in eben dieser Buddestraße in einer Dreizimmerwohnung mit einer kleinen Küche und einem Bad ab. Alle Zimmer waren klein, mit niedrigen Decken, aber das gefiel mir. Ich hatte bald auch ein eigenes Zimmer, mit einer Schaukel am Türrahmen und einem kleinen Zierfisch-Aquarium auf dem Fensterbrett. Das Haus gehörte den Eltern meines Freundes Klaus, dessen Familie Ziehn im Erdgeschoß wohnte. Sie besaßen ein Kolonialwarengeschäft, und damit saßen wir praktisch an der Quelle. Im Keller, wo das Lager des Geschäftes war, durften wir zwei Jungen manchmal herumstöbern. Wir konnten uns dann an Salzgurken und am Sauerkraut bedienen, was dort in Fässern lagerte. Auf dem kleinen Hof gab es eine Zeit lang Kaninchen, die dort in Holzkäfigen saßen und mit denen wir manchmal spielen durften. Es gab auch Kaninchenbraten zu essen, aber diesen Zusammenhang habe ich damals wohl nicht so begriffen. Jedenfalls war ich immer ein „Fleischesser“, im Gegensatz zu meiner Mutter, die zwar auch Fleisch, aber nie Gans oder Ente aß, weil ihr diese Tiere so leid taten.
Meinen Opa väterlicherseits habe ich nie kennengelernt, meine Oma väterlicherseits, die in Rudolstadt wohnte, nur sporadisch. Von ihr ist mir nur in Erinnerung, daß sie herrlich Grimassen schneiden konnte.

Mein Opa und Kamerun

Eine enge Bindung aber hatte ich immer zu meinen Großeltern mütterlicherseits, Anna und Friedrich (Fritz) Schröder. Sie wohnten nur rund 500 Meter von uns entfernt, in der Straße „ Am Stadtweg“, ganz dicht neben meiner Grundschule. In deren kleiner Wohnung im ersten Stock eines kleinen Hauses, indem sich unten eine Wäscherei befand, fühlte ich mich immer wohl. Es gab dort viel herumzustöbern, denn mein Opa war einige Jahre als Fernmeldetechniker in Kamerun gewesen und hatte von dort interessante Sachen wie Schildkröten, Geweihe und Schmuck mitgebracht. Gern habe ich mir dort auch Musik angehört. Opa hatte einen Plattenspieler, und vor allem Märsche wie „ Preußens Gloria“ machten mir Spaß. Und Märsche höre ich auch heute noch gern. Leider sind wir bei der Nationalen Volksarmee 1958 bis 1960 nicht nach diesen Märschen marschiert. Dort ging es mehr nach patriotischen Liedern, wie vor allem dem Lied der Internationalen Brigaden„ Spaniens Himmel breitet seine Sterne, über unsere Schützengraben aus. Und der Morgen grüßt schon aus der Ferne, bald geht es zum neuen Kampf hinaus“.
Über das Leben meines Opas gibt es viel zu berichten, doch da greife ich demnächst in einem Extra-Kapitel auf seine Aufzeichnungen zurück.
Gefunden aber habe ich seine Bemerkungen, die er zu seiner kleinen Broschüre „ Kamerun: Erlebnisse und Beobachtungen im Schwarzen Erdteil in den Jahren 1902 bis 1908“ geschrieben hat.
Einführung:
Kennst Du das Land, wo die Kakteen blühn,
im tiefen Busch die Schlangenaugen glühn?
Der Elefant die teuren Zähne fletscht,
und jeder seinen Membo selbst quetscht?
Wo man mit Palmenwein sich gar oft bekneipt,
und wenn man will, im Plural sich beweibt?
Kennst Du es nicht, so kannst Du leid mir tun.
Das schöne Land heißt „ K a m e r u n „ !

Schlußwort:
Wenn ich auch manche Unannehmlichkeit in Kauf nehmen mußte, so kann ich trotzdem versichern, daß ich in dem wunderbaren Lande die schönsten Jahre meines Lebens verbracht habe. Es war ein schönes und freies Leben, welche ich dort führen konnte. Bemerken möchte ich hierzu, daß ich außer meinem festen Gehalt von 3800 Reichsmark noch ein Tagegeld von 9 Reichsmark bezog. Ich hatte demnach ein schönes Einkommen und konnte auch recht ansehnliche Ersparnisse machen. Infolge der Inflation (1923) nach dem 1. Weltkrieg habe ich leider alles eingebüßt. Heute, an meinem Lebensabend, verbleibt mir nur noch die Erinnerung, welche mir niemand rauben kann. In Gedanken weile ich noch oft in dem schönen Kamerun und erinnere mich an die schönen Zeiten, welche ich dort –inmitten einer friedlichen Bevölkerung-verleben konnte.

Spielplatz Rabenhügel

Nicht weit von der Wohnung meiner Großeltern lag unser Abenteuerspielplatz. Er hatte einen spannenden Namen: Rabenhügel. Es war eine Erhöhung, damals noch am Rande der Stadt. Auf der einen Seite lagen Felder, auf der anderen im Tal Kasernen. Am Ende des Hügels stand und steht auch heute noch die Melchendorfer Kirche.
Der Rabenhügel war ein vorzügliches Spielgelände. Aber nicht nur Raben lebten dort. Mir sind vor allem die vielen Eidechsen noch in der Erinnerung, die dort herumwuselten oder es sich in der Sonne gemütlich machten.
Noch zu DDR-Zeiten wurde unsere Spielidylle zerstört, als man dort viele Wohnbauten errichtete. Ganz am Anfang wies ein Hochhaus den Weg ins Wohnviertel. Und dieses Viertel wurde immer mehr erweitert, bis hin zum Drosselberg. Auch heute wohnen dort noch viele Erfurter auf den Hügeln.
Dicht am Rabenhügel, auch im Stadtweg, befand sich meine Kirche, die Daberstedter Kirche. Ihren Namen hatte sie vom Ortsteil Daberstedt. Rund um die Kirche dehnte sich ein schöner Garten aus. Weniger prunkvoll war das Innere der Kirche, aber es war eben eine evangelische und keine katholische Kirche. Dort wurde ich am 21.4.1946 getauft und am 11. April 1954 konfirmiert. Mein Konfirmationsspruch: „Von allen Seiten umgibst Du mich und hältst deine Hand über mir“, Psalm 139,5.
Der Stadtweg war für meine ersten zehn Lebensjahre ein Lebensmittelpunkt. Hier durfte ich in der Grundschule 5 meine ersten Lernschritte machen.
Mir machte das Lernen dort großen Spaß, und auch meine Noten konnten sich sehen lassen. Ich hatte einen kurzen Schulweg, der mich durch die Große Herrenberg-Straße an der Gaststätte „ Hirsch“ und unserer Turnhalle vorbeiführte. In dieser leicht ansteigenden Straße gab es auch einen Laden, aus dem ich immer Milch in einer blechernen Milchkanne geholt habe.
Bis zur 6. Klasse ging ich also in diese Grundschule am Stadtweg. Dann erfolgte unser „Umzug“ in die 31. Grundschule an der Straße „Am Schwemmbach“. Sie war dort inmitten eines neuen Wohnviertels gebaut wurden. Auch da machte mir das Lernen Spaß. Belohnt wurde ich nach Abschluß der 8. Klasse mit einem Super-Zeugnis. Ich habe immer damit geprahlt: alles Einsen. Ein wenig übertrieben, aber in Deutsch, Mathematik, Geschichte, Russisch, Erdkunde, Biologie und sogar in Physik gab es ein sehr gut = 1. Nur in Gegenwartskunde, Chemie und Körpererziehung bekam ich etwas weniger, also ein gut= 2. Summasummarum: Die Prüfung ergab die Note sehr gut. Und folgende allgemeine Beurteilung: „Peter ist vielseitig interessiert. Er war und ist ein selbständiger und sauberer Arbeiter, der weiß, was er will.“ Diesen Spruch schrieb meine Lieblingsklassenlehrerin Fräulein Schneider, bei der ich später auch Privatunterricht in Englisch erhielt.
Aber nicht nur die Schule war mir wichtig, sondern auch die Freizeit. Gleich neben unserem Haus konnten wir uns an der Straße „Grenzweg“ auf einem freien Platz austoben, der leider später mit Garagen bebaut wurde. Am Grenzweg fanden auch unsere legendären Fußballspiele statt. Die kleinen Türen vor den Vorgärten bildeten die Tore, gespielt wurde über die Straße hinweg. So gering war damals der Straßenverkehr. Nur einige Male war mehr los, als dort das „Erfurter Doppelringrennen“ stattfand. Da rasten dann Auto-und Motorradrennfahrer durch die Straße, und wir konnten sie vom Dach unseres Hauses aus beobachten. Hier wurde mein Interesse für den Motorsport geweckt. Später war ich häufiger Gast bei den Schleizer Dreieckrennen und heutzutage bin ich Formel1-Fan.

Radsport im Andreasried
Gern bin ich in Erfurt auch zu den Veranstaltungen am Andreasried gegangen. Dort waren Radrennen auf einem Zementoval der große „Renner“. Vor allem kann ich mich an die Steherrennen erinnern, wo jeder Radrennfahrer hinter einem speziellen Motorrad herfahren mußte.
Daß ich mich richtig erinnere, beweist auch der historische Abriß der Entwicklung des Andreasrieds, nachzulesen bei Wikipedia. Allerdings verlor dann der Stehersport an Bedeutung, weil sich mehr auf die olympischen Sportarten orientiert wurde. Deshalb wurde auch die Radrennbahn von 454,4 m auf das international gebräuchliche Maß von 333,33 m zurückgebaut. Und ein kompletter Umbau der Bahn fand dann von 2006 bis 2008 stand, und es entstand ein richtiges Schmuckkästchen. Doch da wohnte ich schon viele Jahre nicht mehr in Erfurt.

Pferde im Stadion

Noch mehr aber war ich in den Jahren nach 1950 im nahen großen Stadion zuhause, das früher Georgij-Dimitroff-Stadion hieß, und heute Steigerwaldstadion. Anfangs war ich vor allem bei den Fußballspielen von Turbine Erfurt, die 1954 und 1955 DDR-Meister wurden, im Stadion. Erinnerlich ist mir, und das war wohl meine erste Begegnung mit Pferden, daß es schon damals manchmal recht ruppig auf den Rängen zuging und dann die Polizei auf Pferden für Ordnung sorgen mußte. Anfangs gab es eine 500-Meter-Aschenbahn in diesem Stadion, später wurde sie durch eine 400-Meter-Tartanbahn ersetzt:

 

Ich habe miterlebt, als die Friedenfahrer in dieses Stadion einfuhren. Ich war aber auch dabei, als die Leichtathleten glänzten. Und ich selbst „glänzte“ auch einige Male als Läufer, u.a. bei einem Stundenlauf.
Die Geschichte des Stadions ist ebenfalls bei Wikipedia nachzulesen.
Anzufügen ist, daß ich nach der Wende bei allen Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften und bei der U23-Europameisterschaft als Berichterstatter für das Fachblatt „ Leichtathletik“ dabei war.
Doch zurück zur Schulzeit.

Steiniger Weg zum Abitur

Einen weiteren Schulwechsel gab es im Jahr 1954. Mit einem Superzeugnis zum Abschluß der 8. Klasse war es für mich fast selbstverständlich, anschließend in die Oberschule zu wechseln und dort mein Abitur zu machen. Zwar wurde in dieser Zeit nicht jeder zur Oberschule zugelassen, und bevorzugt wurden Arbeiter-und Bauernkinder. Ich war zwar „nur“ ein Kind einer Angestellten, aber mit dem Zeugnis und diesem familiären Hintergrund war es für mich kein Problem. Wie ich später erfuhr, war das in anderen Teilen der DDR manchmal viel schwerer.
Jedenfalls ging ich seit dem 1. September 1954 in die Heinrich-Mann-Oberschule an der Gustav-Freytag-Straße. Diese Schule lag nur rund 200 Meter vom Stadion, aber ca. 3 km von meiner Wohnung entfernt. Mein Schulweg verlängerte sich also, aber die ca. 20 Minuten waren für mich kein Problem. Oft bin ich diesen Weg mit meinem Schulfreund Bernd, der auch in meiner Nähe wohnte, gegangen.
Vor Beginn der Oberschulzeit mußte ich mich entscheiden, ob ich in den sprachlichen oder in den naturwissenschaftlichen Zweig gehen wollte. Das bedeutete: entweder mehr Sprachunterricht, oder aber mehr Unterricht in den naturwissenschaftlichen Fächern. Ich wählte zuerst den sprachlichen Zweig, und wäre damit sicher auch besser gefahren, weil das mehr meinen Neigungen entsprach. Doch dann saß ich plötzlich in einer Klasse mit fast nur Mädchen. Schüchtern wie ich damals war, überlegte ich, ob ich nicht doch zu den Naturwissenschaften gehen sollte, zumal meine Schulkameraden aus der Grundschule fast alle dort waren. So wechselte ich, und habe es später bereut. Nicht nur, daß mir dann die vielen weiblichen Mitschülerinnen fehlten. Vor allem mußte ich mich mit Mathematik, Physik, Biologie und Chemie abquälen, und das hätte mir beinahe mein Abitur gekostet. Immer, wenn ich mich an die Abiturprüfungen erinnere, meine ich, damals „betrogen“ worden zu sein. Ich hatte in Mathematik eine Vorzensur 2, und auch für meine schriftliche Arbeit bekam ich eine 2. Trotzdem aber wurde ich ins Mündliche bestellt und da kam das Verhängnis: Ich wurde nach dem Hauptsatz der Integralrechnung befragt und scheiterte daran kläglich. Das Ergebnis war: Ich bekam eine 3 als Gesamtzensur. Ärgerlich, denn in Mathematik war ich nach meinem Gefühl immer recht gut gewesen. Aber es kam noch schlimmer. Mein Mathe-Lehrer war dummerweise auch mein Physiklehrer. In Physik war ich immer recht schwach, aber auf dem Weg zu einer 3. Die Prüfung in Physik bestand ich so leidlich, dachte ich. Und nun meine Deutung: In Mathe konnte dieser Typ mir keine 4 geben, aber nun nutzte er die Chance, mir in Physik eine 4 zu geben. Ich fand das ungerecht, und die ganze Freude am Abitur war mir verdorben. Es gab zwar ein Abschlußfoto unserer Klasse vor der Schule, aber zur Abschlußfeier bin ich dann nicht mehr gegangen. Deshalb sind meine Erinnerungen an die Oberschule auch sehr gespalten. Einige Fächer mochte ich, wie etwa Deutsch, Geschichte, Erdkunde. Physik dagegen lag mir überhaupt nicht und Chemie ebenso wenig. In Biologie war ich immer sehr interessiert, wenn es um die Flora und Fauna ging. Ich war Spezialist für alles, was sich rund um den Uhu abspielte. Noch heute, wenn ich in den Tierpark Kunsterspring bei Neuruppin gehe, begeistern mich diese Tiere (Uhu, Eule, Kauz), und ich rufe ihnen immer zu: Bubo bubo! Das ist der lateinische Name für den Uhu. Alles rund um die Pflanzen interessierte mich ebenfalls. Begeistert war ich von Wanderungen mit dem Förster im Steigerwald. Dort erklärte er uns mit großem Geschick die Baumwelt, und einiges blieb bis heute hängen. In diesem Rahmen ist mir auch das Touristenabzeichen erinnerlich. Das erhielten wir, wenn wir Tiere und Pflanzen richtig bestimmen und mit dem Kompaß umgehen konnten.
Überhaupt gab es in der DDR eine Vielzahl von Abzeichen, die man als Anerkennung für bestimmte Leistungen erhielt, etwa das Abzeichen „Für gute Arbeit in der Schule“, das Abzeichen „Für gutes Wissen“, das Touristenabzeichen oder das Jugendsportabzeichen.

Fröhliches Jugendleben
Das normale Lernen in der Schule war die eine Seite. Aber auch Religionsunterricht, Junge Gemeinde, Junge Pioniere und die Freie Deutsche Jugend (FDJ) gehörten damals zu meinem Alltag.
In der Nachbetrachtung im Abstand von 60 Jahren erinnere mich fast nur an positive Erlebnisse, an fröhliches Jugendleben, spannende Pionierlager, interessante Gespräche in der Jungen Gemeinde. Es fällt mir nur wenig Negatives ein, aber das muß es ja auch nicht. Ich fühlte mich nicht vordergründig politisiert, politisch beeinflußt. Vielleicht waren wir damals auch noch zu jung, um uns darüber viele Gedanken zu machen. Und zudem geschah alles bei offener Grenze zum Westen, so daß sich die DDR-Funktionäre auch zurückhalten mußten, denn allzu viele Bürger wählten in dieser Zeit schon den Weg von Ost nach West, und das für immer. Der Westen war von Erfurt nicht weit entfernt. Zudem wohnten drei Onkel von mir, Heini (Schottland), Otto (Braunschweig) und Karl (Coburg) im Westen.
Wir hörten viel Westradio, vor allem Musik. Den größten musikalischen Einfluß auf mich aber hatte der „Rummel“. Immer auf dem Platz unter der „ Thüringenhalle“ aufgebaut, zog er uns Jugendliche magisch an. Dabei war nicht das Fahren mit den Karussells das Wichtigste, sondern das Hören der Musik. Und dort habe ich die erste Bekanntschaft mit der Musik von Elvis Presley und Bill Hailey gemacht. Die Liebe zu dieser Musik hat sich bis heute erhalten.
Gefallen haben mir damals auch Sendungen mit den „Insulanern „ (der Insulaner, der verliert die Ruhe nicht…) oder Wettbewerbe wie „ Spiel ohne Grenzen“ mit Camillo Felgen.

Religionsunterricht und Pionierorganisation

Die Teilnahme am Religionsunterricht in der Schule war etwas ganz Normales. Er fand in einem Haus an der Wilhelm-Busch-Straße statt. Und dort ist mir vor allem Pfarrer Rümpler in Erinnerung, der sehr weltlich agierte und mir später auch die Junge Gemeinde „schmackhaft“ machte. Junge Gemeinde, das war für mich reden, gemeinsam singen, Fahrten unternehmen.
Mit sechs Jahren wurde ich in die Jungen Pioniere aufgenommen, bekam mein blaues Halstuch. Aber was war da noch? An Fahnenappelle auf dem Schulhof habe ich keine Erinnerung, die wurden erst in der Schulzeit meiner beiden Töchter präsenter und häufiger. Den Pioniergruß beherrsche ich heute noch: Seid bereit, immer bereit! Und die rechte Hand aufrecht über den Kopf haltend. Einige Auszeichnungen von damals habe ich auch noch in meiner Vitrine. Man muß nicht entsorgen, was einem mal Freude gemacht hat.

FDJ-Ausweis Scan_Pic0002
Mit 14 Jahren wurde ich Mitglied der FDJ und das war eine ganz normale Entscheidung.
Wer Pionier gewesen war, der ging dann in die FDJ. Und wieder habe ich an die FDJ vor allem positive Erinnerungen, und die bezogen sich auf das frohe Jugendleben. Veranstaltungen in der Freizeit sollten ja die Jugend für den Staat einnehmen, und entsprechend waren sie auch gestaltet. Und selten mußte ich mein Blauhemd tragen. Das war bei uns einfach nicht üblich.
Zu den großen Treffen der FDJ wurde ich nie delegiert. Vielleicht lag Erfurt auch zu tief in der Provinz. Weltjugendfestspiele gingen an mir deshalb auch vorbei. Zu bedenken ist auch, daß es damals kein Fernsehen gab bzw. wir keinen Fernseher hatten. So waren wir auf die Zeitungen angewiesen und auf den Rundfunk.
Später nach der Oberschule spielte die FDJ für mich eine eher untergeordnete Rolle, sowohl bei der Nationalen Volksarmee (1958 bis 1960) als auch anschließend während des Studiums (1961 bis 1965). Hohe Funktionen bekam ich nicht, dazu war ich damals vielleicht auch nicht der brillante Redner. So mußte ich meistens mit dem Posten des Kassierers vorliebnehmen. Aber das war nicht ganz so weit weg von meinen Ambitionen: Geld wollte ich schon immer, wenn möglich Millionen. Und so war es dann auch nicht ganz falsch, daß ich beim Studium der Wirtschaftswissenschaften die Fachrichtung „Finanzökonomie, Spezialfach Geld und Kredit“ wählte. Die Million kam zwar leider nicht geflogen, aber andere Vorlieben, wie vor allem das große Kapitel „ Lauferei“ brachten mir genügend Freude.

Die Armeezeit

armeefreunde
Nach dem bestandenen Abitur wollte ich eigentlich sofort studieren. Doch da wurde ich ein wenig „überfahren“, oder man kann auch sagen, ziemlich belogen. Man erklärte, daß es nicht möglich sei, sofort zu studieren, sondern daß ich mich zuvor freiwillig für den zweijährigen Dienst bei der Armee melden sollte. Damals gab es noch keine Wehrpflicht, vor allem, weil man sonst befürchtete, daß alle Wehrtüchtigen vor dem Einzug zur Armee in den Westen flüchten würden. Es war also freiwillig, und ich ließ mich überreden. Viele meiner Schulfreunde taten das nicht und hatten das bessere Los gezogen, weil sie gleich studieren durften.

Auf zur Henne
Doch nun gab es kein Zurück mehr. Ich mußte das Beste aus den folgenden zwei Jahren machen. Am 18.8.1958 wurden wir Neulinge mit dem LKW aus Erfurt abgeholt, Startpunkt war dort der Mao-Tse-Tung-Ring. Nach rund 10 km kamen wir an der Kaserne an, die nun für zwei Jahre unsere Heimstatt sein würde. Der Name „ Henne“ sollte allerdings nicht auf einen Hühnerstall hindeuten. Vielmehr landeten wir bei der Artillerieabteilung, und ich speziell an den 75- mm- Kanonen. Das waren kleinere handliche Kanonen, die viel leichter waren als später die 122er Haubitzen, die ich viele Jahre später in Oranienburg bei einem Reservistenlehrgang hochheben mußte. Entsprechend unserer Arbeitsgeräte wurden wir auch als Kanoniere bezeichnet. Auf der „Henne“ war der Anfang gewöhnungsbedürftig, denn mit 11 anderen jungen Leuten mußte ich in Doppelbetten in einem großen Zimmer „ hausen“. Auf dem Kasernengelände hatten wir eine Gaststätte, eine Textil- und ein Lebensmittelgeschäft. Schnell gewöhnte ich mich an den Armee-Alltag. Ein Vorteil: man brauchte an nichts besonderes zu denken, denn das Denken wurde einem abgenommen. Ein weiterer Vorteil: Wir wurden nicht schikaniert. Abwechslung brachte ein Lehrgang als Funker, Abwechslung brachte auch der Besuch des Französisch –Kurses in der Erfurter Volkshochschule. Wichtig war die Nähe zur heimatlichen Wohnung, zu meiner Mutter. Entweder zu Fuß oder aber mit dem Bus, Erfurt war nahe. Und wenn ich mal keinen Ausgang bekam, dann schlich ich mich eben ohne Erlaubnis über den Zaun, der nicht unüberwindbar war. Zwar wurde ich einmal nach solch einem „Vergehen“ von einem der Offiziere in der Stadt gesehen, aber auch das wurde nicht mit Arrest geahndet. So sah ich die Arrest-Räume in den zwei Jahren nie. Geld gab es auch: 270 DM (Ost), abzüglich 2 DM Wäschegeld und 2 DM Bedienungsgeld. Davon gingen noch ab: 10 DM Aufbausparen, 2,80 DM für die Zeitung „Das Volk“. Es blieben 253,20 DM übrig. Damit konnte ich gut auskommen, zumal meine Mutter mir oft Pakete oder Päckchen schickte. Interessant, was sie entsprechend meinen Wünschen hineintat: Tischtennisbälle, Mundharmonika, Kniestrümpfe, Tasche für das Eßbesteck, Westrasierklingen, Obst, Süßigkeiten, schwarze Schuhcreme, Zahnpasta, Englisch-Vokabelheft, neue Briefmarkensätze (seit langem sammelte ich Briefmarken), Taschentücher, Pinsel und Lappen (zum Waffenreinigen), Rätselzeitung „Troll“, Zeitschrift „Wochenpost“, Schittchen (= Stollen), Plätzchen, Apfelsinen- ein bunter Mix.
Jedenfalls überstand ich die zwei Jahre ohne körperliche Schäden. Am 7.10. 1959 wurde ich zum Gefreiten befördert und dann beschleunigte ich die Entlassung im Jahr 1960 selbst, als ich an den Ministerpräsidenten Willi Stoph schrieb, und ihn um die vorzeitige Entlassung im August bat, damit ich rechtzeitig meine Arbeit bei dem Außenhandelsunternehmen WMW-Export antreten konnte. Dem wurde auch stattgegeben.

Zwischenspiel bei WMW-Export
Am 1.9.1960 begann ich meine Arbeit beim Außenhandelsunternehmen WMW-Export, das sich mit dem Verkauf von Werkzeugmaschinen, Metallwaren und Werkzeugen nach Westdeutschland und Westberlin befaßte und seinen Sitz in der Berliner Mohrenstraße hatte. Zusammen mit einem Kollegen bildete ich ein Gespann, er als Verkäufer, ich als Geschäftsbearbeiter. Vielschichtig das Warensortiment, von Werkzeugen über Emaillewaren aus Thale, Lauter und Fischbach bis hin zu Tresoren. Ich wohnte erstmals zur Untermiete in Berlin, in der Templiner Straße. Es folgten in den Jahren danach Umzüge in die Lychener Straße, die Metzer Straße und Christburger Straße. Überrascht war ich zunächst, daß man hier andere Radiosender empfangen konnte als in Erfurt, vor allem die leistungsstarken RIAS und Sender Freies Berlin. Aber ich gewöhnte mich schnell daran. Und schnell nutzte ich auch die Chance, so oft wie möglich nach Westberlin zu fahren bzw. vom Büro aus zu laufen. Nur rund 500 Meter war Westberlin entfernt. Oft war ich drüben zum Filmbesuch, meistens in Filmen, die für uns Ostler für ein Eintrittsgeld von 1:1 möglich waren, d.h. ohne Westgeld. Denn das hatten wir nicht genügend, und das Umtauschverhältnis von 1:5 in den Wechselstuben war ja ein echtes Problem. Ein wenig Westgeld beschaffte ich mir dadurch, daß ich Briefmarken aus Westdeutschland oder Westberlin, die ich durch meine Tauschverbindungen erhalten hatte, in einem Briefmarkenladen in Gesundbrunnen verkaufte. Von dieser Straße, dicht am S-Bahnhof gelegen, ist mir aber nicht nur dieser Laden in Erinnerung, sondern auch die Petticoats, die damals als Werbung in luftiger Höhe außen vor den Bekleidungsgeschäften hingen.
Die offene Grenze aber, die ich sehr schätzte, wurde vom Staat DDR weniger geschätzt, denn immer mehr Leute verließen den Arbeiter-und Bauernstaat Richtung Westen. Auch in meinem Außenhandelsunternehmen mehrten sich die Abgänge. Und ein wenig kam ich ins Grübeln, als der Vater meines Westberliner Freundes Sepp, der 1958 aus Erfurt in den Westen gegangen war, sich mal im Gespräch erinnerte, daß Westberlin zur Zeit der Luftbrücke von Juni 1948 bis Mai 1949 vollkommen isoliert war, nur noch durch die Luft zu versorgt wurde. Ich konnte mir so etwas nicht vorstellen. Zu sehr hatte ich mich an die offene Grenze gewöhnt. Und ich erkundete auch Westberlin noch nicht allzu sehr, weil ich ja in den kommenden vier Jahren Studium dazu genügend Zeit haben würde. Dachte ich… Aber an einem Augusttag wurde ich aus meinen Träumen geweckt. Als ich durch Erfurts Straßen spazierte, vermeldete der Stadtfunk über Lautsprecher, daß am 13. August 1961 die Grenze geschlossen worden sei. Unfaßbar, aber leider Realität. Bald war ich am Ort des Geschehens in Berlin, und mußte mit ansehen, wie zwar Westberliner noch nach Ostberlin konnten, aber nicht mehr umgekehrt. An der Brunnenstraße sah ich das Trauerspiel, und dann auch ganz in der Nähe meiner Wohnung an der Bernauer Straße.
Doch ich mußte mich damit abfinden.

Vier Jahre Studium
Die äußeren Bedingungen waren zwar anders, aber der Ort des Geschehens hatte sich nicht verändert. Die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät (kurz Wiwifak genannt) befand sich nahe der S-Bahn-Station Marx-Engels-Platz in einem altehrwürdigen Gebäude in der Spandauer Straße. Und der Clou war die Mensa, die sich einer ehemaligen Kapelle befand, direkt im Gebäude. Ein Glanzstück war auch die Aula, von der ich sehr gern die Vorträge der Professoren verfolgte. Doch viel spielte sich in den Seminarräumen ab. Und noch öfters hielt ich mich in der Bibliothek auf. Lesen war schon damals ein Faible von mir.
Vielseitig war das Angebot an Fächern. Sie reichten von Politischer Ökonomie, Philosophie, Studium des „Kapitals“ von Karl Marx, Technologie, Volkswirtschaftliches Rechnungswesen, Statistik, Russisch und Englisch bis hin zu Mathematik, Staatsrecht und natürlich meinem Spezialgebiet „ Geld und Kredit“. Dort kam ich auch mit der Börse, mit Devisen in Berührung, und schon damals meinte ich, daß das meine Zukunft werden könnte. Das wurde es zwar nicht, aber hochinteressant ist das auch heute noch für mich.
Noch sehr im Gedächtnis ist mir Professor Jürgen Kuczynski geblieben, der schon seit 1946 an der Berliner Humboldt-Uni lehrte und auch bei uns Vorlesungen hielt. Von Robert Havemann hörten wir nur von anderen Studenten, denn er hielt seine Vorlesungen im Hauptgebäude der Uni „Unter den Linden“.
Wir belegten alle Fächer, aber der Besuch von Vorlesungen und Seminaren wurde selten kontrolliert. Und das nutzten wir weidlich aus. Rückblickend war es ein leichtes Studium, verglichen etwa mit Jura oder Medizin. Deshalb hatten wir auch genügend Zeit, um uns in unserer Lieblingskneipe am nahen Hackeschen Markt aufzuhalten. Karten-und Würfelspiele verkürzten uns dort die Zeit, und da wir nicht gerade im Geld schwammen, spielten wir vorzugsweise um Kali (Kaffeelikör) oder später Pfeffi (Pfefferminzlikör). Aber wir spielten auch manche Nächte durch, zuhause in unseren Wohnungen. Skat war Trumpf, und manchmal die ganze Nacht „Ramsch“.

Ernteeinsatz und Stahlwerk
Aber nicht nur gespielt wurde. Wir durften auch arbeiten. Arbeitseinsätze im Luftfilterbau Berlin-Weißensee (ich arbeitete an der Exzenterpresse), beim Grabenziehen im Rhinluch im kleinen Städtchen Rhinow im Kreis Rathenow (in Gummistiefeln im Morast stehend, bearbeiteten wir mir Schaufel und Spaten den Boden), beim Ernteeinsatz in Massow nahe des Müritzsees, genauer in Kogel (Getreide ernten und dreschen, Kartoffeln sammeln; Spruch der Woche dort: Utemoritzkogel= so stellte sich die Tochter unserer Wirtseltern vor) oder aber im Edelstahlwerk in Freital bei Dresden (bei höllischer Hitze an der Gießgrube und bei 1,70 DM Stundenlohn). Dichter am Studium war z.B. ein Praktikum bei der Notenbank in Erfurt.
Stadtbekannt waren die Faschingsveranstaltungen in der Wiwifak, und ich erinnere mich besonders daran, daß 1964 Manfred Krug dort sang.
In unserer Seminargruppe hatte ich stets einen kleinen Kreis von mir besonders angenehmen Studienkameraden um mich geschart, vor allem Klaus Fricke, Wolfgang Hollax und Manfred Heger. Mit ihnen fuhr ich beispielsweise am 31.3.1963 nach Prag, wo wir im Stadion am Strahov die EM-Qualifikation der DDR-Auswahl mit einem 1:1 gegen die Tschechoslowakei feierten, nach einem 2:1-Sieg im November 1962 im Walter-Ulbricht-Stadion in Berlin.
Dort in Berlin hieß die Aufstellung der DDR-Mannschaft: Horst Weigang, Klaus Urbanczyk, Werner Heine, Hans-Dieter Krampe, Manfred Kaiser, Kurt Liebrecht, Henning Frenzel, Dieter Erler, Peter Ducke, Günter Schröder und Roland Ducke.

Als Kellner in der Riviera
Am 20.Juni 1964 kellnerte ich erstmals in der Ausflugsgaststätte „Riviera“ in Berlin-Grünau und verdiente mir seitdem dort einige Märker nebenher.
Schon über ein Jahr vor dem Studienabschluß führten wir Vorgespräche mit unseren künftigen Arbeitsstellen. Ich entschied mich für die Zentrale der Deutschen Investitionsbank, die ihren Sitz an der Ecke Charlottenstraß/Französische Straße mitten im Zentrum von Ostberlin hatte. Ich mußte mich verpflichten, das Studium in der vorgesehenen Zeit zu beenden, mit keinem anderen Betrieb einen Vorvertrag abzuschließen und am 1.9.1965 anzufangen. In der Abteilung Bauwirtschaft wurde ich als Referent eingestellt. So ganz glücklich war ich nicht damit, denn gerade die Bauwirtschaft interessierte mich nicht besonders.

Die Mühen zum Diplom
Doch zuvor mußte ich erst einmal das Studium abschließen. Manche Themen lesen sich mit dem Abstand von nunmehr 50 Jahren etwas fremdartig. So etwa die Diplomarbeit zum Thema „ Die ökonomische Hebelwirkung des Kredites bei der Finanzierung der Investitionen im Rahmen der General-und Hauptauftragnehmerschaft“, das Philosophiethema „ Die technische Revolution und das Wirken des Gesetzes vom vorrangigen Wachstum der Produktion von Produktionsmitteln“, die mündliche Prüfung in Politischer Ökonomie zum Thema „ Was wirkt auf das das Wachstumstempo der Volkswirtschaft“ oder aber die beiden Geographie-Themen „ Ökonomisch-geographische Charakteristik der Vereinigten Arabischen Republik“ und „ Die Rohstoffgrundlagen der DDR“. Aber letztendlich bestand ich alle schriftlichen und mündlichen Prüfungen und hielt dann glücklich das Diplom in der Hand hatte, zumal ich wußte, daß ich nicht allzuviel dafür getan hatte. Ab jetzt durfte ich mich Diplomwirtschaftler bzw. Finanzökonom nennen.

Arbeit im Bankensystem
Und ich durfte als Finanzökonom in der Zentrale der Deutschen Investitionsbank die Arbeit in der Abteilung Bauwirtschaft aufnehmen, um mich zunächst mit 15 Quartalsanalysen aus 15 Bezirksfilialen zu befassen, die sich wiederum mit der Planung und der Analyse der Baubetriebe auseinandersetzten. Einige Tage später durfte ich eine Analyse für meinen Chef anfertigen, die dieser wiederum beim Ministerpräsidenten Willi Stoph verwenden wollte. Telefongespräche mit Filialen in Dresden, Magdeburg, Gera, Leipzig und Gera sorgten für die Unterfütterung dieser Analyse. Aber in den nächsten Monaten bestätigte sich meine Anfangseinschätzung, daß mir diese Tätigkeit nicht so zusagen würde.
Entsprechend sind bei meinen Notizen aus dieser Zeit vor allem Erlebnisse beim Kellern in der „Riviera“ (mit Gästen wie Annekathrin Bürger, Frank Schöbel, Eva Maria Hagen, Gerd Ehlers), bei Betriebsvergnügen im „Haus Berlin“, bei Konzerten und Theaterbesuchen, bei Besuchen von Westlern im Rahmen des Passierscheinabkommens.
Ein eindrucksvolles Erlebnis war ein Abend im März 1966, als ich Elke Schmidt bei einem Betriebsvergnügen in der „Riviera“ kennenlernte. Sie, eine gebürtige Neuruppinerin, amüsierte sich dort bei einem Betriebsvergnügen. Ich bediente sie als Kellner und kam mit ihr ins Gespräch. Nach Abschluß der Veranstaltung fuhren wir gemeinsam mit der S-Bahn Richtung Berlin, aber dann war ich etwas zu langsam. Ich war einfach überrascht, als sie plötzlich am S-Bahnhof Warschauer Straße ausstieg, um von dort dann weiter mit der Straßenbahn zu fahren. Aber da half mir dann mein „Schreibtalent“. Ich schrieb ihr einen Brief, adressierte ihn an ihren Betrieb „Berlin-Chemie“. Der Brief kam an, fand Anklang und das erste richtige Treffen folgte bald. Unsere Bindung wurde immer enger und gipfelte in der Hochzeit am 10. Mai 1969 in Neuruppin.

Drei Monate Reservist
Im Herbst 1966 wurde ich zum dreimonatigen Reservistenlehrgang nach Sachsenhausen bei Oranienburg eingezogen. Diesmal durfte ich mich nicht wie damals in Erfurt an kleinen Kanonen abmühen, sondern an großen, schweren 122-mm-Haubitzen. Dabei holte ich mir auch einen kleinen Rückenschaden, der mich später vor weiteren Reservisteneinsätzen bewahrte. Ich bekam einen Wehrsold von 90 Mark, hatte oft Ausgang. Allerdings sollten wir nicht mit der S-Bahn nach Berlin fahren. Ich umging dieses Verbot, indem ich eine Station bis Lehnitz fuhr, dort ausstieg, im nahen Wald meine Privatkleidung anzog und so unbehelligt von Armeestreifen in der S-Bahn nach Berlin fuhr. Dieses Prozedere klappte bis zum Schluß reibungslos.
Während meines Reservistendienstes bahnten sich im Bankensystem der DDR einige Veränderungen an. Von Kollegen hörte ich, daß die Deutsche Investitionsbank wohl aufgelöst würde und eine Nationalbank und eine Wirtschaftsbank geschaffen würde. So ähnlich kam es dann auch.

Neue Arbeit in der Staatsbank
Aber zuvor durfte ich meinen endgültigen Abschied von der Armee feiern. Ende Januar 1967 bekam ich an einem Freitag meinen Personalausweis zurück, und auch den Wehrpaß mit einer blechernen „Hundemarke“, die ich bis heute aufbewahrt habe. Nach einer kurzen Ansprache vom „Spieß“ marschierten wir 120 Reservisten zum Kasernentor hinaus und mit Gesang zogen wir bis zum S-Bahnhof Oranienburg. Bis Berlin sangen wir im Zug, feierten dann noch in Schöneweide Abschied. Reibungslos klappte der Übergang ins zivile Leben, denn abends brachte ein Betriebsvergnügen die nötige Einstimmung. Und dort stellte ich Elke auch meinen Arbeitskollegen vor und fand große Zustimmung.
Am 1. Januar 1968 wurde die Deutsche Notenbank in Staatsbank der DDR umbenannt. Gleichzeitig wurde die Deutsche Investitionsbank aufgelöst. Für mich folgte ein reibungsloser Übergang zur Staatsbank. Damit war ich näher an das Geld gerückt, und weg von der Bauwirtschaft, mit der ich nie so richtig warm geworden war. In der Staatbank arbeitete ich also ebenfalls in der Zentrale, es gab in allen 15 Bezirken Filialen.
Das große Geld blieb zwar immer noch weit weg von mir, aber zumindest sah ich auf dem Hof oft die Geldtransporte, die von hier aus in das Land ausschwärmten. Nur einmal war ich ganz dicht dran. Wir bekamen den Auftrag, die Staatsreserve der DDR, die aus Geldnoten und Münzen bestand und sich in profanen Geldsäcken befand, im Gebäude der ehemaligen Reichsbank und nun Sitz des Zentralkomitees der DDR, am Werderschen Markt einfach von einem Stockwerk in das andere zu verlagern. Dort, wo sich heute das Außenministerium befindet, arbeiteten wir einige Tage lang. Jeweils nach strengen Einlaßkontrollen durften wir auf Schubkarren die Geldsäcke vor uns herfahren, hinein in den Fahrstuhl und dann wieder heraus auf einen anderen Stellplatz bringen. Ganz im Geheimen dachte ich schon daran, solch einen Sack einfach mitzunehmen, aber, das war ein Gedanke ohne eine Chance, Wahrheit zu werden. So blieb die Million weiter ein stiller Traum.

Lebenslauf 1969 Hochzeit
Kein Traum allerdings blieb eine Traumhochzeit. Am 10. Mai 1969 heiratete ich in Neuruppin Elke Schmidt. Nach dem formalen Akt im Standesamt kam der emotionale Höhepunkt in der Pfarrkirche zu Neuruppin, dort, wo sich heute die Künstler der Welt zur Freude des Neuruppiner Publikums die Klinke in die Hand geben. Erinnerlich sind mir weniger die Worte der Pfarrerin, als vielmehr der Ausmarsch aus der Kirche. Dort durften wir durch ein Spalier von Ruderfreunden gehen, die ihre Skulls über uns hielten. Ein bewegender Moment.
Bewegend später auch die Geburt meiner Tochter Ulrike am 20.Februar 1970 und meiner Tochter Petra am 16. April 1974.

Ulrike 6 Jahre
Weniger bewegend war die Arbeit in der Staatsbank, auch wenn es interessante Aufgaben gab, so etwa, weil ich immer die Geldbilanz des Staates, d.h. die Gegenüberstellung von Geldeinnahmen und Geldausgaben der Bevölkerung, mit erarbeiten mußte und dabei einen Einblick bekam, wie beides auseinanderdriftete. Kurz gesagt: Es war immer zu viel Geld vorhanden, und gab zu wenig Möglichkeiten, das Geld auszugeben. Das wurde zwar als Mangel erkannt, und anfangs hatte man auch mal den Gedanken, den Geldüberschuß mit Luxusgütern „abzuschöpfen“. Doch auch das blieb ein Wunschdenken. Die Mangelwirtschaft hatte uns fortan im Griff.
Und mit dieser Mangelwirtschaft mußten wir uns arrangieren, genauso, wie wir uns an die Mauer gewöhnen mußten und auch gewöhnten. Zeitweise, nach dem Abschluß des Helsinki-Abkommens im Jahre 1975 , schöpften wir Hoffnung. In diesem Abkommen wurde von Konfrontation auf Zusammenarbeit umgeschaltet und die Menschenrechte garantiert. In dieser Zeit klammerten wir uns an eine Politik des „Wandels durch Annäherung“, hofften auf eine wie auch immer geartete Normalisierung zwischen Ost und West. Doch gerade da zog man im zentralen Staatsapparat, zu dem auch die Staatsbank gehörte, die Zügel straffer. Die Beziehungen zu Bürgern kapitalistischer Staaten, wie damals der Terminus war, sollten nicht erleichtert, sondern erschwert werden. Mir wurde folgende Vereinbarung vorgelegt: „ Ich breche alle persönlichen und postalischen Kontakte zu Bürgern kapitalistischer Staaten ab. Einbezogen sind auch die in meinem Haushalt Wohnenden.“ Das Ganze wurde damit begründet, daß ich VVS-Sachen (VVS= Vertrauliche Verschlußsache) zu sehen bekäme und daß das Staatsgeheimnisse seien. Eine solche Kontaktsperre habe ich jedoch nicht unterschrieben. Danach wurde ich zwar nicht entlassen, aber ich durfte mir in Ruhe eine neue Arbeitsstelle suchen.

Westzeitungen ohne Ende
Am Ende hatte ich „das große Los“ gezogen. Am 15. Mai 1973 wurde ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Institut für Internationale Politik und Wirtschaft (IPW) angestellt, mit einem Gehalt von 1250.- Mark und 24 Tagen Urlaub. Meine Aufgabe bestand dort im Lesen von täglich drei Tageszeitungen (Die Welt, FAZ, Handelsblatt), von einer Vielzahl anderer westlicher Zeitschriften und Büchern. Außerdem kam ich Zeitungsausschnitte zugestellt, und aus all dem durfte ich Analysen über das Wirtschaftsleben in der Bundesrepublik und anderen westlichen Staaten anfertigen. Ich kümmerte mich vor allem um internationale Konzerne, kam mit der Währungspolitik und mit Börsenberichten in Berührung. Mein Büro befand sich in der Clara-Zetkin-Straße, nur 50 Meter von der Mauer entfernt. Es war schon paradox: ich sollte bei der Staatsbank alle Westkontakte kappen und nun war ich voll im Westen gelandet, zumindest auf dem Papier. Wer hatte damals schon so ein Privileg? Westfernsehen hatten wir zwar, aber doch keine Westzeitungen!

Das Laufen – eine Nische

Entsprechend wohl fühlte ich mich dort einige Jahre. Und in diesen Jahren entdeckte ich außerdem eine Nische, in der ich bis zur Wende und auch heute noch immer viel Freude gefunden habe: die Lauferei.

1983 25 km Quer durch Weißensee

1974 begann ich, die ersten langsamen Runden auf dem Zachertsportplatz in Berlin-Lichtenberg zu laufen. Schnell steigerte sich mein Trainingspensum. Ich nahm an vielen kleineren Wettkämpfen teil und bestritt am 29. März 1980 in Berlin – Grünheide meinen ersten Marathon. 1985 lief ich auf dieser Distanz meine Bestzeit von 3:08:57 Stunden, im Alter von 45 Jahren und als reiner Amateur. Mehr über meine Laufkarriere ist bald unter „Lauferlebnisse“ nachzulesen.
Zurück ins Arbeitsleben. Ich hatte mich schnell im IPW eingelebt, fand meistens Freude an der Arbeit und auch Bestätigung und Anerkennung für zahlreiche Veröffentlichungen, u.a. in unserer betrieblichen Zeitschrift „IPW-Berichte“. Doch nichts ist so schön, als daß es ewig bestehen kann. Und manchmal gibt es eine Zäsur, wenn die zwischenmenschlichen Beziehungen nicht mehr stimmen. So war es auch im IPW, und dafür verantwortlich im negativen Sinne war vor allem mein Chef Ernst Wurl. Und dieses Unbehagen hatte ich nicht allein, sondern auch meine engsten Kolleginnen und Kollegen. So gingen denn die, die es nicht mehr aushielten, und zu ihnen zählte auch ich.

40 Bewerbungsschreiben
Zunächst sah ich mich um, bewarb mich Ende 1977 bei rund 40 Betrieben. Dazu gehörten u.a.:
Palast der Republik, Staatliches Komitee für Rundfunk beim Ministerrat der DDR, Außenhandelsgesellschaft Unitechna, Aufbauleitung Sondervorhaben Berlin, Zentrum für Information und Dokumentation der Außenwirtschaft, Rationalisierungs-und Forschungszentrum des Gaststättenwesens, Künstleragentur der DDR, VEB Minol Kraftstoffe-Schmierstoffe, Ökonomisches Forschungszentrum des Binnenhandels, Zentrales Warenkontor Kulturwaren und Sportartikel, Interflug, Berliner Zeitung, Gesellschaft für Internationale Wirtschafts-und Marktberatung, VEB IFA-Vertrieb, Akademie der Wissenschaften, Dienstleistungsamt für Ausländische Vertretungen in der DDR, Zeitungsverlag National (Mitgliedschaft NDPD erforderlich), Zeitung „Der Morgen“, Friedrichstadt-Palast, Hotel Metropol, Verlag Junge Welt, Fernsehen der DDR, Interhotel Berolina, DTSB Bezirksvorstand, Staatssekretariat für Körperkultur und Sport, Akademie der Pädagogischen Wissenschaften, Sportforum Berlin, Neue Berliner Illustrierte (NBI), Genex, VEB Deutsche Schallplatten, Deutscher Turn-und Sportbund, Deutsches Theater, DEWAG-Berlin, FF dabei, Freie Welt, Horizont, Humboldt –Universität, Institut für Hochschulbildung, Interpret (Übersetzungsdienst), Intertext, Wochenpost, Sportverlag, Panorama DDR Auslandspresseagentur.
Ich führte zahlreiche Gespräche, konnte mich schwer entscheiden. Sehr dicht stand ich vor einer Arbeitsaufnahme in der Abteilung Planung und Ökonomie der Humboldt-Universität. Es wurde dort ein Posten als wissenschaftlicher Sekretär mit einem Gehalt von 1455.- frei. Die Kaderakte wurde angefordert, aber am 17.3. , also kurz vor meinem Geburtstag, wurde mir im Gespräch mitgeteilt, daß von „anderer Seite wegen meiner Westverwandtschaft von einer Einstellung abgeraten wurde“.
Nach vielen Abwägungen wählte ich zunächst, eben auch wegen meiner Nähe zum Sport, eine Anstellung beim DTSB, dem Sportbund der DDR. Nicht zuletzt auch deshalb, weil ich meinen künftigen Chef schon als Läufer kannte, arbeitete ich für rund ein Jahr in der Abteilung Freizeit-und Erholungssport ( = Breitensport) in der Storkower Straße und war dort für die Pressearbeit und die Zusammenarbeit mit Verlagen und wissenschaftlichen Einrichtungen verantwortlich.
Doch irgendwann fand ich diese Arbeit nicht mehr so prickelnd, zumal unsere Hauptaufgabe, die Leute für regelmäßiges Sporttreiben zu gewinnen, nicht eben einfach war. So hielt ich wieder nach einer neuen Arbeitsaufgabe Ausschau und wurde pfündig. Ich nahm ein Angebot der Auslandspresseagentur Panorama DDR an.

Panorama und Prisma
Panorama DDR, das klang nicht schlecht. Als Auslandspresseagentur bestand die Aufgabe darin, das Positive aus der DDR, vor allem aus Wirtschaft, Technik, Kunst, Kultur und Sport zu verbreiten. Ich kam in die Redaktion „Prisma“, zu dieser vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift, die analog zu „Readers Digest“ Artikel aus DDR-Zeitungen und Zeitschriften bearbeitete und nachdruckte. Die Zeitschrift erschien in Deutsch, Englisch und Französisch.
Eine kleine, aber nicht unwesentliche Notiz am Rande: Obwohl ich seit 1966 stets in staats-bzw. parteinahen Betrieben arbeitete, war ich niemals Mitglied der Staatspartei SED oder anderer Parteien, nicht bei den Betriebs-Kampfgruppen und auch nicht bei der Stasi. Zwar hinderte mich das daran, höhere Positionen zu erreichen, aber damit konnte und mußte ich leben.
Nebenher arbeitete ich ab November 1984 bei der Fachzeitschrift „ Leichtathlet“ in der Redaktion mit. Zunächst mit Beiträgen vor allen vom Laufgeschehen, später auch vom Leistungssport. Zudem arbeitete ich auch als Gestalter und Korrektor.
Meine Arbeit bei Prisma litt nicht darunter, denn dort brauchte die Vierteljahreszeitschrift weniger Engagement. Zuerst war Madelon meine Chefin, und als sie in Rente ging, folgte ihr 1986 Lilli. Kurz zuvor war 1985 auch mein Gehalt erhöht worden. Nunmehr verdiente ich 1380.- brutto plus steuerfreie 200.- Mit dem Gehalt ging es nach oben, mit dem Staat DDR beileibe nicht. Immer mehr Leute waren frustriert, fühlten sich eingesperrt und gegängelt. Und gerade wir Läufer sehnten uns danach, Rentner zu werden, um dann ab dem 65. Lebensjahr nach New York, Boston oder London zu den großen Marathonläufen reisen zu dürfen.
Andere DDR-Bürger versuchten, die Mauer auf vielseitigen Wegen zu überwinden, oder aber mit Hilfe von Ausreiseanträgen das Land zu verlassen. Für mich wurde meine Nische „Laufen“ immer wichtiger. Große Läufe am Rennsteig, in Kosice, Karlovy Vary und Budapest gefielen mir, aber da konnte ich noch nicht ahnen, daß ich 1987 eine Westreise bekommen würde, am Hamburg-Marathon teilnehmen konnte, ein Jahr später am München-Marathonlauf und 1989 am Halbmarathon in Zürich. Der einfache Grund: mein Onkel Karl, der in Eßlingen bei Stuttgart lebte, hatte im Mai Geburtstag und bot mir deshalb die Chance, im Rahmen der nun „weicheren“ Besuchsregelung das auszunutzen.

In den Fängen der Stasi
Im Nachhinein, als ich nach rund 20 Jahren meine Stasiakte einsah, mußte ich zwar nachlesen, daß mir die Stasi seit 1988 auf den Fersen war, d.h. ein OPK-Akte (OPK= Operative Personenkontrolle) unter dem Namen „Nurmi“ anlegte:

Stasiakte

Doch da ich davon nichts wußte, belastete es mich auch damals  nicht. Erst jetzt erfuhr ich, daß man all meine Post kontrollierte, meine Telefongespräche abgehört, während meiner Abwesenheit in meine Wohnung eindrang und im Betrieb Aufnahmen von meinem Arbeitszimmer machte. So fand ich nun in meiner Akte ein Foto, was die vielen Laufurkunden und Medaillen zeigte, die ich dort ausgestellt hatte. Und was war der Grund für diese Bespitzelung? Allein die Angst des Staates darüber, daß ich während meiner Läufe Kontakte zu Westlern aufgenommen hatte. Soviel Angst hatte der Staat DDR vor seinen Bürgern. Auch wenn man später feststellte, daß ich nur „laufverrückt“ sei und beileibe nicht den Staat bekämpfen wollte, stand ich doch kurz vor der Entlassung. Dem kam ich zuvor, weil ich wegen der schweren Erkrankung meiner Frau selbst bei Panorama DDR kündigte.
Aber auch die Stasi konnte den Lauf der Geschichte nicht aufhalten. Anders, als Erich Honecker einmal dachte, als er sagte: „Den Sozialismus in seinem Lauf, hält weder Ochs noch Esel auf“.
Der Auflösungsprozeß des Staates DDR beschleunigte sich. Ich war zwar daran nicht aktiv beteiligt, war auch nicht bei den zahlreichen Veranstaltungen in den Kirchen dabei (was ich später bedauerte). Ich eignete mich nicht zum Märtyrer, war  sicher zu feige, aber eben auch immer darauf bedacht, nicht meine Arbeit zu verlieren. So war es für mich schon eine „Leistung“, daß ich mich am 4. November 1989 der großen Demonstration von einer Million Berlinern anschloß und den Rednern auf dem Alexanderplatz Beifall zollte. Aber noch sahen wir alle eine schnelle Lösung nicht kommen.

Der Mauerfall
Um so größer war dann meine Überraschung am 9. November 1989 , als ich im Fernsehen die Pressekonferenz sah, auf der Günter Schabowski eine neue Reiseregelung verkündete und auf die Nachfrage, wann denn das gültig sei, stammelte: „ Nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich“. Verblüfft und im ersten Moment nicht erfassend, was das bedeutete, eilte ich in Neuruppin ins Wohnzimmer, wo die Glaser der Region eine Versammlung abhielten. Auch deren Verblüffung war groß, und die Versammlung wurde sofort abgebrochen. Ich habe es damals bedauert, daß ich nicht mehr ständig in Berlin wohnte, wo ich die Chance gehabt hätte, sofort an die Mauer zu eilen. Aber auch so war wenige Tage später meine Fahrt zum Übergang an der Invalidenstraße, der Gang zum Grenzpolizisten, der mir nochmals einen Passierstempel in meinen Personalausweis drückte und der folgende Gang durch ein Menschenspalier nach Westberlin ein berührendes Ereignis. Und solche Erlebnisse konnten wir nun ständig haben.
Es stürmte in diesen Zeiten sehr viel auf mich ein, privat und beruflich. Zuerst verstarb meine Frau Elke am 29. Juli 1988, dann knüpfte ich eine neue Verbindung zur Glasermeisterin Ruth aus Neuruppin – unser Band hält nun schon mehr als 26 Jahre.

Ruth und Peter Olympiastadion

Mit ihr genoss ich die ersten Monate nach dem Mauerfall. Sie, die ebenfalls ein bewegtes Leben hinter sich hatte, deren Eltern schon lange im Westen lebten und deren Bruder Achim nach einem von der Stasi verratenen Fluchtversuch im DDR-Zuchthaus landete und erst nach 3 Jahren in den Westen „freigekauft“ wurde, jubelte genau so wie ich über die Wiedervereinigung.
Gemeinsam waren wir wenige Tage nach dem Fall der Mauer am Reichstag und am Kurfürstendamm, und konnten das Glück kaum fassen. Und genauso ging es uns am 19. und 20.November, als wir erstmals mit unserem Wartburg in Kiel waren und dort meinen Schwager Achim besuchten. Strandbummel an der Ostsee, Besuch der Schleuse am Nord-Ostsee-Kanal und ein Spaziergang am Kieler Hafen, alles war so neu für mich. Und neu war auch die Zuneigung der Westler, die uns oft per Autolicht zublinkten und uns auf der Rückreise kurz vor der Abfahrt auf die Autobahn anhielten, um uns mit freundlichen Worten einen Obstbeutel zu überreichen. Auf einer Brücke standen Leute mit einem Spruchband „ Kommt bald wieder“. Nur schade, daß man diese Zeit der Euphorie nicht auf ewig festhalten konnte.

Vom „Leichtathleten“ zur „Leichtathletik“
In der Redaktion des „Leichtathleten“ gab es auch viel zu tun, denn ich war nun der verantwortliche Redakteur. Wenige Wochen zuvor war mein Chef Jörg von einer Dienstreise nach Schweden nicht mehr zurückgekommen, sondern im Westen geblieben. Er landete in Köln, war zunächst beim „Kölner Express“ und später bei der West-„Leichtathletik“ beschäftigt.
Je näher die Wiedervereinigung rückte, desto unübersichtlicher wurden die Zustände in der DDR, und damit auch im Zeitungswesen. Zwischenzeitlich konnte ich den Preis des „Leichtathleten“ allein bestimmen, setzte ihn zunächst auf 1 Mark und dann auf 1,50 Mark, weil ich die staatlichen Subventionen abbauen wollte. Nun mußte ich meine Kontakte zu den westdeutschen Journalisten und Läufern nicht mehr verheimlichen. Silvester 1989 führte ich vormittags am Rande des Laufes im Plänterwald Gespräche mit Manfred Steffny (Chef der Laufzeitschrift „Spiridon“) und Thomas Steffens von der Schweizer Laufzeitschrift „Runners World“ (heute in Berlin bei SCC Events). Nachmittags war ich als Zuschauer beim Westberliner Silvesterlauf am Teufelsberg, am Neujahrstag dann aktiv als Läufer beim Superlauf durch das Brandenburger Tor, danach als Journalist bei der Pressekonferenz in der Kongreßhalle und abends beim Gespräch mit dem besten westdeutschen Marathonläufer Herbert Steffny bei meinem Ostberliner Lauffreund Roland. Unvorstellbar war das noch vor wenigen Monaten gewesen.
Unvorstellbar auch, welche beruflichen Chancen sich nun auftaten. In Neuruppin bot sich die Möglichkeit, bei zwei neuen Tageszeitungen mitzuarbeiten. Aber ich wollte in Berlin bleiben und blieb es auch für eine lange Zeit. Schon im Januar 1990 hatte ich das erste Gespräch mit dem verantwortlichen Vertreter der West-„ Leichtathletik“, die in Köln herausgegeben wurde. Man wollte die Möglichkeiten zur Zusammenarbeit ausloten. Das Ende des Ost „Leichtathleten“ bahnte sich dann bald an. Die Wende brachte es mit sich, daß die Auflage von ehemals 15.000 Stück gehörig einbrach. Und klar war dann auch, daß zwei Fachzeitschriften, die über die Leichtathletik berichteten, nicht mehr nebeneinander existieren würden.

Neujahrslauf 1989-1990
So war es keine Überraschung mehr, daß der Generalsekretär des Deutschen Verbandes für Leichtathletik (DVfL) Heinz Kadow am 30.7.1990 an die Union-Druckerei mit Sitz in der Berliner Charlottenstrße 79 schrieb: „ Mit dem 1. Oktober 1990 verliert der DVfL der DDR seine juristische Selbständigkeit. Ab 1.10.1990 gehen somit alle Entscheidungsbefugnisse an den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) über. Damit wird die Herausgabe unseres Fachorgans „Der Leichtathlet“ als eigenständige Zeitschrift eingestellt. Ausdiesem Grund bitten wir, den Vertrag über den Druck unseres Fachorgans in Ihrer Druckerei aufzuheben“.
Unkompliziert war es anschließend für mich, bei der West-„Leichtathletik“ anzukommen. Im Penta –Hotel in der Nürnberger Straße in Westberlin führte ich das entscheidende Gespräch mit dem Verantwortlichen des Kölner Verlages. Ab 1. Oktober 1990 wurde ich dort als Redakteur angestellt und durfte von Berlin aus meine Beiträge über die Leichtathletik in den Ost-Ländern nach Köln schicken.
Viel Neues stürmte nun auf mich ein. Vor allem durfte ich die neuen technischen Möglichkeiten mit dem Einsatz des Computers und des Internets nutzen. Beiträge aus dem Ausland wurden bald schon nicht mehr telefonisch in die Heimatsredaktion übermittelt, sondern per Modem übers Internet. Normal wurde es für mich, bei den Deutschen Meisterschaften in der Halle und im Freien dabei zu sein. Aber vor allem genoß ich es, bei den internationalen Höhepunkten arbeiten zu dürfen. Ein erster Höhepunkt war die Weltmeisterschaft 1993 in Stuttgart. Das war nicht nur wegen der deutschen Erfolge eines Lars Riedel oder einer Heike Drechsler so eindrucksvoll, sondern auch wegen der Leistungen eines Carl Lewis, Michael Johnson, Haile Gebrselassie, Javier Sotomayor, Sergej Bubka oder einer Merlene Ottey.

Internationale Höhepunkte
Es folgten viele Reisen, so zur Hallen-EM 1994 nach Paris, der EM 1994 nach Helsinki, der Hallen-WM 1995 nach Barcelona, der WM 1995 nach Göteborg, der Hallen-EM 1996 nach Stockholm, der Hallen-WM 1997 nach Paris, der WM 1997 nach Athen, der EM 1998 nach Budapest, der EM 2002 nach München und der WM 2009 zuhause in Berlin.
Rückblickend darf ich sagen, daß mein bisheriges Leben selten langweilig war, viel Abwechslung und vor allem viele interessante Begegnungen mit Leuten aus allen Lebensbereichen brachte. Und das soll auch in den nun folgenden fünfundzwanzig Jahren so sein.

Peter Grau

21. März 2015

 

Meine Lebenspartnerin Ruth hat in ihrem Leben sehr viel erlebt. Es lockt mich einfach, darüber auch Geschichten zu schreiben.

Eine davon ist nachfolgend zu lesen, weitere werden folgen:

Ruth Scheerer:

Mein steiniger Weg zum Meisterbrief

An diesen Tag im Dezember 1965 kann ich mich noch recht gut erinnern. Man schrieb den 7. Dezember und wir sieben Meisteranwärter hatten in der Handwerkskammer in der Charlottenstraße 34 in Potsdam unsere letzten fachlich-theoretischen Prüfungen abgelegt. Die praktischen Prüfungen waren schon zuvor in Berlin absolviert worden. Ich war mir sicher, daß ich alles bestanden hatte, und so war es dann auch. In einer kleinen Feierstunde in der Handwerkskammer erhielten wir die Meisterbriefe. Unsere Freude war groß, und als Dank spendierten wir unseren Prüfern ein Glas Sekt, wohl wissend, daß das nun keine Bestechung mehr war.

Zuhause in Neuruppin feierten wir dann im Familienkreis weiter, mit meinem Mann Klaus, meiner Tochter Karen, den Schwiegereltern und Familie Steinberg. Ich war glücklich, denn es war für mich ein langer und kein leichter Weg gewesen. Aber nun durfte ich mich Glasermeisterin nennen. Das klang doch besser als Glasergesellin, und für mein Geschäft war es auch förderlich.

Wie hatte alles begonnen?

Schulzeit und Lehre

Zur Schule bin ich von 1945 bis 1953 gegangen, und zwar in die Rosa-Luxemburg-Schule. Das war damals nur eine Mädchenschule. Die Schule hat mir zwar meistens Spaß gemacht und ich hatte auch immer viele Freundinnen und Freunde. Doch die Entscheidung, ob ich danach auf die Erweiterte Oberschule gehen würde, wurde mir abgenommen. Damals hing nicht alles nur von Zensuren ab. Vielmehr war wichtig, welchen Berufsstand die Eltern hatten. Arbeiter- und Bauernkinder wurden klar bevorzugt. Mein Vater war zwar Bauer, aber eben Großbauer, d.h. er hatte Ackerland knapp über 50 Hektar und dazu noch Pachtland. Das reichte aus, enteignet zu werden. So stand das Signal Richtung Oberschule für mich klar auf Rot. Es blieb nur der Weg, eine Lehrausbildung zu beginnen. Kurz hatte ich mal den Gedanken, Fotografin zu werden. Doch als ich das äußerte, wurde ich nach meinem Alter gefragt. „ 14 Jahre,“ sagte ich, und man meinte, dann könne ich                  nicht Fotografin werden. Dafür sei ich noch zu jung, ich solle in zwei Jahren wieder kommen. Damit war das für mich absolut erledigt.

Es bot sich vielmehr wie auf dem Silbertablett der Glaserberuf an. Ich hatte schon vorher meinem Großvater Franz Marwäde geholfen, der Glasermeister war und seine Werkstatt in der Neuruppiner  Schäferstraße Nr. 5  hatte. Im gleichen Haus wohnten wir, und ganz in der Nähe, in der August-Bebel-Straße, wohnte der Karosseriemeister Wilhelm Hintze, mit dem mein Großvater gute geschäftliche Beziehungen hatte. Und irgendwie ist es kein Zufall, dass dessen Sohn Wolfgang und ich im Jahre 1995 fast gleichzeitig den Meisterbrief erhielten und nun gemeinsam das 50-jährige Meisterbrief-Jubiläum feiern können.

Jedenfalls hatte ich schon früh ins Glasergeschäft geschaut. Als Kind ging ich viel lieber zu meinem Großvater in die Werkstatt, als in die Küche, wo ich mich meiner Mutter und meiner Oma unterordnen mußte. Ich fand es spannend, was Opa alles „trieb“. Und ich hörte ihm nicht nur gern zu, wenn er  aufregende Märchen erzählte, sondern auch, wenn er aus früheren Zeiten berichtete.

Mit dem Glas über den gefrorenen See

In Erinnerung ist mir geblieben, daß er damals, als noch  junger Mann, sich die Glasscheiben auf einem Tragegestell auf den Rücken gepackt hatte, die Schlittschuhe anschnallte und über den oft zugefrorenen Ruppiner See auf die andere Seite zu  Dörfern wie  Wuthenow oder Wustrau  fuhr, um dort die Scheiben einzusetzen.  Und ich fand es aufregend, wenn er erzählte, daß er andererseits die größeren Glasscheiben auf einen extra angefertigten großen Handwagen stapelte und die ganze Fuhre gemeinsam mit einem kleinen Schäferhund durch die Stadt zog. Heutzutage ist das kaum zu glauben. Wie einfach ist doch der Transport von Glas geworden.

Nicht einfach war es für meinen Großvater, die täglichen Glaserarbeiten zu schaffen. So war es für ihn fast ein Segen, als mein Vater ihm helfen konnte.

Meine Eltern waren nach ihrer Enteignung 1947 aus Neuruppin verwiesen worden und im Harz bei Verwandten gelandet. Aber sie wollten unbedingt wieder nach Neuruppin zurück. Mein Vater hatte einen Freund, der in Beetz eine Landwirtschaft betrieb. Dorthin ging er zunächst, denn im Herzen war er immer noch Bauer. Aber dann 1950 durfte mein Vater wieder zurück nach Neuruppin,  begann bei meinem Großvater im Geschäft zu arbeiten, machte seine Gesellenprüfung und die Meisterprüfung.

Der Kampf um den Stuhl

Für mich war jedenfalls klar, daß ich Glaser werden wollte. Dazu war eine dreijährige Lehre notwendig.

Die erste Bewährungsprobe hatte ich am ersten Tag in der Berufsschule zu bestehen. Ich war das einzige Mädchen in der Klasse, und die Jungs waren anfangs beileibe nicht Kavaliere. An meinem Platz fehlte zunächst der Stuhl. Ich packte meine Bücher aus und hielt dabei nach dem fehlenden Stuhl Ausschau. Ich sah, daß in der Reihe hinter mir zwei Jungs auf drei Stühlen saßen, also auch auf meinem. Da sie meiner Aufforderung, den Stuhl zurückzustellen, nicht nachkamen, handelte ich spontan und schlug den beiden, die mich grinsend ansahen, meine Schulhefter auf den Kopf. Die anderen Schüler lachten sich die Seele aus dem Hals und ich bekam ganz schnell meinen Stuhl. Damit war ein für alle Mal geklärt, daß ich mich nicht „unterbuttern“ lassen würde. Die weitere Berufsschulzeit verlief dann sehr harmonisch.

Die allgemein-theoretische Ausbildung erfolgte in der Neuruppiner Schifferstraße. Dort trafen sich die Lehrlinge vieler Gewerke, so Tischler, Schumacher, Rundfunkmechaniker, Laborantinnen und eben auch Glaser.

Zur praktischen Ausbildung fuhr ich zuerst  nach Potsdam, wo eine Fachschule für Glaser existierte. Doch weil mein Vater gemeinsam mit zwei weiteren Glasermeistern durchgesetzt hatte, daß auch in Neuruppin eine Fachschule für Glaser entstand, konnte ich nach einem Jahr Potsdam die restlichen zwei Jahre zuhause in Neuruppin lernen. Es machte mir Spaß, ich zeigte auch gute Leistungen und wurde dafür ausgezeichnet. Die größte Auszeichnung bekam ich aber dann für die  erfolgreiche Gesellenprüfung. Im Neuruppiner Stadtgarten erhielt ich gemeinsam mit vielen Lehrlingen anderer Gewerke meinen Gesellenbrief.

Mit diesem Gesamtlob für meine drei Lehrlingsjahre im Rücken arbeitete ich nun mit noch mehr Elan bei meinem Großvater. Und der war froh, daß ich das Bildergeschäft übernahm, denn das mochte er nicht so sehr. Vorher veranlaßte mein Vater noch, daß eine neue Werkstatt gebaut und neue Maschinen angeschafft wurden. Unser Arbeitsfeld weitete sich immer mehr aus. Es reichte von der Bauverglasung über Schleifarbeiten,  Bleiverglasung bis zur Bilderrahmung.

Das Geschäft stand auf der Kippe

Einen Einschnitt, sowohl familiär als auch geschäftlich gab es, als mein Vater im Jahr 1957 in den Westen flüchtete. Die näheren Umstände dazu sind im Buch meines Bruders Hans-Joachim Gutschmidt  „Ein Deutscher aus Deutschland“ auf Seite 97/98 nachzulesen. In diesem lesenswerten Buch beschreibt mein Bruder seinen gesamten turbulenten Lebensweg. Das Buch erschien 2011 im Engelsdorfer Verlag unter dem Pseudonym Hajo Achim. ISBN 978-3-86268-590-5.

Für das Glasergeschäft  stand jedenfalls das Aus vor der Tür, denn weil auch der Geselle Horst plötzlich fehlte –  ihn hatte man wegen des Verdachtes der Spionage festgenommen und eingesperrt-,  fehlten plötzlich die beiden wichtigsten Arbeitskräfte. Mein Großvater, damals schon 80 Jahre alt, verpachtete deshalb das Geschäft an Glasermeister Trapp. Ich war bei diesem angestellt, übernahm den Bilderladen in der großen Straße, direkt neben dem Fachgeschäft Insel und rahmte dort Bilder bzw. verkaufte Bilder. Nach einiger Zeit stellte sich aber heraus, daß Trapp zwar ein guter Glasergeselle war, sich aber nicht als Meister eignete. Er konnte für die Werkstatt, die Wohnung  und das Bildergeschäft nicht mehr die Miete zahlen und war bald pleite. Damit stand die Zukunft der Glaserei erneut in den Sternen.

Da kam Wolfgangs Vater Wilhelm Hintze zu mir und sagte: „ Mädchen, das kannst Du doch hier machen. Hast ja schon die eine Prüfung in Deiner Meisterausbildung fertig. Den Rest schaffst Du auch noch“.

Ich überlegte nicht allzu lange und übernahm  1963 die Glaserei. Und damit war die Familientradition, die im Jahre 1838 begann, gewahrt.  Was sich im Nachhinein so einfach liest, war wahrlich nicht einfach.   Immerhin hatte ich eine Familie, hatte mit gerade mal 20 Jahren 1959  Klaus Scheerer geheiratet. Am 10. November 1962 kam mit meiner Tochter Karen Familienzuwachs. Anfangs wurde Karen von ihrer Urgroßmutter beaufsichtigt. Mit drei Jahren kam sie in den Evangelischen Kindergarten. Damit waren wir und sie sehr zufrieden.

Eine außerordentliche Belastung bildete meine Meisterausbildung, die ich praktisch so „nebenbei“ bestreiten mußte, neben Geschäft, Kind, und Haushalt. Einmal pro Woche fuhr ich anfangs zur Ausbildung nach Berlin in die Prenzlauer Allee, später nach Potsdam- Babelsberg.

Aller Anfang ist schwer

Horst Gutsche war inzwischen entlassen worden und bekam bei der Bahn Arbeit.  Als ich ihn einmal auf der Straße traf,  machte ich ihm den Vorschlag, daß er bei mir arbeiten solle. Ich war kurz davor, mich selbständig zu machen. Wir wußten beide, daß wir es zusammen können. Horst war Lehrling bei meinem Großvater gewesen, hatte noch vor mir die Gesellenprüfung abgelegt. Er war während meiner Lehrzeit mein Lehrgeselle.

Horst willigte sofort ein, denn er hing nach wie vor an seinem Glaserberuf, hat bis heute eine große Nähe zum Glas in all seinen Facetten. Gemeinsam schafften wir den schweren Anfang. Weil wir zunächst kein Fahrzeug hatten, waren wir darauf angewiesen, daß  Angestellte von der Post und dem Krankenhaus oder Privatpersonen unser Glas transportierten.

Mein erster Lehrling war Monika Hein. Sie arbeitete sich schnell ein, bewältigte alles gut und wurde zu einer großen Stütze. Ich hatte mir es überhaupt von Beginn an zum Prinzip gemacht, auszubilden. Dadurch bekam ich dann auch immer wieder Arbeitskräfte, deren Können ich kannte. So beispielsweise Roland Rochow, der lange bei mir arbeitete und heute als selbständiger Glasermeister in Alt Ruppin tätig ist. Da ich neben der Arbeit nicht mehr alle schriftlichen Arbeiten sowie den Telefonverkehr selbst bewältigen konnte, stellte ich Sabine Wendorf als Sekretärin ein.

Gelernt hat auch mein Mann Klaus Scheerer bei mir. Er war Bibliothekar in Potsdam und hatte in Neuruppin den Auftrag bekommen, die Stadt-und Kreisbibliothek zu leiten. Doch damit war er nicht so glücklich, wollte unbedingt bei mir arbeiten. Ich meinte aber, er solle noch dort bleiben, weil wir sein Gehalt noch brauchten. Es war nicht klar, ob mein Geschäft laufen würde.  Aber abends, nach seiner Arbeit, übte er schon im Betrieb. Es hat ihm gefallen, er hat auch die Gesellenprüfung gemacht. Er fuhr dann immer das Firmenauto, einen Wartburg-Kombi, den ich seit 1965 hatte, zu den Baustellen. Dort leistete Horst  dann die Hauptarbeit. Bei Klaus ließ später leider der Einsatz für das Geschäft sehr nach, was dann auch zur geschäftlichen und privaten Trennung führte.

                                      Episoden aus dem Glaser-Leben

Russisches Feuerwerk

Glas war zu DDR-Zeiten oft Mangelware, aber irgendwie ging es immer weiter, bekamen wir immer wieder Lieferungen. Und manchmal war es auch gut, wenn wir Glas auf Vorrat im eigenen Lager hatten. Wie auch an diesem Tag im Jahre 1985. Da bekam ich die Nachricht, daß die Russen im nahen Frankendorf mit Leuchtmunition herumgeschossen hatten und daß dabei viele Fensterscheiben im Ort zu Bruch gingen. Das Dumme daran: Es war Winter und die Bewohner standen plötzlich mit offenen Fenstern da.  Am gleichen Abend habe ich meine Leute zusammengetrommelt, meinen Glasbestand „geplündert“  und die Fenster wieder verglast. Ich habe fortwährend  Kaffee gekocht und Otto Theel, damals Sekretär für Wirtschaft der SED-Kreisleitung Neuruppin und später Bürgermeister der Stadt,  stand mir die ganze Nacht über helfend zur Seite. Der Dank der Einwohner war uns gewiß. Aber nun fehlten mir die Scheiben für andere Kunden, denn ich hatte sie ja aus meinem Bestand genommen. Aber besondere Anlässe erfordern besondere Maßnahmen. Wir bekamen die Nachricht, daß wir aus dem   Glaswerk Torgau Glas holen könnten. Als Transporteure wurden die Russen „verdonnert“, denn sie hatten den Schaden ja angerichtet. Sehr   lange wartete ich abends auf die Ankunft des Glastransportes.  Ich wußte nicht, daß die Russen nicht auf der Autobahn fahren durften. Ich sollte mit den Russen fahren, weigerte mich aber und so fuhr jemand von der Kreisverwaltung mit. Der rief dann an und meinte, daß es noch dauern werde.  Die Russen kamen im Dunkeln an, aber sie mußten nicht das Glas abladen, sondern durften sich im Frühstücksraum an einen gedeckten Tisch setzen. Leckere Häppchen und  Getränke hatte ich bereitgestellt, und es dauerte eine Weile, ehe die Russen, die so etwas nur  selten geboten bekamen und die auch in ihren Kasernen kein Schlaraffenland vorfanden, begriffen, daß das „Büffet“ für sie aufgebaut war. Da kullerten ihnen Tränen der Rührung herunter. Sie werden diesen Abend wohl nie vergessen haben.

Der Glas-Diebstahl

Ein andermal wurden uns während der Anlieferung mit der Bahn aus einem Waggon einige Kisten Glas gestohlen, die wir  fest für die Verglasung der Schule in der Gerhart-Hauptmann-Straße eingeplant hatten.  Da damals in der DDR  trotz oder gerade wegen der Mangelwirtschaft vieles getan wurde, um „den Bevölkerungsbedarf“ zu decken, wandte ich mich deshalb an den Chef der SED-Kreisleitung Neuruppin, schilderte die Dringlichkeit und bat um Hilfe. Sie wurde mir gewährt und per LKW wurde uns das Glas angeliefert und wir konnten die Schule verglasen.

Die Bilderschlange

Materialmangel hinderte uns oftmals daran, alle Wünsche unserer Kunden zu erfüllen. Bestes Beispiel: Das Einrahmen von Bildern. Hier waren die Bilderleisten für die Rahmen der wunde Punkt. Die wurden von einer Firma in Mecklenburg für den Westexport hergestellt und das hatte natürlich Priorität. Man erlaubte uns nur alle drei Monate, dort Leisten abzuholen. Nach dem Motto: Sie wissen doch, wann der Buchstabe S (wie Scheerer) im Alphabet kommt. Es gab also nie ausreichend Leisten, und die Nachfrage konnte deshalb auch nie  vollkommen befriedigt werden. Jeweils einmal im Quartal wurden Bilder angenommen, und an diesem Tag bildete sich immer eine lange Kunden-Schlange vor unserem Geschäft. Mein Geselle Roland meinte dann immer: „Es hat schon wieder ein Dampfer angelegt.“

Isoscheiben für die Ställe

Als das Thermoglas seinen Einzug im Glasergewerbe nahm, erkannte ich schnell die Chance, die sich damit bot. Ich wurde als vierte Firma registriert, die zum Einbau von Thermoglas im gesamten Bezirk Potsdam zugelassen wurde (damals gab es in der DDR keine Länder, sondern 15 Bezirke). Damit war ich der Konkurrenz eine Nasenlänge voraus.

Manchmal mußten wir auch sehr erfinderisch sein. Hatten wir „blinde“ Thermoscheiben ausgebaut, dann wurden die nicht alle auf den Glasmüll geworfen. Vielmehr schnitten wir die Scheiben auf und verwendeten sie  für die Fenster der Ställe.  Diese hießen zwar damals Offenställe, aber für die Tiere waren verglaste Fenster günstiger, weil damit die Wärme in den Räumen gehalten wurde.

Vorliebe für Bilder

Schon seit meiner Lehrzeit gefiel mir die Arbeit rund um das Bild am besten. Und damit ist dann beileibe nicht nur das Aussuchen und Zuschneiden von Leisten und das Rahmen der Bilder gemeint. Bilder müssen oft wie „rohe Eier“ behandelt werden, man kann viel erhalten, aber auch schnell etwas zerstören. Man kann den einen Kleber einsetzen und darf beim nächsten Bild auf keinen Fall diesen Kleber nehmen. Wo man das eine Bild getrost festklopfen kann, zerstört man beim anderen damit die Farbpigmente. Wo dieses Gemälde nur leicht angefeuchtet werden will, muß jenes unbedingt trocken bleiben. Und das ist beileibe nicht alles.  Aber es reizte mich immer, die Bilder so zu behandeln, daß sie später den Kunden viel Freude bereiteten.

Platzmangel

Der Betrieb lief jedenfalls gut an. Aber der Platz  wurde immer knapper, die Werkstatt in der Schäferstraße 5 platzte aus allen Nähten. Und es gab dort nur einen schmalen Hausflur, sodaß es schwierig war, dort das Glas hindurchzutragen. So war es bereits eine Entlastung, daß wir in  der Friedrich-Ebert-Straße 2 ein Glaslager hatten, dort das Glas zuschnitten und zur Baustelle transportierten. Aber ein Dauerzustand war das nicht, und die engen Platzverhältnisse waren auch ein Grund dafür, daß wir in die Friedrich-Ebert-Straße 2 umzogen.

Doch es war viel umzubauen. Aus dem Schuppen wurde eine Werkstatt, aus mehreren kleineren Wohnungen wurde eine größere Wohnung für uns. Manchmal fühlte ich mich nicht mehr als Glasermeisterin, sondern eher als Baumeisterin.

Das Geschäft mußte aber trotzdem weiterlaufen und auch meine Meisterausbildung durfte nicht darunter leiden. Und sie litt nicht, ich bestand alle Prüfungen und war dann sehr froh, als ich am 7. Dezember 1965 meinen Meisterbrief in den Händen hielt.

Neuruppin, den 7. Dezember 2015

(nach aktuellen Gesprächen und Aufzeichnungen aus der Vergangenheit aufgeschrieben von  Peter Grau)