{"id":124,"date":"2015-12-02T17:13:57","date_gmt":"2015-12-02T16:13:57","guid":{"rendered":"http:\/\/petergrau.laufserver.de\/?p=124"},"modified":"2016-04-22T18:11:08","modified_gmt":"2016-04-22T16:11:08","slug":"sven-matthes-sprintet-durchs-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.petergrau-leichtathlet.de\/?p=124","title":{"rendered":"Sven Matthes sprintet durchs Leben"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.petergrau-leichtathlet.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Sven-Matthes-4.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-244\" src=\"http:\/\/www.petergrau-leichtathlet.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Sven-Matthes-4-300x199.jpg\" alt=\"Sven Matthes 4\" width=\"300\" height=\"199\" srcset=\"https:\/\/www.petergrau-leichtathlet.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Sven-Matthes-4-300x199.jpg 300w, https:\/\/www.petergrau-leichtathlet.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Sven-Matthes-4-1024x680.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Er sprintete die 100 Meter in 10,11 Sekunden, war Hallen-EM-Vierter im Jahr 1988 und nahm an den Olympischen Spielen in Seoul teil. K\u00fcrzlich beim ISTAF- Indoor 2015 in Berlin sprach man erneut von ihm, weil sein aktueller deutscher Hallenrekord \u00fcber 60 m, den er seit dem 13.2.1988 mit 6,53 sec h\u00e4lt, in Gefahr war. Doch noch h\u00e4lt er und Sven Matthes meint: \u201e Er darf auch noch l\u00e4nger halten, meinetwegen 30 Jahre\u201c.<\/strong><\/p>\n<p>Man merkt also, wie stolz er auf diesen Rekord ist.<br \/>\nAber nicht nur Sprint hatte er immer im Kopf. Auch auf seine berufliche Entwicklung legte er viel Wert. Heute lebt und arbeitet der 45-J\u00e4hrige in Berlin<\/p>\n<p>Erstmals urkundlich als Sprinter erw\u00e4hnt wurde Sven Matthes 1980, wie er sich heute mit Stolz erinnert. \u201e Ich wurde in 8,1 Sekunden \u00fcber 60 m Berliner Meister und lief Berliner Rekord \u201c.<\/p>\n<p><strong>Bernsteinpokal f\u00fcr 10,11 sec<\/strong><\/p>\n<p>Sven Matthes war anfangs <strong>Sprinter und Weitspringer<\/strong>, doch als er zur Kinder-und Jugendsportschule \u201eWerner Seelenbinder\u201c ins Berliner Sportforum kam, sagte man ihm, da\u00df beides gleichzeitig nicht gehe und man Sprinter brauche, vor allem auch f\u00fcr die Staffel. Matthes, schon immer mit dem Munde vornweg, meinte, da\u00df er das nicht verstehe, denn \u201e <strong>ein Carl Lewis k\u00f6nne doch auch beides<\/strong>\u201c. Doch die Funktion\u00e4re setzten sich durch, und als sie sp\u00e4ter Heike Drechsler erlaubten, beide Disziplinen auszu\u00fcben, war es f\u00fcr Matthes f\u00fcr einen Wechsel zu sp\u00e4t. Er blieb also beim Sprint h\u00e4ngen, und das recht erfolgreich, denn immerhin kann er auf eine <strong>100-m-Bestzeit von 10,11 sec<\/strong> verweisen.<br \/>\nDiese Zeit lief er am<strong> 22. Juni 1989 in Rostock beim Bernsteinpokal<\/strong> und bekam daf\u00fcr einen Pokal, weil seine Leistung am n\u00e4chsten zum Weltrekord lag. Damit war er damals Neuntschnellster in der Welt. Ein Jahr zuvor verfehlte er bei der Hallen-EM 1988 in Budapest nur knapp eine Medaille. Im Finale gewann <strong>Linford Christie<\/strong>, aber die folgenden drei L\u00e4ufer, unter ihnen auch Matthes, warfen sich wie an einer Perlenschnur aufgereiht ins Ziel.<\/p>\n<p>Die Verteilung der Pl\u00e4tze war unklar, aber die DDR-Funktion\u00e4re scheuten sich, die 50-Dollar-Geb\u00fchr f\u00fcr ein Zielfoto auszugeben. Dabei h\u00e4tte es dem Berliner wahrscheinlich eine Medaille gebracht. \u201e Von der rechten Seite sah die Zielkamera mich vorn\u201c, erinnert sich Sven Matthes. \u201e Von der linken Seite lagen die anderen vorn\u201c. Aber letztendlich wurde er auf den undankbaren medaillenlosen <strong>vierten Platz g<\/strong>esetzt. Als Trost versprach man ihm aber in die Hand, da\u00df er bei den Olympischen Spielen in Seoul teilnehmen d\u00fcrfe, falls die Leistung stimme. Die Leistung im Vorfeld stimmte. Zwischendurch wurde er in Kanada Juniorenvizeweltmeister, und bei den DDR-Meisterschaften in Rostock schlug er in 10,19 sec die erfahrenen<strong> Bringmann und Emmelmann.<\/strong> Der Berliner, der f\u00fcr das olympische Einzelrennen als einziger DDR-Sprinter nominiert wurde, schaffte es dann dort bis ins Viertelfinale. Als Augenzeuge erlebte er das spektakul\u00e4re Finale \u00fcber 100 m, das Ben Johnson vor Carl Lewis gewann und die nachfolgende Disqualifikation des Kanadiers wegen Dopings.<br \/>\nAussichtsreicher w\u00e4re nach seinen Worten aber eine DDR-Staffel gewesen. Eine solche Staffel war vor Olympia beim L\u00e4nderkampf mit der Bundesrepublik in D\u00fcsseldorf in der Besetzung mit Matthes, Steffen Bringmann, Olaf Prenzler und Frank Emmelmann in 38,53 sec Jahresweltbestzeit gelaufen.<br \/>\nDoch die Staffel durfte aus politischen Gr\u00fcnden nicht starten, sehr zum Verdru\u00df von Sven Matthes. \u201e Wir h\u00e4tten eine Medaille erringen k\u00f6nnen, denn die Kanadier zogen wegen des gedopten Johnson zur\u00fcck, die USA verloren den Stab, und die Bundesrepublik, die wir vorher geschlagen hatten, errang Bronze, \u201c ist Sven Matthes noch heute sauer. \u201e Man hat mich um meinen Vaterl\u00e4ndischen Verdienstorden in Bronze betrogen\u201c erkl\u00e4rt er leicht schmunzelnd\u201c, \u201eden h\u00e4tte ich mir heute sch\u00f6n in mein B\u00fcro h\u00e4ngen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Aber Sven Matthes sprintete nicht nur, sondern k\u00fcmmerte sich auch um seine berufliche Entwicklung.<\/p>\n<p><strong>Ziel Hoteldirektor<\/strong><\/p>\n<p>Manchmal sind private Begegnungen entscheidend und so war es auch bei ihm. Der Chef der Interhotelkette der DDR, Manfred Ackermann, kannte den kleinen Sven schon mit 10 Jahren. Und diese Bekanntschaft nutzte der aufgeweckte Jugendliche sp\u00e4ter leidlich aus. \u201e Ich habe gesehen, wie das Metropolhotel am Bahnhof Friedrichstra\u00dfe aufgebaut wurde, auch im neuen Palasthotel im Ostberliner Stadtzentrum schr\u00e4g gegen\u00fcber vom Palast der Republik bin ich herumgeschwirrt. Weil ich alles so interessant fand, wollte ich sp\u00e4ter diesen Beruf ergreifen. Hinzu kam, dass ich mir dadurch auch erhoffte, weiter in den Westen reisen zu k\u00f6nnen\u201c. Manfred Ackermann schlug vor, da\u00df Sven Hotel &#8211; und Gastst\u00e4ttenwesen in Leipzig studieren solle. Eine andere M\u00f6glichkeit w\u00e4re gewesen, Koch zu lernen und sich dann hochzuarbeiten. \u201e Das aber schien mir zu langwierig.\u201c<br \/>\nAlso wollte er studieren, aber f\u00fcr den Leistungssportler und Mitglied beim SC Dynamo Berlin gab es nicht die freie Studienfachwahl. Die Funktion\u00e4re meinten, da\u00df sich solch ein Studium nicht mit dem Leistungssport verbinden lasse. Er solle Sport studieren.<br \/>\nDas wollte er zwar nicht, aber er fand einen Dreh: \u201e Ich willigte ein, Sport zu studieren, wohl wissend, da\u00df es nach einer Studienzusage m\u00f6glich war, die Fachrichtung zu wechseln.\u201c<br \/>\nAber dann wurde ihm im System des Leistungssports der DDR die Studienzusage verweigert. Und dann stellte er dieses Sportsystem in Frage, marschierte einfach mit seinen Unterlagen zur Berliner Humboldt \u2013 Universit\u00e4t. Er bekam auf Grund seiner Leistungen im Abiturkurs (1,3) eine Studienzusage, nun aber ohne Unterst\u00fctzung seines Leistungssportes und begann ab 1988 Wirtschaftswissenschaft zu studieren. Welch Zufall: 25 Jahre zuvor studierte der Autor an gleicher Stelle.<br \/>\nStudiert wurde in einem altehrw\u00fcrdigen Geb\u00e4ude an der Spandauer Stra\u00dfe, die Mensa bot das Essen in einer Kapelle an. Nur einen Steinwurf entfernt lag das Palasthotel, wo Manfred Ackermann Generaldirektor war, der dort u.a. Gorbatschow zu seiner Suite geleitet hatte und auch im Leben von Sven Matthes wie oben beschrieben eine wichtige Rolle spielte.<br \/>\nEr peilte also zumindest das Kaufm\u00e4nnische f\u00fcr eine Hotelkarriere an. Aber die Hoteltr\u00e4ume zerstoben sp\u00e4ter, denn erstens fiel ein Grund, die Westreisem\u00f6glichkeiten, mit dem Fall der Mauer weg und zweitens sah Sven Matthes recht bald die vielf\u00e4ltigen Probleme der Hotelbranche.<\/p>\n<p><strong>Ausklang der Sportkarriere<\/strong><\/p>\n<p>In den Wendejahren lie\u00df die Sportlust von Sven Matthes langsam nach. 1990 lief er bei der EM in Split nochmals in der Staffel mit, doch im Vorlauf zerstoben die Medaillentr\u00e4ume, als beim letzten Wechsel der Stab verloren wurde.<br \/>\nSven Matthes entschied sich nun gegen den Sport, mu\u00dfte seine Wohnung im Internat r\u00e4umen, wechselte zu seinem alten Trainingszentrum, das nun den Namen \u201ePreu\u00dfen Berlin\u201c trug. Zwei Jahre blieb er noch auf der Laufbahn aktiv, doch sein Hauptaugenmerk galt nun vor allem der beruflichen Entwicklung.<\/p>\n<p>Er studierte weiter in Berlin, durchlief beim Finanzleistungsunternehmen SFK (Schaumburger Finanzkontor) in Stadthagen bei Hannover zus\u00e4tzlich eine Bankausbildung. Dort stieg er auch als Mitarbeiter ein, pendelte zwischen Berlin und Hannover. \u201e Ich habe richtig Spa\u00df an der Finanzwirtschaft gefunden, mein Studium abgeschlossen\u201c.<br \/>\nGleichzeitig nahm er dann noch ein Studium der Sozialwissenschaft an der Uni Hannover auf.<\/p>\n<p><strong>Zwischenspiel Philosophie<\/strong><\/p>\n<p>\u201e In Hannover habe ich den Philosophen Prof. Dr. Dr. Reinhard L\u00f6w kennengelernt, den Direktor des Philosophischen Instituts. Mit dem habe ich \u00fcber Jahre diskutiert, Manuskripte gelesen. Und er brachte mich auch auf den Gedanken, Sozialwissenschaft zu studieren\u201c. Zwar schlo\u00df er dieses Fach dann nicht zu 100 % ab, weil die st\u00e4ndige Pendelei zwischen Berlin und Hannover zu anstrengend war. Aber das Interesse an philosophischen Themen blieb. Er las viele B\u00fccher, sammelte Zitate. \u00dcber 1300 Zitate hat er auf Lager, regelm\u00e4\u00dfig bekommen 500 Leute das \u201e Zitat des Tages\u201c per email zu geschickt. \u201e Irgendwann bleibt man dann auch in den K\u00f6pfen der Leute, ohne gro\u00dfe Werbung.\u201c<\/p>\n<p>1997 bekam er ein Angebot von der Allianz, absolvierte zahlreiche Lehrg\u00e4nge, erwarb mittlerweile f\u00fcnf T\u00dcV-Zertifikate und machte sich selbst\u00e4ndig. \u201e Wir haben eine B\u00fcrogemeinschaft in Berlin \u2013 Biesdorf, bieten eine breite Palette von Versicherungen bis zur Verm\u00f6gensverwaltung an. Und wenn man wei\u00df, da\u00df ich das nun schon 15 Jahre mache, wei\u00df man auch, da\u00df ich es nicht so nebenbei mache\u201c.<\/p>\n<p><strong>Zwischen Standardtanz und Motorboot<\/strong><\/p>\n<p>Doch das Leben des Sven Matthes besteht nicht nur aus Finanzen und Zitaten. Um fit zu bleiben, hat er Squash und Badminton gespielt. Um sich vern\u00fcnftig auf der Tanzfl\u00e4che bewegen zu k\u00f6nnen, belegte er einen Tanzkurs im Standardtanz.<br \/>\nDoch die Geschwindigkeit liegt einem Sprinter wie Sven Matthes im Blut. So kommt ihm sein Hobby, auf schnellen Motorbooten von Freunden \u00fcber Fl\u00fcsse und Seen zu rasen, entgegen. Aber nicht nur so, sondern es sind richtige Motorbootrennen, aber nicht im \u00fcblichen Sinn. Zwar wird mit schnellen Booten gefahren, auf einer Strecke von rund 150 km. Aber, so f\u00fchrt Sven Matthes als Beispiel an, \u201e beim sogenannten Poker Run in Ueckerm\u00fcnde geht es nicht um Geschwindigkeit. An bestimmten Stationen bekommt jede Mannschaft einen versiegelten Umschlag mit einer Spielkarte. Am Ende es Tages werden die Umschl\u00e4ge bei einer Veranstaltung ge\u00f6ffnet und das Team mit dem besten Kartenblatt gewinnt.\u201c<br \/>\nAuf dem Oberhaff gibt es beispielsweise keine Geschwindigkeitsbegrenzungen, die Boote fahren dann bis zu 150 km\/h. \u201e Am Steuer bin ich zwar nicht, aber mir reicht der Rausch der Geschwindigkeit. \u201e Mit zwei k\u00fcnstlichen Bandscheiben mu\u00df bei allen diesen Sachen auch der Kopf eingeschaltet werden und die Vernunft siegen.\u201c<\/p>\n<p><strong>11,92 Sekunden mit 41 Jahren<\/strong><\/p>\n<p>Auch die Verbindung zur Leichtathletik h\u00e4lt Sven Matthes. Vor drei Jahren hat er sich bei der LG Nike Berlin eingebracht, unterst\u00fctzt dort die Jugendarbeit und fungiert als Pr\u00e4sident im F\u00f6rderverein.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.petergrau-leichtathlet.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Sven-Matthes-2.jpeg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-245\" src=\"http:\/\/www.petergrau-leichtathlet.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Sven-Matthes-2-300x200.jpeg\" alt=\"Sven Matthes 2\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.petergrau-leichtathlet.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Sven-Matthes-2-300x200.jpeg 300w, https:\/\/www.petergrau-leichtathlet.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Sven-Matthes-2.jpeg 368w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die 100 m in Spikes gerannt ist er zuletzt 2010. \u201e Ich habe daf\u00fcr drei Monate dreimal in der Woche trainiert, und rannte mit 41 Jahren immerhin 11,92 sec.\u201c Aber ein geplanter Start bei den Seniorenmeisterschaften fiel ins Wasser, weil er einen Unfall im Haushalt hatte und sich im Mai 2011 die Kreuzb\u00e4nder am rechten Knie ri\u00df. Nun sind die neuen Kreuzb\u00e4nder drin, und Sven Matthes mobil wie eh und je. Nur ein wenig zuviel Gewicht tr\u00e4gt er noch mit sich herum. \u201eBei 1,88 m sind 98 kg rund 12 kg zuviel\u201c, meint er.<\/p>\n<p><strong>Peter Grau<\/strong><\/p>\n<p>(siehe auch Leichtathletik Nr. 39\/2012)<br \/>\nhttp:\/\/www.markenverlag.de\/index\/46\/63\/LEICHTATHLETIK\/Abonne-ment<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er sprintete die 100 Meter in 10,11 Sekunden, war Hallen-EM-Vierter im Jahr 1988 und nahm an den Olympischen Spielen in Seoul teil. K\u00fcrzlich beim ISTAF- Indoor 2015 in Berlin sprach man erneut von ihm, weil sein aktueller deutscher Hallenrekord \u00fcber 60 m, den er seit dem 13.2.1988 mit 6,53 sec h\u00e4lt, in Gefahr war. 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