{"id":605,"date":"2015-12-23T21:32:10","date_gmt":"2015-12-23T20:32:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.petergrau-leichtathlet.de\/?p=605"},"modified":"2015-12-23T21:32:10","modified_gmt":"2015-12-23T20:32:10","slug":"dieter-baumann-ich-bin-ein-kleinkuenstler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.petergrau-leichtathlet.de\/?p=605","title":{"rendered":"Dieter Baumann: &#8222;Ich bin ein Kleink\u00fcnstler&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>In der Rubrik \u201eTreffs mit Leichtathleten\u201c sollen nicht nur eigene Interviews  ver\u00f6ffentlicht werden. Die Vielfalt wird dadurch erh\u00f6ht, da\u00df auch andere Autoren zu Wort kommen. Und so ist es mir eine Freude, meinem Journalistenkollegen <strong>Berthold Mertes<\/strong> auf meiner Website eine B\u00fchne zu bieten. Im Februar 2015 hat er als Chefreporter  des \u201eBonner Generalanzeigers\u201c mit Dieter Baumann ein Interview gef\u00fchrt, das auch heute noch lesenswert ist.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.petergrau-leichtathlet.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/baumann.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.petergrau-leichtathlet.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/baumann-300x225.jpg\" alt=\"baumann\" width=\"300\" height=\"225\" class=\"alignnone size-medium wp-image-545\" srcset=\"https:\/\/www.petergrau-leichtathlet.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/baumann-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.petergrau-leichtathlet.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/baumann.jpg 460w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Dieter Baumann im Gespr\u00e4ch.  Foto: Holger Teusch<\/p>\n<p>T\u00dcBINGEN\/BONN. <strong> Dieter Baumann war ein begnadeter L\u00e4ufer. Heutzutage tritt er 50 bis 60 Mal pro Jahr als Kabarettist auf. <\/strong><\/p>\n<p>Dieter Baumann ist auch ein begnadeter Geschichtenerz\u00e4hler. Wenige Tage, bevor er am 9. Februar 50 Jahre alt wird, laufen wir in T\u00fcbingen am Neckar entlang. Vorbei am H\u00f6lderlinturm, wo der ber\u00fchmteste Dichter der Stadt 36 Jahre lebte. In dieser Umgebung f\u00fchlt sich der Olympiasieger von 1992 wohl.<br \/>\nAuch im 23. Jahr nach seinem Triumph von Barcelona ist Baumann in Deutschland als L\u00e4ufer unerreicht. Aufgrund seiner positiven Dopingtests und der folgenden Manipulationsthese ist der Schwabe als Zahnpasta-Mann in die Sportgeschichte eingegangen. Als Kabarettist verarbeitet er seit 2009 auch seine eigene Vergangenheit. Mit dem \u201eKleinstk\u00fcnstler\u201c, wie er sich selbst bezeichnet, lief und sprach <strong>Berthold Mertes<\/strong>.<\/p>\n<p>Herr Baumann, Sie wirken sehr fr\u00f6hlich. Sind Sie im Reinen mit sich?<br \/>\n<strong>Dieter Baumann<\/strong>: Ich sch\u00e4me mich nicht daf\u00fcr: Ja, ich f\u00fchle mich sehr wohl.<\/p>\n<p>Sie sind 1992 in Barcelona Olympiasieger \u00fcber 5000 m geworden und halten immer noch die deutschen Rekorde von 3000 bis 10000 Meter. Welche Bedeutung hat das Laufen heutzutage f\u00fcr Sie?<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Mich treiben ganz unterschiedliche Dinge an. Aber alle haben mit Laufen zu tun.<\/p>\n<p>Wie wichtig ist Ihnen die eigene Bewegung?<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Das habe ich letztes Jahr erkannt. Ich war zum ersten Mal in der Zeitrechnung als Freizeitl\u00e4ufer ernsthaft verletzt \u2013 nach 15 Jahren. Die Achillessehne war es, die auch in meiner Karriere immer wieder beleidigt war. Ich war also gehandicapt, und dabei habe ich festgestellt, wie wichtig das Laufen ist. Man stellt es ja erst fest, wenn es nicht mehr da ist.<\/p>\n<p>Wie oft laufen Sie, und wie weit?<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Ich laufe t\u00e4glich, jeweils zwischen 30 Minuten und einer Stunde. Ich mache keine langen L\u00e4ufe, also kein spezifisches Marathon-Training. Wenn ich gelegentlich an einem Marathon teilnehme, dann mache ich das aus diesem Training heraus. Das muss reichen &#8211; ich laufe dann halt langsamer.<\/p>\n<p>Aber beim Walking sind Sie mit Ihren 50 Jahren noch nicht, oder?<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Letztes Jahr bin ich tats\u00e4chlich auch gewalkt. (lacht) Mit St\u00f6cken. Ja, ich gebe es zu. Aber es war toll. Dabei habe ich den Entschluss gefasst: Wenn ich nicht mehr laufen kann, dann werde ich walken.<\/p>\n<p>Der Leistungsgedanke ist dem Mann, der einst 5000 Meter schneller als 13 Minuten lief, inzwischen also v\u00f6llig fremd?<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Es geht mir nicht mehr um Geschwindigkeit, sondern es geht mir um diese eine Stunde, in der ich drau\u00dfen bin, im Wald. Ein bisschen bin ich auf den Spuren der T\u00fcbinger Dichter H\u00f6lderlin und Uhland unterwegs \u2013 die legten auch Wert auf Bewegung. Sie wanderten, um kreative Kr\u00e4fte zu sammeln.<\/p>\n<p>Was macht die Stunde mit dem Menschen?<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Sie gibt Zufriedenheit. Ich merke das bei mir: ich hole mir da mein Wohlf\u00fchlen ab, meinen Treibstoff, der mich durch den Tag tr\u00e4gt. Da kann kommen was will.<\/p>\n<p>Wird die Welt beim Laufen rosarot?<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Nein, vor allem nicht die heutige. Die ist eine f\u00fcrchterliche Welt. Aber es hilft mir, sie zu ertragen, vor allem in dem eigenen Mikrokosmos.<\/p>\n<p>Zu Ihnen: Sie sind jetzt schon seit f\u00fcnf Jahren erfolgreicher Kabarettist, nehmen sich selbst als Zahnpasta-Man auf die Schippe. War Ihr erstes B\u00fchnenst\u00fcck \u201eK\u00f6rner, Currywurst, Kenia\u201c eine Selbsttherapie, um \u00fcber die Schattenseiten der Karriere nach den positiven Dopingproben lachen zu k\u00f6nnen?<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Humor kann nat\u00fcrlich helfen, dar\u00fcber hinwegzukommen. Aber \u201eK\u00f6rner, Currywurst, Kenia\u201c ist in erster Linie eine Liebeserkl\u00e4rung an Kenia. Die Erfahrungen in Afrika haben mich gepr\u00e4gt. Ich durfte zehn Jahre lang dort mit den Jungs trainieren,  mich jedes Jahr ein, zwei Monate dort anschlie\u00dfen. Das war f\u00fcr mich ein Geschenk, ich habe so viel mitgenommen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass ich noch einmal etwas \u00c4hnliches erleben darf in meinem Leben.<\/p>\n<p>Was hat Sie so sehr beeindruckt?<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Die Menschen. Wenn bei uns eine Ampelanlage nicht funktioniert, kann man den Eindruck gewinnen, mit Deutschland ist es vorbei. Wir haben in den europ\u00e4ischen L\u00e4ndern die Relationen verloren. Was mich das Erlebte gelehrt hat: Die Welt ist eine Suppe, auf der ein Fettauge schwimmt, und das sind wir. Wir haben einfach nur Gl\u00fcck, dass sich eine Eizelle und ein Spermium getroffen haben und wir zuf\u00e4llig in Europa und hoch zivilisiert geboren wurden. Den Menschen in Afrika geht es viel schlechter, aber sie sind wahnsinnig ausgeglichen. Sie schaffen sich in dieser einfachen Welt ein Lebensgef\u00fchl, das wir nicht erreichen. Wir sind mit allen m\u00f6glichen Dingen unzufrieden. Auch 15 Jahre sp\u00e4ter erinnere ich mich zur\u00fcck und denke: Hey, es gibt Menschen, die leben ganz anders, und sie beklagen sich nie.<\/p>\n<p>Empfinden Sie es als Ehre, dass Sie als der wei\u00dfe Kenianer in die Geschichte eingegangen sind?<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Das war nur auf den Laufsport bezogen. Ich selbst fange damit sehr wenig an. Es war eine Erfindung des Journalisten Robert Hartmann. Ein toller Begriff, aber eine Mediengeschichte.<\/p>\n<p>Sie haben als Sportler gegl\u00e4nzt, haben Erfolg als Motivator, und finden seit einiger Zeit auch Anerkennung als Comedian \u2013 was ist Ihre liebste Rolle?<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Ich genie\u00dfe einfach die Jetztzeit. Ich merke: Toll, auf der B\u00fchne kann ich auch ein Anderer sein. Es gibt kein Scheitern. Nicht so ein: \u201eAch was macht der denn da?\u201c Ich entdecke jetzt erst, nach f\u00fcnf Jahren, diese Freiheit auf der B\u00fchne. Habe eigentlich keine Ahnung, was ich da mache. Ich bin nur ein Kleinstk\u00fcnstler, aber es macht mir Spa\u00df. Dieses Interview ist eine Momentaufnahme, und im Moment ist klar: die Rolle auf der B\u00fchne ist sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Sie k\u00f6nnten es sich leichter machen und sich auf gut bezahlte Experten-Jobs konzentrieren. Warum reicht Ihnen das nicht<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Ich komme ja aus der Ecke Vortrag und Motivation. Was mich da manchmal und immer mehr st\u00f6rt: Ein Unternehmen beispielsweise engagiert mich und erwartet von mir, dass ich Mitarbeiter motiviere. Die werden aber gar nicht gefragt, sondern der Chef bildet sich ein: Ich muss mal meine Mitarbeiter motivieren. Also, lieber Baumann, mach mal den &#8222;Chaka&#8220;. Mindestens 50 Prozent der Leute im Saal wollen den Baumann aber gar nicht sehen. Die Stimmungslage ist eine andere, meine Rolle eine andere, und sie ist unendlich schwerer. Alle erwarten eine Botschaft. Die B\u00fchne dagegen ist was anderes: zur B\u00fchne kommen nur die Leute, die sagen, ich will den Baumann sehen. Ich interessiere mich daf\u00fcr, was treibt der jetzt? Das sp\u00fcre ich \u2013 also die gespannte Grundhaltung im Saal. Die bezahlen sogar Eintritt.<\/p>\n<p>Und bekommen daf\u00fcr welche Botschaft?<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Es gibt nur die eine: Hey Leute, geht raus, habt Spa\u00df. Alles andere ist egal. Das ist die Rolle, die mir liegt.<\/p>\n<p>Lassen Sie uns \u00fcber ihre St\u00fccke reden. Sie interpretieren Brot und Spiele nach der Erz\u00e4hlung von Siegfried Lenz, die in einer ganz anderen Zeit spielt. Der Protagonist Bert Buchner ist ein Mann, der vor der Vergangenheit flieht \u2013 ihm wird zugejubelt, solange er siegt, und keinen Moment l\u00e4nger. Ist Laufen heutzutage so popul\u00e4r, weil es die Chance bietet, vor etwas wegzulaufen?<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Nein. \u00dcberhaupt nicht. Ich glaube sogar eher: Er l\u00e4uft zu sich. Ich glaube, dass sehr viele Menschen beim Sport, besonders beim Laufen, eine innere Ruhe finden. Sie finden zu sich, und sie finden Abstand. Grenzen sich dadurch auch einmal f\u00fcr eine halbe Stunde ab. Von dem, was im Alltag passiert.<\/p>\n<p>Biografische Bez\u00fcge zu Ihrer L\u00e4uferkarriere sind in Ihrer Auff\u00fchrung nicht zu leugnen, oder?<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Schon zu Jugendzeiten hat mir ein L\u00e4uferkollege dieses B\u00fcchlein geschenkt. Als ich dann mit der Kleinkunst angefangen habe, dachte ich, ich kann das auch so umschreiben, dass es f\u00fcr die B\u00fchne passt. Unter dem Aspekt probieren, auch scheitern k\u00f6nnen, denn ich habe ja f\u00fcnf unterschiedliche Rollen in dem St\u00fcck \u00fcbernommen. Das war eine Auseinandersetzung mit mir, mit meiner Karriere, meiner Vergangenheit, und das hat mir sehr gut getan. Teilweise schwang dann auch meine Biografie mit.<\/p>\n<p>Wie kommt es beim Publikum an?<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Der Zuschauer wei\u00df nicht immer genau: Ist er noch bei Buchner oder bei Baumann. In einigen Momenten \u00fcberlappen sich die Szenen mit meiner Karriere. Das kann ich nicht verhindern, das ist das Spannende.<\/p>\n<p>Sind Sie ein anderer Mensch auf der B\u00fchne?<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Ich bin dort der B\u00fchnen-Baumann. Ab und zu kommt einer der mich kennt und sagt: Mensch, du bist da aber ganz sch\u00f6n arrogant. Dem sage ich: Dann habe ich alles richtig gemacht. Ich kann auf der B\u00fchne pl\u00f6tzlich Dinge \u00fcberziehen, die ich im richtigen Leben gar nicht machen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher bei Trainingslagern waren Sie bekannterma\u00dfen der Spa\u00dfvogel der Gruppe. Das Showtalent liegt also in Ihrer Natur, oder?<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Zweifellos.<\/p>\n<p>Wie w\u00fcrden Sie das bezeichnen, was Sie auf der B\u00fchne machen?<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Es gibt keine Begrifflichkeit f\u00fcr mein Genre, ich will auch keine.<\/p>\n<p>Ihr j\u00fcngstes St\u00fcck hei\u00dft \u201eDieter Baumann, die G\u00f6tter und Olympia\u201c. Wie oft haben Sie das schon gespielt?<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: 50-60 Mal im ersten Jahr. Was nicht viel ist. In der Kleinkunst-Szene werde ich damit bel\u00e4chelt. Damit bin ich noch nicht einmal Halbprofi.<\/p>\n<p>Darin werden auch Missst\u00e4nde mit Blick auf die kommenden Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro kritisiert \u2026<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Absolut. Bei Brot und Spiele habe ich gemerkt, dass ich ernsthaftes Theater mache. Das hat mit Comedy nichts zu tun. Es ist eine gespielte Lesung. Es gibt nur einen Witz, den ich ganz am Anfang einbaue. Aber mir war klar, ich muss wieder eine Mischung machen aus Ernsthaftigkeit und Lachen.<\/p>\n<p>Ist das schwergefallen?<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Ach was. Die aktuelle Sportpolitik ist doch eine Steilvorlage. Was die Jungs mir anbieten, baue ich in mein St\u00fcck ein. Derzeit schleife ich einen neuen Sketch zu Russland \u2013 Thema Doping und Korruption.<\/p>\n<p>Verraten Sie schon etwas?<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Ist doch ganz einfach: Die Realit\u00e4t ist schon Kabarett. Man braucht sie nur zu erz\u00e4hlen. Wie die ARD-Dokumentation belegt hat, ist die Frage doch: Kaufe ich mir eine positive Dopingprobe oder nicht? Wenn ein Schutzgeld zur\u00fcckgezahlt wird, weil die Vertuschung nicht geklappt hat, dann ist das besser als bei der Mafia. Das ist FairPlay im Sport.<\/p>\n<p>Das war jetzt die Ironie aus Ihrem St\u00fcck, oder?<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Genau. Und dann schmei\u00dft man ein bisschen mit Geld um sich. Geld rumschmei\u00dfen ist sowieso gut, weil Doha kriegt zurzeit ja alles bis hin zur Fu\u00dfball-WM. Die Sachen sind in Wirklichkeit nat\u00fcrlich leider nicht lustig, auch wenn ich sie lustig erz\u00e4hle.<\/p>\n<p>Am Ende ist der Zuschauer also eher nachdenklich als erheitert?<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Nebenbei erz\u00e4hle ich launische Geschichten aus dem olympischen Dorf. Das ist spannend, weil das Leben dort  ja keiner kennt, nur die Sportler. Und da bin ich dann bei der Verarbeitung des n\u00e4chsten Teils meiner Karriere.<\/p>\n<p>Auf deren H\u00f6hepunkt Sie als Autor des Buches \u201eIch laufe keinem hinterher\u201c ihre kreative Seite schon zeigten. 1995 schrieben Sie darin: \u201eBaumann gedopt. Welch eine Schlagzeile. Welch eine Auflage. Manchmal habe ich den Eindruck, als w\u00fcrde die halbe Welt nur darauf warten.\u201c <\/p>\n<p>Wie oft haben Sie die Buchpassage in der schweren Zeit nach Ihren positiven Dopingproben aufgeschlagen?<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Kein einziges Mal, aber ich wei\u00df noch, dass ich es aufgeschrieben habe.<\/p>\n<p>Wie konnten Sie das so genau beschreiben, was sich vier Jahre sp\u00e4ter zugetragen hat?<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Ich gebe eine kleine aktuelle Anleitung. Es gibt jetzt einen Olympiasieger und Weltmeister, der ja auch schon seine Angst vor einem Anschlag ge\u00e4u\u00dfert hat: Unser Diskuswerfer Robert Harting. Wer in der Sportszene drin ist, setzt sich mit der Thematik auseinander. Man hat dann ein gewisses Feeling f\u00fcr das, was m\u00f6glich ist. Warum kommt Robert Harting auf die Idee? Das ist nicht aus der Luft gegriffen.<\/p>\n<p>Schmerzt es heute noch, dass Ihr Name h\u00e4ufiger in Zusammenhang mit der Zahnpasta genannt wird als mit dem Olympiasieg 1992?<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Das empfinde ich nicht so und ich glaube auch nicht, dass es stimmt. Offen und ehrlich: das interessiert mich alles gar nicht.<\/p>\n<p>In einigen Online-Rangfolgen von Doping-Ausreden kursiert ihre Erkl\u00e4rung mit der manipulierten Zahnpasta aber auch 15 Jahre sp\u00e4ter noch weit oben \u2026<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Selbstverst\u00e4ndlich nehme ich das wahr, ich bin ja nicht weltfremd. Ich kann aber nur den Kopf \u00fcber Listen der so genannten dummen Ausreden sch\u00fctteln, die keinerlei Tatsachen aufz\u00e4hlen. Es geht um Dinge, die passiert sind. Und nicht um die Frage, ob man mir glaubt oder nicht.<\/p>\n<p>Gehen die Medien nach wie vor zu undifferenziert mit dem Doping-Thema um?<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Vieles hat sich zum Positiven ver\u00e4ndert. Die Berichterstattung zum Fall der Skilangl\u00e4uferin Sachenbacher-Stehle ist der Beweis daf\u00fcr, dass sich bei den Medien der Blick ge\u00e4ndert hat.<\/p>\n<p>Nochmals: Sie m\u00fcssen aber doch schwer unter Ihrem Doping-Schuldspruch gelitten haben?<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Dass es eine verr\u00fcckte und wahnsinnige und auch sehr schmerzhafte Zeit war, ist ja v\u00f6llig klar. Das muss man nicht erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Wann war die durchgestanden?<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Nach vier bis f\u00fcnf Jahren, wobei ich sehr schnell meine Energie in die Zukunft gesteckt habe.<\/p>\n<p>Sie haben das Thema irgendwann abgehakt. Claudia Pechstein hat jahrelang um ihre Rehabilitierung gek\u00e4mpft.<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Ich ziehe den Hut davor, was Claudia Pechstein macht. Die Sportszene wird irgendwann daf\u00fcr dankbar sein. Sie k\u00e4mpft mit einer unglaublichen Energie, allerdings ist diese Energie r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt. Wenn ich mir vorstelle, ich h\u00e4tte das auch so getan, dann f\u00e4nde ich das schade f\u00fcr mein Leben. Ich finde, das Leben hat andere Facetten verdient. Jeder soll sein Gl\u00fcck suchen, insofern habe ich damals sehr schnell erkannt, ich muss aus diesem ganzen Prozess raus. Ich wusste f\u00fcr mich: ich muss die Zukunft gestalten.<\/p>\n<p>Mit 37 Jahren die Karriere beendet zu haben, halten Sie auch im R\u00fcckblick f\u00fcr die richtige Entscheidung?<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Es war sogar ein Jahr zu sp\u00e4t. Ich h\u00e4tte schon 2002 nach der EM-Silbermedaille von M\u00fcnchen aufh\u00f6ren m\u00fcssen. Im Winter danach war ich verletzt, und dann kommst du als 38-j\u00e4hriger da nicht mehr hin. Wenn du zweimal drei Monate raus bist, dann ist es vorbei.<\/p>\n<p>Sie engagierten sich w\u00e4hrend Ihrer aktiven Zeit vehement gegen Leistungsmanipulation, manche sahen Sie als m\u00f6glichen Pr\u00e4sidenten des Deutschen Leichtathletik-Verbandes oder an der Spitze der Dopingbek\u00e4mpfung. W\u00e4ren Sie ohne die positiven Dopingtests Funktion\u00e4r geworden?<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Ich habe doch einen tollen Funktion\u00e4rs-Job \u2013 den auf der B\u00fchne! Ich glaube, da kann ich sogar viel mehr gestalten, als ich das in einer Institution k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Aber Sie hatten doch bestimmt mal den Gedanken: Was w\u00e4re wenn?<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Das halte ich f\u00fcr die falsche Lebensstrategie. Das Leben verl\u00e4uft auf unterschiedlichen Pfaden. Es kommt eine Wegkreuzung, du entscheidest: links oder rechts. Ich gehe nicht zur\u00fcck, um zu \u00fcberlegen, w\u00e4re der andere Weg besser gewesen. Das finde ich zu m\u00fchsam. Ich bin gespannt auf die n\u00e4chste Weggabelung, die kommt. Aber selbstverst\u00e4ndlich g\u00f6nne ich mir manchmal einen Blick zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Und was kommt dabei heraus?<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Vor zwei Jahren habe ich tats\u00e4chlich einmal die Frage gestellt: Was w\u00e4re gewesen? Interessanterweise bin ich zu der \u00dcberzeugung gekommen, es w\u00e4re nicht viel anders gelaufen. Wahrscheinlich h\u00e4tte ich die Funktion\u00e4rslaufbahn eingeschlagen. Und wahrscheinlich w\u00e4re ich gescheitert. Ich kann das doch gar nicht. Ich bin kein Meeting-Mensch. Finde es absurd, dass man wegen jedem Zeug eine Sitzung machen oder eine Kommission einberufen muss. Jeder darf dann etwas dazu sagen. Es wird vertagt, und man hat doch keine Entscheidung. Ich liebe es, schnell zu entscheiden. Klar mache ich viele Fehler. Aber Fehler machen geh\u00f6rt f\u00fcr mich dazu.<\/p>\n<p>Welche Fehler werden aktuell in der Dopingbek\u00e4mpfung begangen?<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Im Anti-Doping-Kampf habe ich schon als Athlet die Meinung vertreten: Eine Anti-Doping-Instanz innerhalb des Sports kann nicht funktionieren. Sich selbst kontrollieren: Das geht nat\u00fcrlich nicht. Und vor allem: Man glaubt es nicht.<\/p>\n<p>Was w\u00e4re die Alternative?<br \/>\n<strong>Baumann<\/strong>: Ganz klar die staatliche Kontrolle. Irgendjemand muss den Sport kontrollieren. Es ist nicht einsehbar, dass Monopolisten wie das IOC oder die IAAF h\u00f6herrangig bewertet werden als Gesetze. Die aktuelle Form der Sportgerichtsbarkeit ist sp\u00e4testens nach dem Skandal um Russland gescheitert. Wenn klar wird, so wie es die Reportage von Hajo Seppelt in der ARD gezeigt hat, dass man positive Proben kaufen kann und dass diese Korruption bis in h\u00f6chste Funktion\u00e4rskreise hochreicht, dann gibt es das wohl kaum nur in Russland. Die These, der Sport m\u00fcsse seine Schiedsgerichte selbst stellen, ist komplett Kokolores. Das ist ein Scheingefecht, wenn man nicht kontrolliert werden will.<\/p>\n<p>(Ausz\u00fcge aus einem am  7.2.2015 im \u201eBonner Generalanzeiger\u201c erschienenen Interview. Weitere Gespr\u00e4che mit Sportlern, Trainern und Funktion\u00e4ren aus allen Sportbereichen sind auf der Website der Tageszeitung unter www.general-anzeiger-bonn.de  nachzulesen.<br \/>\nWeitere Fotos von Holger Teusch zu diesem Interview sind unter www.ga-bonn.de\/baumann anzuschauen.) <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Rubrik \u201eTreffs mit Leichtathleten\u201c sollen nicht nur eigene Interviews ver\u00f6ffentlicht werden. 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