Diskuswerfer Robert Harting: Rauschhafte Rückkehr in den Ring

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Erlebt hat Robert Harting viel in den letzten drei Jahren. Himmelhochjauchzend- zu Tode betrübt, das war die Skala, auf der er sich bewegte. Ein Kreuzbandriß verpaßte seiner sportlichen Laufbahn einen argen Dämpfer. Doch der wahre Meister zeigt sich dann, wenn er erfolgreich aus einem Tief emporklettert.
Im Vorfeld des 3. ISTAF-INDOOR hat Robert Harting viele Interviews gegeben. Die Journalisten sprachen oft und gern mit ihm, eben auch, weil er nicht nur Allgemeinplätze von sich gibt.
Einen Tag vor dem Spektakel in der Mercedes-Benz Arena sprach auch Michael Reinsch, der FAZ-Korrespondent für Sport in Berlin, mit dem Diskuswerfer.

Michael Reinsch 097 mit Harting

Da konnten beide noch nicht wissen, wie es am nächsten Tag abends ausgehen würde.

Das Comeback aber gelang. Robert Harting durfte jubeln.
Wie Michael Reinsch das live miterlebte, schilderte er in folgendem Artikel in der FAZ:

Rauschhafte Rückkehr in den Ring
Für Robert Harting ist das Istaf Indoor Bewährungsprobe und Therapie zugleich. Anderthalb Jahre nach seiner Knieverletzung genießt der Olympiasieger seinen ersten Auftritt.
Eine schnelle Drehung, ein mächtiger Wurf, der den Diskus auf einen Flug von 60,82 Metern schleudert, und zum Abschluss ein Luftsprung – quicklebendig ist Robert Harting an seinen Arbeitsplatz zurückgekehrt. Wer wünscht sich nicht, nach langer Abwesenheit freundlich zurück an der Werkbank begrüßt zu werden?
Dem Olympiasieger und dreimaligen Weltmeister zeigen am Samstagabend mehr als 12.000 Zuschauer in der Arena von Berlin mit ihrem Jubel, dass ihnen seine Abwesenheit von anderthalb Jahren ziemlich lang geworden war. Der Champion ist gerührt. „Das war ein besonderes Erlebnis heute, das bleibt für immer in meinem Herzen“, ruft er, als das Tagwerk vollbracht ist.
Und das war keine Kleinigkeit. Harting machte deutlich, dass auch für ihn Diskuswerfen harte Arbeit ist. Sein zweiter Wurf eierte rechts raus und landete mehr als zwei Meter vor der Sechzig-Meter-Marke, eigentlich indiskutabel. Wurf drei schoss ins Netz, beim vierten knallte die zwei Kilo schwere Scheibe ins Metallgerüst über dem Wurfring. Der fünfte Versuch, ein unrunder Flug, erbrachte 60,97 Meter.
Doch auf einmal funktioniert alles. Die Drehung. Die Beschleunigung. Die Flugkurve. Flammen schießen hoch im Zentrum der Arena, als die Scheibe auf der blauen Bahn der Sprinter landet, erst ein Raunen, dann Rufe und Beifall dringen von den engen Tribünen. Harting strahlt. Dann das Ergebnis: 64,81 Meter, der Sieg. Nun ist es an Harting, zu jubeln. Wie er auf die Knie fällt, wie er lacht, wie er triumphierend beide Hände zum Victory-Zeichen in die Luft reckt – alles beweist, was ihm keiner so recht glauben wollte: dass der Meister unsicher und aufgeregt gewesen war wie ein Anfänger.

Vor gut anderthalb Jahren war Harting bei einem kleinen Lauf im Training gestolpert, gestürzt – und hatte sich die Bänder im linken Knie gerissen. Eigentlich schon wiederhergestellt, hatte er knapp ein Jahr später auf die Verteidigung seines Titels bei der Weltmeisterschaft in Peking verzichtet. Nur nichts riskieren, hieß die Devise, Rio geht vor. Mit enormer Geduld hatte der Hüne von 125 Kilogramm sich zunächst auskuriert und dann die Kraft aufgebaut, die er für seine unübertrefflichen Würfe und, wer weiß, seinen zweiten Olympiasieg braucht. Doch je weiter er kam im Training, desto mehr fehlten ihm der Vergleich und das Adrenalin, das sein Körper bei Herausforderungen produziert. Krafttraining und Würfe gegen die Wand reichten nicht mehr.
Für Harting ist Diskuswerfen Kampfsport, und er brauchte Gegner statt Trainingspartner. Wie gut, dass er vor Jahr und Tag den Diskuswurf im Saale angeregt hatte als Marketing-Gag für seinen Sport. Nun konnte er das daraus entstandene Istaf Indoor zu Therapie und Bewährungsprobe nutzen.

„Ich habe keine Arme gefühlt und keine Beine“
„Ich habe keine Arme gefühlt und keine Beine“, beschrieb er die Minuten vor dem Wettkampf. „Man geht ein bisschen waffenlos da rein.“ Und dann fluteten die Hormone seine Blutbahn für einen Rausch, wie ihn nur Olympische Spiele und Weltmeisterschaften auslösten. „Das war ein geiler Abend“, freute er sich. „Das hätte ich so nicht erwartet.“
Doch Harting wäre nicht Harting, würde er nicht überschießende Hoffnung und die damit verbundene Erwartung dämpfen. „Das Ergebnis täuscht“, behauptete er. Man habe ja gesehen, dass die Jungen – sein Bruder Christoph wurde mit 64,34 Meter Zweiter vor dem belgischen WM-Zweiten Philip Milanov mit 64,13 Meter – Weltklasse seien, sagte Harting, für ihn gelte, was an jedem Arbeitsplatz gelte: einordnen, unterordnen, durchsetzen. Damit habe er begonnen, das Anstellen am Ende der Hierarchie beginne mit dem Beginn der Freiluft-Saison.
Auf den Wettkampf will sich der 31 Jahre alte Harting konzentrieren. Exkurse in die Sportpolitik wie sein erfolgreicher Protest gegen die Nominierung überführter Doper als Sportler des Jahres des Weltverbandes (IAAF) oder seine weniger folgenreiche Argumentation gegen das Anti-Doping-Gesetz soll es so bald nicht mehr geben. Sein Engagement für die Sport-Lotterie, die er zu gründen half, hat Harting beendet. „Deutschland, dann musst du untergehen“, sagt er bitter über seinen Versuch, die Sportförderung von Grund auf zu ändern. Scheint, als hätte Harting nicht nur eine Herausforderung, sondern auch Balsam für die Seele gebraucht.

Michael Reinsch, FAZ-Korrespondent für Sport in Berlin
Michael Reinsch

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