Archiv für den Monat: Mai 2016

Bernd Gummelt: Früher Spitzengeher – heute Sportorganisator für die Jugend

 

Bernd Gummelt gehörte in den Jahren um 1987 bis 1991 zu den weltbesten Gehern. Seine größten Erfolge landete er mit der Silbermedaille über 50 km bei der EM 1990 im jugoslawischen Split und  dem vierten Platz 1991 beim Weltcup im kalifornischen San José.

Der diplomierte Trainer hatte schon während seiner aktiven Zeit  als Trainer gearbeitet, ehe er dann 1998 als Jugendkoordinator beim Kreissportbund Ostprignitz-Ruppin anfing.

 

Als Laufchef im Stadtpark

Vor kurzem begegnete ich dem gebürtigen Neuruppiner im Stadtpark, einem Erholungspark der Neuruppiner. Dort wickelte er gerade als Cheforganisator eine Laufveranstaltung ab.

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„Solche Veranstaltungen mag ich vor allem deshalb,  weil ich damit eine Tradition pflegen kann.“

Und er achtet besonders darauf, daß Kinder und Jugendliche ihre verdiente Auszeichnung bekommen.  Pokale, Medaillen, Blumen, all das war beim Stadtparklauf zu sehen:

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Ähnliches wird auch beim  über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Hubertuslauf praktiziert, den Bernd Gummelt mit seiner Helferschar seit 1998 organisiert und der jeweils im Oktober zwischen 250 bis 350 Teilnehmer anzieht.

Tradition hat der Crosslauf im nahen Alt Ruppin. Auf einer profilierten Strecke im Wald läuft man dort schon seit 1950. Früher hieß das deshalb auch Waldlauf. Im Frühling und im Herbst finden hier Wettkämpfe statt. 120 bis 150 Teilnehmer werden dabei gezählt, vorrangig Kinder und Jugendliche.  „ Es macht mir Spaß, diese Veranstaltunen gemeinsam mit Vertretern der Sportvereine vorzubereiten“.

Und immer, wenn Bernd Gummelt mit Veranstaltungen in der Leichtathletik zu tun hat, erinnert er sich auch an seine eigene sportliche Vergangenheit.

Die spielte sich allerdings nicht im Laufen, sondern im Gehen ab. Vorrangig über 50 km maß er sich mit seinen nationalen und internationalen Gegnern.

Zunächst gruppierte er sich bei DDR-Meisterschaften mit ganz vorn ein, holte sich 1986 und 1987 Silbermedaillen und 1988 Bronze. Im Jahr 1989 gewann er in Neubrandenburg den Meistertitel über 50 km nach 3:53:36 h und kommentierte das anschließend gegenüber der Zeitschrift „ Leichtathletik“ wie folgt: „ Am Ende einer Saison kann man mit dieser Zeit wohl zufrieden sein. Für einen Alleingang war es ein rundes Ding. Die Strecke war sehr gut,  lag aber leider nur zu einem Drittel im Schatten“. Schon da aber bewies er, daß ihm Hitze nur wenig ausmacht.

Parallel dazu mischte er auch auf internationalem Terrain mit. 1988 stand er ganz dicht vor einem Start bei den Olympischen Spielen in Seoul.

Zunächst wurde er am 1. Mai bei den DDR-Meisterschaften über 50 km hinter Ronald Weigel und Dietmar Meisch Dritter. Danach bewies er seine Leistungsstärke, als er gemeinsam mit Weigel beim Sechsländerkampf in La Coruna über 35 km nach 2:33:06 h als Erster die Ziellinie überquerte. Diese Zeit war damals europäische Bestleistung.  „ Nachdem ich dann bei den DDR-Meisterschaften über 20 km in Rostock hinter Weigel in 1:21:40 h Zweiter wurde, und nur um 10 Sekunden die 20-km-Norm verpaßte, rechnete ich trotzdem damit,  für die 20 km nominiert zu werden, da ich ja die 50-km-Norm erfüllt hatte. Doch man nahm mit Weigel und Noack nur zwei Athleten für die 20-km-Strecke  mit.  So blieb der Flug nach Seoul für Bernd Gummelt ein Wunschtraum. „ Aber vom Leistungsniveau her war ich mit diesem Jahr sehr zufrieden.“

Und es ging reibungslos weiter, denn 1989 wurde er in der Halle von Senftenberg in 19:31,90 min DDR-Meister über  5 km.  „ Ich bin gern in der Halle gegangen, denn gewöhnlich kam ich aus einem hohen Umfang-Training und empfand den Hallenstart als eine willkommene Abwechslung im Training.“

Am 1. Mai 1989 gewann er beim Internationalen Gehen in Naumburg den erstmals ausgetragenen 35-km-Wettbewerb in 2:32:50 h und unterbot damit die von ihm und Ronald Weigel gehaltene europäische Bestleistung um 16 Sekunden. Einen kleinen Rückschlag gab es dann drei Wochen später beim Weltcup im spanischen Hospitalet. Zu schnell begann er den 50-km-Wettbewerb und brach dann später ein. Mit 4:04:03 h wurde er zwar bester DDR-Geher, aber die Zeit reichte nur für den 26. Platz.

Vizeeuropameister 1990 in Split

Am 20. Mai 1990 stellte er dann  auf einem 2-km-Rundkurs in der Berliner Wuhlheide über 50 km mit 3:46:43 h seine persönliche Bestleistung auf. Danach bewies er auf der kürzeren Distanz von 20 km seine Klasse, als  er bei den „Good Will Games“ in Seattle (USA) auf der Bahn Dritter wurde:

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Dieser Erfolg in Seattle gab auch den Ausschlag dafür, bei der Europameisterschaft in Split den Doppelstart zu wagen.

Zunächst kamen die 20 km und mit dem siebenten Platz war ich zufrieden“, erinnert sich Gummelt. „ Drei Tage später standen die 50 km auf dem Plan. Es herrschten heiße Temperaturen und die Strecke war recht hügelig. Doch beides lag mir. Bis 25 km bin ich gemeinsam mit dem Italiener Damilano und dem Erfurt Hartwig Gauder gegangen. Am Ende gewann zwar der Sowjetrusse Perlow, aber ich wurde Zweiter, und alle anderen, wie Gauder, Damilano und Weigel landeten hinter mir.“  Damit war Bernd Gummelt in der Weltspitze angekommen.

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Die  Silbermedaille von Split

Es waren zwar „nur“ Europameisterschaften, aber es fehlten von der absoluten Weltspitze nur die Mexikaner. Die Chinesen gingen damals noch nicht auf einem solch hohen Niveau wie heute.

Vom Pfeifferschen Drüsenfieber gestoppt

1991 wollte Bernd Gummelt seine Weltklasse bei den Weltmeisterschaften in Tokio beweisen. „ Für die 50 km hatte ich mich beim Geher-Weltcup in San Jose (Kalifornien) durch einen vierten Platz in 3:51:12 h hinter Mercenario (Mexiko), Baker (Australien) und Ronald Weigel schon qualifiziert. Zwar verfehlte ich dann  beim Sechsländerkampf die Qualifikation für die 20 km, aber das war nicht so schlimm, denn es mußte ja nicht immer ein Doppelstart sein“.

Voller Elan flog er  zur Vorbereitung der WM ins Höhentrainingslager nach Mexiko. „Aber dort wurde ich krank, bekam Pfeiffersches Drüsenfieber, und damit war die Saison praktisch beendet, zumal auch noch Asthma hinzukam.“  Über sechs Monate mußte er aussetzen, wollte aber so nicht aufhören. „ Ich wollte mich 1992  für die Olympischen Spiele in Barcelona qualifizieren“. Doch das Vorhaben mißlang, vor allem wegen des Trainingsausfalls und der  Asthmabeschwerden.

Bis 1994 „quälte“  er sich noch herum, wollte nicht wahrhaben, daß es nicht mehr so richtig funktionierte, auch wenn er noch einmal bei den Deutschen Hallenmeisterschaften Dritter wurde.  Aber Mitte 1994 sagte er endgültig: „ Nun ist Schluß“.

Wie er zum Geh-Sport kam

In den 70er und 80er Jahren hatte das  Gehen  einen anderen, viel höheren Stellenwert als heutzutage. So gab es beispielsweise bei Straßenwettbewerben riesige Teilnehmerfelder, ob nun im Ausland oder zuhause.

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Lugano-Cup 1970 20 km (Startnummer 1:  Peter Frenkel) / Foto: Eberhard Bock

 

Bernd Gummelt hatte, bevor er Geher wurde, daß Leichtathletik-ABC beim Leichtathletik-Trainer Max Schommler in Neuruppin erlernt.  „ Bei ihm sind wir in der Halle oft zur Erwärmung ein oder zwei Runden gegangen. Daher konnte ich den Bewegungsablauf des Gehens, „ erinnert sich Bernd Gummelt.

Inzwischen bei Hans Ulrich Schommler, dem Sohn von Max Schommler, trainierend probierte er auf  dem Sportplatz im nahen Gildenhall es dann mal richtig aus, ging zweimal je 1000 m. Den ersten Kilometer in 6:11 min, den zweiten in 6:09 min, das konnte sich für einen 15-jährigen schon sehen lassen. Mit entsprechendem Selbstvertrauen fuhr er deshalb zu den Bezirksmeisterschaften nach Potsdam und wurde in 29:32 min Dritter. Zwar lagen noch zwei Geher vom ASK Potsdam vor ihm, aber diese Bronzemedaille gab den Ausschlag, daß Bernd Gummelt bald Geher wurde. Mit 18 Jahren wurde er 1982 zum ASK Potsdam delegiert und kam sogleich in die Trainingsgruppe von Hans-Joachim Pathus. Der erfahrene Geher Ronald Weigel  gehörte zu dieser Gruppe. „ Von da an war es für mich Hochleistungssport, mit 12 bis 15 Trainingseinheiten pro Woche und einem Umfang von 150 bis 300 km.“

Und als Anreiz sah er nicht nur, daß  solche Geher wie Christoph Höhne, Peter  Frenkel, Hans-Georg Reimann und Hartwig Gauder schon Lorbeeren gesammelt hatten, sondern daß die internationalen Wettkämpfe auch die Chance boten, Land und Leute kennenzulernen.

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Olympische Spiele 1976 Montreal, 20 km (Hans Reimann (2.), Bautista (Mexiko, 1.), Peter Frenkel (3.), von links)

 

Entsprechend positiv fällt auch sein Fazit über seine sportliche Karriere aus: „ Es war anstrengend, aber es waren keine verlorenenen Jahre. Sie prägten mich vielmehr und schulten besonders meine Ausdauerfähigkeit. Konsequent sein, dabeibleiben, alles Eigenschaften, die man auch im normalen Leben außerhalb des Sports benötigt. Man zieht eben aus dem Sport auch Kraft, Stärke, kann Probleme besser bewältigen.“

Diplomtrainer und Jugendkoordinator

Aber nicht nur das Gehen hatte er im Kopf. Einen Lehrabschluß als Werkzeugmacher hatte er in der Tasche, als er von Neuruppin nach Potsdam ging. Und er begann dann an der Fachschule in Wildau bei Berlin Maschinenbau zu studieren. Das Grundstudium war abgeschlossen, doch dann kam die Wende dazwischen. „ Ich wußte nicht, ob und wie das Studium nun anerkannt wird.“ Deshalb hörte er auf und sah sich nach einem anderen Beruf um.

Schon länger hatte Bernd Gummelt damit geliebäugelt, Trainer zu werden. „ Ich hatte das Glück, bei Hans-Joachim Pathus zu trainieren, denn bei ihm durfte man sich immer über Trainingsinhalte austauschen, war ein mündiger Athlet“. Fast logisch, daß er sich an der Trainerakademie in Köln einschrieb, dort studierte und 1995 die Abschlußprüfung bestand. Fortan durfte er sich Diplomtrainer nennen und praktizierte das auch.

Zwei Jahre lang war er Leichtathletik-Landestrainer in Potsdam, von 1997 bis 2000  DLV-Disziplintrainer der Frauen im Gehen. Und noch zuvor, in der Zeit, als er selbst noch aktiv war, hatte er bereits seit 1993 mit Beate Gummelt eine Spitzengeherin trainiert. Seit längerem waren beide ein Paar, hatten 1993 geheiratet.  „ Am Anfang schauten die Trainer schon etwas überrascht, nach dem Motto: Was nicht sein kann, das nicht sein darf“. Aber es ging. Bernd schrieb für Beate die Trainingspläne und beide hatten Erfolg.

Privat klappte es auch. 1998 kam Tochter Sarah  zur Welt und 2007 Sohn Sebastian.

Und dann bekam er in seiner Heimatstadt Neuruppin das Angebot, als Jugendkoordinator im Kreissportbund Ostprignitz-Ruppin zu arbeiten und in dieser Funktion  alle Aktivitäten der Jugend des Kreissportbundes zu verantworten.  Am 1. Januar 1998 begann er diese Tätigkeit und damit war das Kapitel „Trainer“ vorerst abgeschlossen. Allerdings schien sich 2000 nochmals eine Gelegenheit aufzutun, als DLV-Bundestrainer Pathus altersbedingt aufhörte.  Doch es gab keine offizielle Ausschreibung, „sonst hätte ich mir es sicher  überlegt, doch nochmal Trainer zu werden.“

Aber so ganz kann er von dem Trainersein nicht lassen. „ Ich bin als Übungsleiter beim LAC Ruppin tätig und betreue dort einige Leichtathleten.“

Seine Hauptarbeit aber liegt beim Kreissportbund Ostprignitz-Ruppin, für den er nun schon 18 Jahre unterwegs ist.

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 Bernd Gummelt am  Schreibtisch

An dieser Arbeit gefällt ihm besonders, daß es eine Mischung zwischen der Arbeit am Schreibtisch und der Arbeit draußen an der Basis ist. „ Wir organisieren solche Veranstaltungen wie die Kreis-Kinder- und Jugendsportspiele des Landkreises und bieten auch selbst Veranstaltungen an, wie etwa Straßenfußballturniere, Kita-Olympiaden  oder eben Laufveranstaltungen und werben somit für Bewegung, Sport und für unsere Sportvereine.

Ein Höhepunkt sind die jährlichen Kreis- Kinder- und Jugendsportspiele. „ In diesem Jahr findet diese Veranstaltung zu unterschiedlichen Terminen an unterschiedlichen Orten in 24 Sportarten statt. Es ist ein offenes Angebot, d.h.  wer Lust hat, kann daran teilnehmen.“

Ein wenig erinnert sich Bernd Gummelt dabei auch an die früheren Kinder- und Jugendspartakiaden in der DDR. „ Damals aber war die Spartakiade sehr schullastig. Heute kommen die Teilnehmer entweder allein oder als Vereinssportler. Aber der Grundgedanke ist ähnlich. Die Kinder brauchen ihren Höhepunkt, ihre Bestätigung. Und es gibt noch genügend, die auch kämpfen wollen.“

Bernd Gummelt schaut bei seiner Arbeit nicht auf die Uhr, ein geregelter Acht-Stundentag ist für jemandem, der im Sport tätig ist, nicht denkbar.  „ Wir als Kreissportbund empfinden uns als Dienstleister für die Sportvereine. Im Landkreis OPR, zu dem Kyritz, Wittstock und Neuruppin zählen, sind 13.000 Mitglieder in 158 Vereinen organisiert, davon rund 5000 Kinder und Jugendliche. Und hervorzuheben  ist, daß im Altersbereich von 8 bis 14 Jahren immerhin jedes dritte Kind aus dem Lankreis OPR in einem Sportverein ist.“

Auf die Frage, warum er bis heute so schlank geblieben ist, und bei 1,80 m Körpergröße nur 67 kg wiegt,-  also nur 5 kg mehr als zu besten Geher-Zeiten-, hat er keine eindeutige Antwort. „ Weil ich soviel trainiere,“ sagt er lachend, es nicht ernst meinend und fügt an:  „ Alles über 300 Meter wird mit dem Auto gefahren.“ Doch ganz stimmt das nicht, denn gern ist er beispielsweise auf Inlinern unterwegs, gemeinsam mit seinem Sohn Sebastian oder seiner Tochter Sarah. Ab und an läuft er auch mal drei Kilometer hinaus in die Natur, doch da ist seine Frau Beate viel besser, denn sie läuft  mehrmals in der Woche, um sich fit zu halten.

„Vielleicht liegt es aber auch daran, daß mein Stoffwechsel immer noch anders funktioniert, eben deshalb , weil ich so lange Hochleistungssport betrieben habe. Seit 1978 habe ich regelmäßig trainiert, war im Jugendbereich 50 bis 60 km pro Woche unterwegs und  später viel mehr. Also 16 Jahre Sport, da findet sicherlich eine Umstellung statt.“

Am Sportgeschehen außerhalb seines Landkreises ist Bernd Gummelt auch weiterhin sehr interessiert. Ob es nun die Leichtathletik ist, –  immer noch hat er ein Abo der Zeitschrift „ Leichtathletik“ -, ob es im Fernsehen Fußball oder Wintersport sind, er schaut gern zu. Und beim Wintersport erinnert er sich auch an frühere Zeiten, als er im Trainingslager auf Langlaufbrettern unterwegs war.  „ Für uns Geher war das damals zwar sehr anstrengend, 30, 40 oder 50 km auf den Skiern zu absolvieren, aber als Trainingsmittel haben wir das gern mitgenommen.“ Heutzutage kommt er aber nur noch sehr selten zum Skifahren, die Skier parken in der Garage.

Am nördlichsten Punkt Europas

Gern pflegt Bernd Gummelt auch ein besonderes Hobby. Er erkundet bei seinen Urlaubsreisen besondere Punkte, Orte und Regionen.

Schon immer interessierte er sich  für Geographie.  Als Sportler hatte er bei seinen Auslandsreisen aber nur wenig Zeit für Land und Leute. Heute ist das anders. So etwa, wenn er den nördlichsten Festlandspunkt des Kontinents erkunden will. „Und der ist nicht das bei Touristen so beliebte Nordcap, sondern der etwas weiter östlich gelegene Punkt auf der Halbinsel bei Mehamm/ Gamvik.

Ein anderer Zielpunkt war  die Spitze von Dänemark „Dort standen wir dann mit einem Bein in der  Ostsee, mit dem anderen in der Nordsee“.

Peter Grau

(Fotos:  Peter Grau)

Die Halleschen Werfertage 2016 – von Kathrin Klaas bis Christina Obergföll

Halle Werfertage 2016 Programm

Das Kugelstoßen der Männer und das Diskuswerfen der Frauen sind also Geschichte. Nun gilt es, sich zu entscheiden, wohin man seine Füße setzen und seine Augen kreisen lassen will. Zeitliche Überschneidungen der einzelnen Wurfdisziplinen gibt es bei diesen Werfertagen immer. Aber sie sind nicht zu vermeiden, denn sonst würde die Veranstaltung doppelt so lang werden. Und ich habe sie schon immer dadurch verkürzt, daß ich auf den zweiten Tag, den Sonntag, immer verzichtete. Und der ist ja nochmals eine geballte Ladung von Wettkämpfen, nur eben der jüngeren Athleten.

Während das Diskuswerfen der Frauen läuft, hat an der anderen Seite, dicht neben dem Kugelstoßring, das Hammerwerfen der Frauen begonnen. Von der „Empore“ haben die Zuschauer den besten Blick.

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Kathrin Klaas möchte heute gern die Olympianorm von 71,00 m packen.

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Doch von Wurf zu Wurf sieht man ihr an, daß es diesmal nicht richtig rund läuft bzw. dreht. Am Ende wurden es 70,30 m und ein fünfter Platz. „ Es war kein einfacher Wettkampf. Aber lieber langsam ins Rollen kommen, als zu früh alles Pulver verschießen“, urteilt sie selbst.

Sie ist zwar sehr mit sich beschäftigt, aber aus den Augenwinkeln sieht sie, daß die Weltrekordlerin aus Polen, Anita Wlodarczyk, den Hammer weit fliegen läßt und mit 79,48 m den bisherigen Meetingrekord von Betty Heidler von 79,42 m, den diese am 21. Mai 2011 aufstellte, verbesserte.

Ein Schild weist noch auf Heidlers Rekord hin, der damals auch Weltrekord bedeutete:

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Sprecher Andreas Möckel kommentiert die Weitenjagd weiter, links auf der Anzeigetafel ist noch die neue Meeting-Rekordweite zu sehen: 79,48 m:

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Ich aber verabschiede mich vom Hammerwurfplatz und führe einige Gespräche, so mit einer Ex-Diskuswerferin und einem Ex-Speerwerfer. Darüber schreibe ich demnächst kleine Geschichten. Ihre Namen aber nenne ich noch nicht, denn die schreibende Konkurrenz „lauert“ überall. Das habe ich gerade erfahren, als ich mir vornahm, in Berlin mit Ex-Weitspringerin Susen Tiedtke zu sprechen. Aus Termingründen verschoben wir unser Treffen und dann las ich es am Sonntag: „Bild“ hatte eine Story geschrieben. Ärgerlich, denn man möchte bei solchen Geschichten schon immer der Erste sein. Aber, aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Auf dem Weg zur Speerwurfanlage treffe ich Jürgen Schult, den Wurf-Bundestrainer. Der Schweriner, der jetzt bei Potsdam wohnt, ist gewissermaßen ein „altes Inventar“ bei diesen Werfertagen. „Schon mit 14 Jahren habe ich hier geworfen und bin immer wieder gern hierher gekommen.“ Nun beobachtet er, wie sich seine Nachfolger schlagen.

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Einige Schritte weiter treffe ich auf Martin Sanne. Er war zu DDR-Zeiten beim SC Magdeburg Cheftrainer der Leichtathleten und zudem Verbandstrainer für die Mittel- und Langstreckler. Nach der Wende war er beim SC Magdeburg von 1991 bis 2010 Sportlicher Leiter für alle Sportarten:

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Seine Liebe zur Leichtathletik hat er sich bis heute erhalten. Deshalb ist er auch in Halle Stammgast.

Und eine Begegnung habe ich dann noch, die mir hinterher Kopfschmerzen macht. Ex-Kugelstoßerin Kathrin Neimke kommt vorbei. Wir nicken uns kurz zu, mehr nicht. Danach denke ich: Das wäre doch auch eine Geschichte für mich, d.h. ihren Berufsweg nach ihrer sportlichen Karriere zu schildern. Aber warum zögere ich? Weil Kathrin Neimke, wie ich mich erinnere, nach der Wende recht lange gegen Dopingvorwürfe ankämpfen mußte. Zwar war sie nie positiv getestet worden, aber sie fiel eben mit unter den Generalverdacht: DDR-Staatsdoping. Um so mehr reizt es mich im Nachhinein, mit ihr zu reden. Immerhin habe ich früher ihre Erfolge ausgenutzt, um Berichte und Geschichten über sie zu schreiben. Und sie war immer sehr auskunftsfreudig. Warum soll ich heute nun nicht mehr mit ihr reden? Ein bißchen feige kam ich mir schon vor, und es war wieder ähnlich wie zu DDR-Zeiten, als die „Schere im Kopf“ allgegenwärtig war, man nicht über alles schreiben durfte und wollte. Heute darf man es eigentlich, doch beim Thema Doping ist die Öffentlichkeit hellwach und kritisch, aber nicht immer gerecht. Mein Fazit: Beim nächsten Mal traue ich mich.

Eine neue Speerwurfanlage

Gespannt bin ich, wie die neue Speerwurfanlage bei den Athletinnen ankommt:

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An der gleichen Stelle wie die alte Anlage errichtet, – zwischen Parkplatz und Wurfhalle gelegen-, bietet sie äußerlich einen schmucken Anblick. Es sieht fast aus, als ob die Anlaufbahn ansteigt, aber Ex-Speerwerferin Tanja Damaske meint, daß das eine optische Täuschung sei.

Für ein Trio mit Christina Obergföll, Linda Stahl und Christin Hussong geht es nicht nur darum, die Konkurrentinnen hinter sich zu lassen. Es lockt auch die Olympianorm von 62,00 m.

Linda Stahl, wie immer konzentriert am Ablauf:

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und am Abwurf:

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Aber es wird nur eine Weite von 60,60 m und damit der 4. Platz.

Christin Hussong, die junge Aufsteigerin vom LAZ Zweibrücken,  sehe ich erstmals live und bin von ihren körperlichen Möglichkeiten beeindruckt. Auffällig, daß sie am Ablauf immer dicht bei Linda Stahl steht.

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Für Christin Hussong  (rechts) fliegen die Speere zunächst nicht allzuweit, doch im sechsten Versuch schafft sie mit 62,32 m noch eine annehmbare Weite, die den dritten Rang bedeutet.

Rund 20 m entfernt von den beiden nimmt Christina Obergföll Platz, wenn sie geworfen hat. Das beweist aber nicht, daß sie mit den beiden anderen nicht „ kann“, sondern wie konzentriert und fokussiert sie ist.

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Dann im vierten Versuch klappt es bei Christina Obergföll. 64,96 m weit segelt ihr Speer und der Jubel über den Siegwurf ist bei der Offenburgerin entsprechend groß. „ Das ist ein großer Befreiungsschlag. Ich hoffe, daß es noch ein bißchen weiter gehen kann“.

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Und sie freut sich auch mit ihrer zeitweiligen Trainingskameradin Mathilde Andraud aus Frankreich über deren zweiten Platz und den neuen französischen Rekord von 63,54 m.

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„ Das kam völlig überraschend, wir waren alle aus dem Häuschen“, so Trainer Werner Daniels. Und er organisierte flugs noch eine Dopingkontrolle – man erinnere sich an meine Ausführungen und das Schild „Dopingkontrolle-, denn das ist für die Anerkennung eine Rekordes notwendig.

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Freude also beim Trainergespann Obergföll /Daniels. Trotzdem wertet Werner Daniels die neue Wurfanlage etwas kritisch. „ Beim Abwurf rutschten die Werferinnen und blieben so unter ihren Möglichkeiten. “ Und das sah man später auch bei den Männern, die nicht auf die herausragenden Weiten kamen.

Der glückliche Julian

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Doch einer war trotzdem hinterher sehr glücklich. Speerwerfer Julian Weber (USC Mainz) unterstrich seine Olympia-Ambitionen, gewann mit der persönlichen Bestleistung von 82,69 m vor Johannes Vetter (Offenburg / 81,53 m) und blieb damit nur 31 cm unter der geforderten Olympianorm. Der Ex-Handballer hielt sich deshalb auch mit etwaiger Kritik an der neuen Anlage zurück. „ Es ist eine schön gemachte Speerwurfanlage“.

Christoph Harting glänzte mit dem Diskus

Zeitlich eingebettet zwischen den beiden Speerwettbewerben aber bot der Diskuswurf der Männer ein Spektakel. Ich verfolgte es nur mit dem Ohr, sprich, ich registrierte die Weiten und den Sieg des Berliners Christoph Harting mit 65,61 m. Damit hatte er die Scharte von Wiesbaden, als er nur drei ungültige Versuche zuwegebrachte, ausgewetzt. Entsprechend entspannt konnte er auf dem Podest lächeln.

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Die ersten Drei: Daniel Jasinski ( 65,38 m/ 2.), Christoph Harting (1.), Martin Wierig (63,88 m / 3. – von links)

Von der Hitze des Tages leicht geschafft, verzichtete ich darauf, den letzten Spitzenwettbewerb des Tages, das Kugelstoßen der Frauen, live zu beobachten. Es reichte mir, das Ergebnis im Nachhinein im Internet nachzulesen und zu registrieren, daß drei Chinesinnen die ersten Plätze belegten.

Zaungast Thomas Röhler

Dafür sprach ich noch kurz mit dem gegenwärtig besten deutschen Speerwerfer  Thomas Röhler aus Jena, der am Vorabend den Wettkampf im tschechischen Ostrava mit der Weltjahresbestleistung von 87,37 m gewonnen hatte und deshalb bei den Werfertagen nicht am Start war.

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Man merkt ihm förmlich noch an, wie in der gestrige Wettkampf begeistert hatte. „ Es war ein sehr spannender Wettkampf,  und ich war im letzten Durchgang sogar auf Platz 3 zurückgedrängt worden. Doch dann hatte ich alles in der Hand. Es war mein Moment, weil ich den allerletzten Versuch hatte.“ Und der gelang ihm dann mit 87,37 m bestens. Dem Ägypter Abdelrahman (84,85) und dem Polen Krukowski (84,74 m) blieben nur die Plätze 2 und 3. Und Thomas Röhler hatte die Genugtuung, daß er mehr Beifall als Usain Bolt bekam. Kein Wunder in einem Speerwerferland, das mit Jan Zelezny noch den aktuellen Weltrekordhalter hat.  „ Es ist sehr schön, daß ich so früh in der Saison solch eine Herausforderung hatte,“ erklärt Röhler. Aber gleichzeitig verweist er darauf, daß das internationale Niveau gestiegen ist. „ Es geht wieder hin zu den Zeiten, wo man mit 90 Metern gewonnen hat und nicht mit 84 Metern.“ Und diesen 90 Metern nähert sich der Gewinner der Diamond Race 2014 und WM-Vierten von Peking nun mit Macht. (mehr dazu auf meiner Homepage unter „Treffs mit Leichtathleten“). Und Thomas Röhler weiß, was er tun muß. „ Man muß immer über den Tellerrand hinausschauen, und das tun mein Trainer Harro Schwuchow und ich. Wir wollen keinen Stillstand haben.“

Voller Interesse hat er den Speerwurfwettbewerb bei den Werfertagen verfolgt. „ Wir kennen uns alle schon lange und mit Johannes Vetter, Andreas Hofmann und dem heutigen Sieger Julian Weber kommen starke Werfer nach. Es wird also nicht leicht, sich durchzusetzen und für Rio zu qualifizieren. Wir werden auf alle Fälle ein starkes, konkurrenzfähiges Team zusammenbekommen. “ Keine Frage, daß Thomas Röhler dabei sein will. Vor allem gesund bleiben muß er. „Dafür mache ich eine ganze Menge, vielleicht mehr als alle anderen“, äußert sich der schlanke Athlet. „ Physio besuche ich nie“, verblüfft er mich. „ Das ist eine spannende Geschichte“, nicht eben so am Rande zu erläutern. „ Wir kümmern uns also selbst darum, neue Möglichkeiten zu entdecken. Es gibt tolle Möglichkeiten, so etwa Back Rolling.  „ Später lasse ich mir von „Herrn Google“ sagen, was sich hinter diesem Begriff verbirgt. Toll, wenn man selbst in einem solchen Gespräch auch hinzulernt.

Thomas Röhler führt noch ein kurzes Gespräch mit Ralph Hirsch, dem Chef des Dessauer Anhalt-Meetings, das am 27. Mai im Paul-Greifzu-Stadion stattfindet:

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Dann steigt er ins Auto und fährt auf der A 9 südwärts nach Hause ins relativ nahe Jena. Ich aber schließe das Kapitel „Hallesche Werfertage“ für dieses Jahr ab, und fahre auf der A 9 nordwärts.

Die vielen Erlebnisse und Begegnungen dieser zwei Tage schwirren mir noch lange im Kopf herum. Im nächsten Jahr – geplant ist der 20. Und 21. Mai 2017 -, bin ich gern bei der 43. Auflage der Halleschen Werfertage wieder dabei.

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(Fotos: Peter Grau / Werner Daniels)

Die Halleschen Werfertage 2016 – von David Storl bis Julia Fischer

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Schon vom Parkplatz aus kann man einen Blick auf die Wettkampfanlagen werfen. Und man darf sich zunächst auch Gedanken über den Namen Sportzentrum Brandberge machen. Brandberge – dieser Name irritiert ein wenig. Und bei Wikipedia werden die Brandberge als ein 92 Hektar großes Naturschutzgebiet beschrieben, im nordwestlichen Stadtgebiet von Halle, zwischen Kröllwitz und Heide Nord.

Nicht Berge im eigentlichen Sinne erwarten einen, sondern vielmehr eine hügelähnliche Landschaft. Sie hatte ich ja schon bei meinem Abstecher rund um die Kröllwitzer Brücke gesehen. Die Brandberge haben ihren Ursprung in kalkhaltigem Gestein, hat man mir früher mal erzählt. Davon ist hier allerdings wenig zu sehen. Vielmehr viel Grün, viel Rasen. Denkt man sich die einzelnen Wurfanlagen weg, dann ist es einfach eine große Wiese, dazu eine Ebene höher noch ein Rasenplatz. Mittendrin steht die Wurfhalle, in der allerdings nicht geworfen wird, sondern in der die Athleten Kraft im Kraftraum tanken können. Bei den Werfertagen dient sie den Athleten vor allem als Aufenthalts- und Aufwärmraum.

Und an diesem Sommertag nutzen sie gern die Kühle der Halle. Da die Wettkämpfe noch nicht begonnen haben, suche ich auch zunächst diese Halle auf, um nach Gesprächspartnern Ausschau zu halten. Da läuft mir zum zweiten Mal Boris Obergföll über den Weg, Bundestrainer und Heimtrainer seiner Frau Christina. Gemeinsam mit Werner Daniels, dem langjährigen Trainer der Weltmeisterin von 2013, läßt er die Speere überprüfen:

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Jürgen Schmitt, seines Zeichens Obmann der Gerätekontrolle, wiegt jeden Speer, ermittelt den Schwerpunkt und stellt den Durchmesser der Speere an verschiedenen Meßpunkten fest. Stimmt alles, bekommt der Speer das „Okay“.

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Gerätechef Jürgen Schmitt   bei der Arbeit

 

Gleich daneben wird Kugelstoßer David Storl vom Physiotherapeuten auf den Wettkampf vorbereitet. Nicht nur ums Knie kümmert er sich, er prüft auch die Reflexe.

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Ansonsten wird in der Halle viel gedehnt, oder einfach nur geruht. Auch hier überwiegt das Familiäre, die Zuschauer können einfach durch die Halle spazieren und zusehen.

Die Präsentation der Spitzenathleten

Familiär ist auch immer die Vorstellung einiger Spitzenathleten zu Beginn der Veranstaltung. Schon hier ist die Aufmerksamkeit des sachkundigen Publikums zu spüren.

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Ein herzliches Willkommen wünscht Gesamtleiter Dr. Falk Ritschel:

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Kleine Geschenke werden den Athleten überreicht, die Fotografen kommen auf ihre Kosten:

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Kathrin Klaas, Christina Obergföll, Linda Stahl (von links)

 

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Lokalmatadorin Nadine Müller

 

Dann aber beginnt endlich das eigentliche Kräftemessen.

Ab 12.30 Uhr versammelt sich eine unübersehbare Menge rund um den Kugelstoßring. Man muß als Zuschauer möglichst 2 Meter groß sein und dazu über Stehvermögen verfügen, um alles verfolgen zu können:

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Aber wer nicht alles mitbekommt, wird vom Sprecher auf dem Laufenden gehalten.

Ich schaue mir das Ganze aus der Ferne an und blicke auf den Wurfsektor:

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In der anderen Richtung erblicke ich das Schild „Doping-Kontrolle“:

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Der Weg der dafür ausgelosten bzw. bestimmten Athleten führt von dort hinunter in die nächste Halle, die Sporthalle Brandberge. Diese Halle ist vor allem als Leichtathletikhalle konzipiert und bietet mit 1.840 Sitz- und 160 Stehplätzen viel Platz für die Zuschauer. Aber nicht nur Leichtathletik wird dort zelebriert, sondern es finden auch kulturelle Veranstaltungen aller Art statt.

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Doch heute, an einem Sommertag, spielt sich das sportliche Geschehen im Freien ab.

Meine Aufmerksamkeit gilt den aktiven Kugelstoßern. Einfach ist es, die „Rückfront“ des nach David Storl gegenwärtig zweitbesten Deutschen Tobias Dahm aufs Foto zu bekommen. Er sitzt nach seinem dritten Versuch von 19,77 m auf der Bank am Rande des Sektors und beobachtet die Konkurrenz:

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Einfach ist es auch, David Storl bei seinen Vorbereitungen „abzulichten“:

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Schwerer ist es für mich dagegen, die Aktionen der Kugelstoßer aus der Entfernung ins rechte Bild zu setzte. Da reicht, wie vorher schon beschrieben, der „Zoom“ meiner Kamera nicht aus. Aber mit ein wenig Phantasie erkennt man hier, daß Publikumsliebling David Storl gerade die Kugel aus der Hand „gelassen“ hat:

Halli Storl im Ringe 0795

20,25 m werden für ihn gemessen, und das sollte am Ende  sein weitester Versuch bleiben. Der Weltmeister von 2011 und 2013 und Olympiazweiter von 2012 ist damit nicht zufrieden, auch wenn es sein Saisoneinstand nach 8 Monaten Wettkampfpause ist.

So äußert er sich später im Gespräch mit den Journalisten recht enttäuscht.

Und hier sieht man wieder die Vorteile des Meetings für die Medien. Sofort nach Ende des Wettkampfes stehen die Athleten zur Verfügung, und David Storl darf schildern, wie er alles bewertet und auch, wie es seinem Knie „geht“. Diese Frage aber hörte er wohl zu oft, denn leicht genervt meint er bald: „ Hört doch endlich mit dem Quatsch auf“. Man kann das als gutes Zeichen deuten.

Die Journalisten bei der Arbeit:

Halli Storl Journal 1 804

Frank Schober (rechts, Leipziger Volkszeitung) interviewt David Storl

Halli Jarko 806

Gespanntes Lauschen bei Ralf Jarkowski (dpa)

Halli Heft 809

Hier werden die „goldenen Worte“ festgehalten, die später um die Welt gehen.

Halli Jan 0812Jan-Henner Reitze hält alles für „leichtathletik.de“ im Video-Interview fest.

Nach dem Interview-Marathon geht es für David Storl dann zur Siegerehrung. Vorher werden noch freundliche Worte mit dem Ex-Kugelstoßer Ralf Bartels (rotes T-Shirt) gewechselt, der hier in Halle früher zu den Lieblingen des Publikums gehörte, auch wenn er nicht immer gewinnen konnte. Oliver-Sven Buder (ganz links) schaut zu,  auch ein Exkugelstoßer ( über ihn kann man bei mir in „ Treffs mit Leichtathleten“ manches nachlesen.).

Halli Buder Bartels 817

Typisch für Halle, wo sich aktuelle und frühere Athleten immer wieder freundschaftlich begegnen.

Dann also die Siegerehrung für die Kugelstoßer:

Zunächst wird Tobias Dahm (VfL Sindelfingen) für seinen dritten Rang ausgezeichnet:

Halli Ehre Dahm 818

Dann darf sich David Storl (SC DHfK Leipzig) zu seinem zweiten Platz beglückwünschen lassen:

Halli Storl ehre820

Nach seinen vorherigen Leistungen nicht unerwartet gewinnt der polnische Drehstoßer Konrad Bukowiecki mit einer Weite von 20,62 m:

Halli Pole Ehre0823

 

Die mehr oder weniger glücklichen Drei:

Halli 3 Geehrte Kugel 0825

Und erwähnenswert noch, daß Dennis Lewke (SC Magdeburg / 19,42 m) Vierter wird, Christian Jagusch (SC Neubrandenburg / 19,09) Siebenter und Patrick Müller (SC Neubrandenburg /19,05) Achter.

 

Die Königin der Werfertage

13.30 Uhr beginnt der Diskuswurf der Frauen, gleich neben der Kugelstoßanlage. Für die Diskuswerfer stehen vier Wurfringe zur Auswahl und jeweils kurz vor Beginn des Wettkampfes kann vom Veranstalter der vermeintlich beste, sprich windbegünstigste Ring ausgewählt werden. Zwar hat man sich früher auch mal bei dieser Auswahl vertan, aber wie sagt man so schön: „ Mit des Windes Mächten ist kein ewiger Bund zu flechten“. Oder so ähnlich. Diesmal spielte der Wind eine relativ untergeordnete Rolle, denn er wehte nur recht schwach.

Halle 2016 klein Fischer TafelP1020832

Aber stark war die Leistung der Berliner Diskuswerferin Julia Fischer, über die ich schon ausführlich in meinem Tagebuch berichtet habe (siehe: Julia Fischer – die Königin der Werfertage).

Peter Grau

(Fotos:  Peter Grau)

Fortsetzung unter: Die Halleschen Werfertage 2016 – von Kathrin Klaas bis Christoph Harting

Die Halleschen Werfertage 2016: Eine Reportage (Zusammenfassung)

Halle Werfertage 2016 Programm

Jedes Jahr im Mai wird die Werferfamilie, sprich alles, was mit Kugel, Diskus, Hammer und Speer zu tun hat, nach Halle an der Saale gerufen. Dort, im Sportzentrum Brandberge, finden seit vielen Jahren die Hallenser Werfertage statt. Sie haben ihren Namen einige Male geändert, heißen jetzt Halplus-Werfertage, immer angelehnt an einen der Hauptsponsoren. Doch geblieben ist seit eh und je das Familiäre, das Aktive, Trainer, Zuschauer immer wieder in die Saale-Stadt zieht.

Seit 1992 bin ich selbst dort als Berichterstatter für die Zeitschrift „ Leichtathletik“ und für den Internetdienst „leichtathletik.de“ aktiv gewesen, immerhin fast 25 Jahre. Diesmal stand für mich nicht das aktuelle Geschehen im Vordergrund, denn dafür waren

Werfertage klein Reitze P1020812

Jan-Henner Reitze (leichtathletik.de)              und

Werfertage klein Ewald P1020770

Ewald Walker ( Zeitschrift „ Leichtathletik“)      zuständig.

 

Ich konnte mich den vielen schönen Randerscheinungen der Werfertage widmen, ohne auf Gespräche mit Ex-Werfern, Trainern und mit aktuellen Spitzenathleten verzichten zu müssen.

Der Vortag

Rechtzeitig anreisen ist in der heutigen Zeit Pflicht. Zu sehr hemmen Staus den „Fluß“ auf der Autobahn. Früher fuhr ich jeweils am Samstag morgens von Berlin nach Halle und dann abends nach der Veranstaltung zurück. Diesmal also die Anreise am Freitag und wie gewohnt ein Zimmer im Athletenhotel gebucht.

Werfertage klein Hotel P1020751

Schon im Foyer merkt man, daß die Werfertage bevorstehen:

Werfertage klein Hotelfoyser P1020749

Und an der Rezeption werde ich von Boris Obergföll freundlich begrüßt. Nicht, daß er hier arbeitet. Nein, er kümmert sich gerade in seiner Funktion als DLV-Bundestrainer um die „menschlichen“ Belange seiner Schützlinge. Für mich auffällig, wie entspannt er ist. Und ich sollte ihm an diesen zwei Tagen noch öfters begegnen.

Überraschend für mich aber war, daß plötzlich, bei meiner Ankunft so gegen 18 Uhr, sehr viele DLV-Trainer im Hotelvorraum herumwuselten, und beileibe nicht nur Wurftrainer. Ob nun die Heinigs, Volker Beck, Henning von Papen, Dietmar Chounard,   Idriss Gonschinska, Uwe Mäder, alles war vertreten. Aber warum? Geherchef Ronald Weigel klärte mich auf: „ Jedesmal vor den Werfertagen haben wir in Halle eine Trainertagung.“ Sprach es und düste nach Hause ab, um am Sonntag wieder in Naumburg bei den Deutschen Meisterschaften der Geher über 20 km aktiv zu sein. „ Und dann geht es bald ins Trainingslager nach Oberhof“, sagte er noch und deutete damit an, daß auch für die Geher, die ja für Rio schon vornominiert sind, nun eine heiße Trainingsphase beginnt.

Für mich aber war an diesem Freitag eher Ruhe vor dem Sturm angesagt. Das war früher anders, als ich die aktiven Sportler abpassen konnte und mußte und schon viel Stoff für die aktuelle Berichterstattung sammelte. Erinnerlich ist mir außerdem, daß man abends in der kleinen gemütlichen Bar direkt neben dem Eingang des Hotels Athleten und Trainer vereint sitzen sah und sich je nach Wunsch die einzelnen Athleten herbeirufen konnte. Das ist heute nicht mehr so, aus welchen Gründen auch immer.

Ich aber nutzte die freie Zeit, um in den nahen Einkaufspark, das „ Halle Center Peißen“, zu gehen und durch die am Freitagabend nicht sehr frequentierten Geschäfte zu schlendern. Im Mediamarkt führte ich dann am Stand für Fotoapparate ein aufschlußreiches Gespräch mit einem freundlichen Verkäufer. Mein Ansinnen: Ich habe eine kleine, normale LumixDigital-Kamera von Panasonic, die zwar zum „Knipsen“ ausreicht, aber zu mehr auch nicht. Zwar will ich kein Profifotograf werden, aber zur Ausgestaltung meiner Homepage wäre es schön, wenn die Kamera bessere Fotos machen könnte, u.a. durch einen besseren Zoom. Der Verkäufer gab mir folgenden Tip: Eine Kamera „ Canon Powershot SX 540“ , mit einem 50er Zoom wäre für meine Zwecke das Richtige. Diesen Tip speicherte ich im Kopf, und mein Fotografen-Freund Dirk Gantenberg bestätigte mir, daß es ein guter Tip sei. Nun muß ich nur noch den Tip in die Tat umsetzen, sprich die neue Kamera kaufen.

Für diesmal aber mußte die alte Lumix DMC-FS56 noch ihren Dienst tun.

Die Anfahrt zur Wettkampfstätte

Der Samstagmorgen verhieß mit Sonnenschein sehr gute Witterungsbedingungen für die Wettkämpfer. Für mich gab es erstmal ein gutes Frühstück, verbunden mit einem längeren Plausch mit DLV-Trainer Werner Goldmann. Und ihm erzählte ich auch, daß ich soeben fast mit Lars Riedel gesprochen hätte. Als ich so in Ruhe vor meinem Frühstücksei saß und Karl-Heinz Leverköhne, dem ehemaligen DLV-Wurftrainer, freundlich zugewinkt hatte, kam ein Hüne von Athlet an mir vorbei, d.h. es waren rund 15 m Luftlinie zwischen uns. Er setzte sich an einen entfernten Tisch und ich dachte sofort: Das ist Lars Riedel. Nicht ganz überraschend eigentlich, denn hier in Halle hat er oft den Diskus fliegen lassen.

Halle Werfertag Riedel

Und ich habe ihm auch mal-, es war sicher noch im vorigen Jahrhundert-,  die Auszeichnung der Zeitschrift “ Leichtathletik“ für den Leichtathleten des Jahres übergeben.

Überraschend aber, weil er gerade so oft im Fernsehen aktiv zu sehen ist und nicht für alles Zeit haben wird. Jedenfalls bereitete ich mich schon auf ein Gespräch vor, wollte ihn über all das befragen, was er so in den Jahren nach seinem sportlichen Karriereende erlebt hat. Doch dann die Enttäuschung. Als ich mich seinem Tisch näherte, merkte ich: Er war es nicht. Es stimmte zwar manches in Größe, Statur, Aussehen überein, aber : Es war ein Doppelgänger. Doch damit muß man leben. Das Gespräch mit Lars Riedel muß ich eben auf später verschieben.

Gegen 10.30 Uhr setzte ich mich dann ins Auto, um zu den Brandbergen zu fahren. Was es mit diesen „Bergen“ auf sich hat, wird später erläutert. Den Weg vom Hotel zur Wettkampfstätte hätte ich jedenfalls auch ohne Navi gefunden. Gefühlt 1000 mal (leicht übertrieben) bin ich diesen Weg gefahren und immer bin ich über eine Brücke gekommen, die über die Saale führte. Nun endlich nahm ich mir mal die Zeit, dort einen Halt einzulegen und das Ganze aus der Nähe zu betrachten.

Werfertage klein Saale 752

Von der Uferstraße sieht es so aus:  Links ein steinernes Rind, auf dem Fluß Schiffe und ein Paddler. Die Rind-Skulptur wurde von Gerhard Marcks geschaffen, der später auch die Rückseite der Goldmedaille für die  Olympischen Sommerspiele 1972 in München gestaltete. An dem anderen Ende der Brücke  (auf dem Foto nicht sichtbar) steht seine zweite Skulptur, ein Pferd.

Eine Treppe führt auf die Kröllwitzer Brücke hinauf, die auch Giebichensteinbrücke genannt wird.

Werfertage klein Schild 756

Das amtliche Schild macht es deutlich: Unter mir fließt die Saale.

Und der Blick von der Brücke öffnet sich auf beiden Seiten hin zu einem imposanten Fluß:

Werfertage klein Saale zwei 753

Werfertagge klein Saale drei761

Aber nicht nur Wasser ist zu sehen. Direkt an der Brücke schaut ein interessantes Gebäude auf die Saale:

Werfertage klein Gebäude 755

Auf der anderen Seite steht auf einem Hügel ein japanischer Pavillon:

Werfertage klein Pavillon759

Aber alles wird von einer Burg überragt. Zwar kommt wegen der Lichtverhältnisse das Ganze nicht so zur Geltung, und ich weiß auch nicht, wie diese Burg heißt. Eigentlich müßte ich nach oben fahren oder hinaufklettern, doch dafür bleibt keine Zeit, denn der Beginn der Wettkämpfe rückt näher.

Werfertage klein Burg758

So heißt es  warten, bis Herr Google zuhause wieder hilft. Und der überrascht mich: Es ist die Burg Giebichenstein. Diese Burg, die schon zu DDR-Zeiten bekannt war, vor allem als Sitz der Hochschule für industrielle Formgebung, später als Kunsthochschule. Heutzutage residiert in der Burg noch ein Teil der Kunsthochschule, der andere Teil ist in der Nähe der Burg untergebracht. Rund 1000 Studenten sind hier zugegen, um sich für eine künstlerische Zukunft vorzubereiten.

Die Begegnung mit einem Radfahrer

Mitten auf der Brücke treffe ich einen Radfahrer, der ebenfalls seinen Fotoapparat gezückt hat, um das Saale-Motiv festzuhalten.

Werfertage klein Radfahrer762

Wir kommen ins Gespräch und er erzählt mir, daß er aus Hamburg kommt, eine Woche lange auf dem Rad Deutschland erkundet. Hamburg-Halle-Nürnberg, es beeindruckt mich, der ich über 20 km Radfahren schon glücklich bin. Jeden Tag fährt er so seine 100 km, jeden Tag übernachtet er woanders. 47 Jahre ist er alt und fit wie ein Turnschuh. So schaut es zumindest aus. Zwei kleine Reisetaschen sind hinten am Rad befestigt, viel darf man auf solchen Radfahrten nicht mitnehmen. Und die Technik fährt natürlich auch mit. Vorn am Lenker hat er ein Samsung-Smartphone befestigt, das praktisch als Navi funktioniert und die Straßen und Flüsse exakt wiedergibt und auch die Entfernungen. Nun sucht er gerade den Uferweg, aber da kann ich ihm helfen, denn von dort komme ich ja. Zwischendurch erzählt er noch, daß er vorgestern noch in Hamburg war, auch an den Landungsbrücken. Und da kann ich wieder mit meinen Hamburg-Kenntnissen prahlen: 1987 bin ich in Hamburg Marathon gelaufen und habe oberhalb der Landungsbrücken in einer Jugendherberge übernachtet. Solche Herbergen sucht mein Radfahrer jeden Tag. Und er findet sie jeden Tag. Wir aber nehmen Abschied. Er radelt nun „an der Saale hellem Strande“ ( so ist es mir aus meinen Thüringer Tagen noch gegenwärtig) , und ich steige wieder ins Auto und fahre die zwei Kilometer bis hin zum Wettkampfort.

Es ist Samstag 11 Uhr. Ein freundlicher Parkwächter empfängt mich. Er hat eben von einem Autofahrer eine Flasche Wein überreicht bekommen, sicher kennen sich beide. 30 Jahre ist er schon hier als guter Geist für all die Sportler, Trainer, Funktionäre und Journalisten, die ihre Autos für den Tag loswerden wollen, um die wenigen Schritte hinüber zur Sportanlage zu gehen.

Werfertage klein Parkplatz763

Mein grüner Hyundai sticht immer heraus. In der Masse von schwarzen, grauen und weißen Limousinen ist er leicht zu finden.

Ich hole mir im Organisationsbüro meinen Presseausweis und mein „Fotoleibchen“ und darf dann hinein ins „Mekka der Werfer“.

Von David Storl bis Julia Fischer

Schon vom Parkplatz aus kann man einen Blick auf die Wettkampfanlagen werfen. Und man darf sich zunächst auch Gedanken über den Namen Sportzentrum Brandberge machen. Brandberge – dieser Name irritiert ein wenig. Und bei Wikipedia werden die Brandberge als ein 92 Hektar großes Naturschutzgebiet beschrieben, im nordwestlichen Stadtgebiet von Halle, zwischen Kröllwitz und Heide Nord.

Nicht Berge im eigentlichen Sinne erwarten einen, sondern vielmehr eine hügelähnliche Landschaft. Sie hatte ich ja schon bei meinem Abstecher rund um die Kröllwitzer Brücke gesehen. Die Brandberge haben ihren Ursprung in kalkhaltigem Gestein, hat man mir früher mal erzählt. Davon ist hier allerdings wenig zu sehen. Vielmehr viel Grün, viel Rasen. Denkt man sich die einzelnen Wurfanlagen weg, dann ist es einfach eine große Wiese, dazu eine Ebene höher noch ein Rasenplatz. Mittendrin steht die Wurfhalle, in der allerdings nicht geworfen wird, sondern in der die Athleten Kraft im Kraftraum tanken können. Bei den Werfertagen dient sie den Athleten vor allem als Aufenthalts- und Aufwärmraum.

Und an diesem Sommertag nutzen sie gern die Kühle der Halle. Da die Wettkämpfe noch nicht begonnen haben, suche ich auch zunächst diese Halle auf, um nach Gesprächspartnern Ausschau zu halten. Da läuft mir zum zweiten Mal Boris Obergföll über den Weg, Bundestrainer und Heimtrainer seiner Frau Christina. Gemeinsam mit Werner Daniels, dem langjährigen Trainer der Weltmeisterin von 2013, läßt er die Speere überprüfen:

Halli Speer767

Halli Speer 2 768

Jürgen Schmitt, seines Zeichens Obmann der Gerätekontrolle, wiegt jeden Speer, ermittelt den Schwerpunkt und stellt den Durchmesser der Speere an verschiedenen Meßpunkten fest. Stimmt alles, bekommt der Speer das „Okay“.

Halli Obmann 771

Gerätechef Jürgen Schmitt   bei der Arbeit

Gleich daneben wird Kugelstoßer David Storl vom Physiotherapeuten auf den Wettkampf vorbereitet. Nicht nur ums Knie kümmert er sich, er prüft auch die Reflexe.

Halli Storl knie765

Halli Storl knieee 766

Ansonsten wird in der Halle viel gedehnt, oder einfach nur geruht. Auch hier überwiegt das Familiäre, die Zuschauer können einfach durch die Halle spazieren und zusehen.

Die Präsentation der Spitzenathleten

Familiär ist auch immer die Vorstellung einiger Spitzenathleten zu Beginn der Veranstaltung. Schon hier ist die Aufmerksamkeit des sachkundigen Publikums zu spüren.

Halli Menschen 785

Ein herzliches Willkommen wünscht Gesamtleiter Dr. Falk Ritschel:

Halli Willkommen Ritschel 780

Kleine Geschenke werden den Athleten überreicht, die Fotografen kommen auf ihre Kosten:

Halli 3 Damen 786

Kathrin Klaas, Christina Obergföll, Linda Stahl (von links)

Halli Müller 784

Lokalmatadorin Nadine Müller

Dann aber beginnt endlich das eigentliche Kräftemessen.

Ab 12.30 Uhr versammelt sich eine unübersehbare Menge rund um den Kugelstoßring. Man muß als Zuschauer möglichst 2 Meter groß sein und dazu über Stehvermögen verfügen, um alles verfolgen zu können:

Halli Menschen Kugel 796

Aber wer nicht alles mitbekommt, wird vom Sprecher auf dem Laufenden gehalten.

Ich schaue mir das Ganze aus der Ferne an und blicke auf den Wurfsektor:

Halli Kugelsesektor793

In der anderen Richtung erblicke ich das Schild „Doping-Kontrolle“:

Halli doping 790

Der Weg der dafür ausgelosten bzw. bestimmten Athleten führt von dort hinunter in die nächste Halle, die Sporthalle Brandberge. Diese Halle ist vor allem als Leichtathletikhalle konzipiert und bietet mit 1.840 Sitz- und 160 Stehplätzen viel Platz für die Zuschauer. Aber nicht nur Leichtathletik wird dort zelebriert, sondern es finden auch kulturelle Veranstaltungen aller Art statt.

Halli Brfand halle 789

Doch heute, an einem Sommertag, spielt sich das sportliche Geschehen im Freien ab.

Meine Aufmerksamkeit gilt den aktiven Kugelstoßern. Einfach ist es, die „Rückfront“ des nach David Storl gegenwärtig zweitbesten Deutschen Tobias Dahm aufs Foto zu bekommen. Er sitzt nach seinem dritten Versuch von 19,77 m auf der Bank am Rande des Sektors und beobachtet die Konkurrenz:

Halli _Dahm 794

Einfach ist es auch, David Storl bei seinen Vorbereitungen „abzulichten“:

Halli Storl 791

Schwerer ist es für mich dagegen, die Aktionen der Kugelstoßer aus der Entfernung ins rechte Bild zu setzte. Da reicht, wie vorher schon beschrieben, der „Zoom“ meiner Kamera nicht aus. Aber mit ein wenig Phantasie erkennt man hier, daß Publikumsliebling David Storl gerade die Kugel aus der Hand „gelassen“ hat:

Halli Storl im Ringe 0795

20,25 m werden für ihn gemessen, und das sollte am Ende  sein weitester Versuch bleiben. Der Weltmeister von 2011 und 2013 und Olympiazweiter von 2012 ist damit nicht zufrieden, auch wenn es sein Saisoneinstand nach 8 Monaten Wettkampfpause ist.

So äußert er sich später im Gespräch mit den Journalisten recht enttäuscht.

Und hier sieht man wieder die Vorteile des Meetings für die Medien. Sofort nach Ende des Wettkampfes stehen die Athleten zur Verfügung, und David Storl darf schildern, wie er alles bewertet und auch, wie es seinem Knie „geht“. Diese Frage aber hörte er wohl zu oft, denn leicht genervt meint er bald: „ Hört doch endlich mit dem Quatsch auf“. Man kann das als gutes Zeichen deuten.

Die Journalisten bei der Arbeit:

Halli Storl Journal 1 804

Frank Schober (rechts, Leipziger Volkszeitung) interviewt David Storl

Halli Jarko 806

Gespanntes Lauschen bei Ralf Jarkowski (dpa)

Halli Heft 809

Hier werden die „goldenen Worte“ festgehalten, die später um die Welt gehen.

Halli Jan 0812Jan-Henner Reitze hält alles für „leichtathletik.de“ im Video-Interview fest.

Nach dem Interview-Marathon geht es für David Storl dann zur Siegerehrung. Vorher werden noch freundliche Worte mit dem Ex-Kugelstoßer Ralf Bartels (rotes T-Shirt) gewechselt, der hier in Halle früher zu den Lieblingen des Publikums gehörte, auch wenn er nicht immer gewinnen konnte. Oliver-Sven Buder (ganz links) schaut zu,  auch ein Exkugelstoßer ( über ihn kann man bei mir in „ Treffs mit Leichtathleten“ manches nachlesen.).

Halli Buder Bartels 817

Typisch für Halle, wo sich aktuelle und frühere Athleten immer wieder freundschaftlich begegnen.

Dann also die Siegerehrung für die Kugelstoßer:

Zunächst wird Tobias Dahm (VfL Sindelfingen) für seinen dritten Rang ausgezeichnet:

Halli Ehre Dahm 818

Dann darf sich David Storl (SC DHfK Leipzig) zu seinem zweiten Platz beglückwünschen lassen:

Halli Storl ehre820

Nach seinen vorherigen Leistungen nicht unerwartet gewinnt der polnische Drehstoßer Konrad Bukowiecki mit einer Weite von 20,62 m:

Halli Pole Ehre0823

Die mehr oder weniger glücklichen Drei:

Halli 3 Geehrte Kugel 0825

Und erwähnenswert noch, daß Dennis Lewke (SC Magdeburg / 19,42 m) Vierter wird, Christian Jagusch (SC Neubrandenburg / 19,09) Siebenter und Patrick Müller (SC Neubrandenburg /19,05) Achter.

13.30 Uhr beginnt der Diskuswurf der Frauen, gleich neben der Kugelstoßanlage. Für die Diskuswerfer stehen vier Wurfringe zur Auswahl und jeweils kurz vor Beginn des Wettkampfes kann vom Veranstalter der vermeintlich beste, sprich windbegünstigste Ring ausgewählt werden. Zwar hat man sich früher auch mal bei dieser Auswahl vertan, aber wie sagt man so schön: „ Mit des Windes Mächten ist kein ewiger Bund zu flechten“. Oder so ähnlich. Diesmal spielte der Wind eine relativ untergeordnete Rolle, denn er wehte nur recht schwach.

Julia Fischer – die Königin der Werfertage

Halle 2016 klein Fischer TafelP1020832

Ihren Schrei konnte man überall auf dem weitläufigen Gelände des Sportzentrums Brandberge hören. Es mußte etwas Besonderes im Diskusring geschehen sein und das war es auch: 68,49 m stand auf der Anzeigetafel und das bedeutete den Sieg im Diskuswerfen für die 26-jährige Berlinerin Julia Fischer. „ Ich mußte einfach meine Freude herausschreien, denn solch einen Wurf hatte ich zwar nach dem Trainingswerten erwartet, aber so ganz einfach verlief dieser Wettkampf nicht.“

Wie gut sie in Form ist, hatte sie vor einer Woche beim Saisonauftakt in Wiesbaden mit einem Erfolg mit einer Weite von 66,59 m bewiesen.

Halle Fischer klein SiegerP1020861

Siegerehrung in Halle /Saale

Nun aber gelang ihr in Halle/Saale im Schlußdurchgang mit 68,49 m nicht nur der bisher weiteste Wurf ihrer Karriere, sondern auch der Sieg gegen starke Konkurrenz wie der Weltmeisterin Denia Caballero (Kuba/66,41), den Chinesinnen Xinyue Su (65,40) und Bin Feng (65,14) und der von einer Erkältung gehandicapten Hallenser Lokalmatadorin Nadine Müller (64,30).

Halle Fischer klein SiegertrioP1020865

Halle Fischer klein Autogramme P1020827

Entsprechend aufgewühlt und superglücklich stellte sie sich dann den zahlreichen Journalisten. Und es ist eben ein Vorteil bei diesen familiären Hallenser Werfertagen, daß man als Journalist nicht mühsam in einer Mixed-Zone um Stimmen „kämpfen“ muß, sondern leicht und locker direkt nach dem Wettkampf und dicht neben der Wettkampfanlage in ein Gespräch kommt.

Halle Fischer klein Journalisten eins P1020833 Halle Fischer klein Journal zweiP1020835

Julia Fischer stand bisher zumindest in den Medien meistens im Schatten ihres Freundes Robert Harting. Der wußte als ein Aushängeschild der deutschen Leichtathletik nicht nur mit Leistungen zu überzeugen, sondern vielmehr auch mit vielen Wortmeldungen, die von den Journalisten in der Regel immer dankbar aufgenommen wurden.

Julia Fischer hat dazu vor drei Jahren in einem Interview mit Sebastian Arlt von der Berliner Morgenpost gesagt, daß es sie, wenn es um ihre eigenen Leistungen gehe, nicht nerve, immer den Zusatz „ die Freundin von Robert Harting“ zu lesen. „ Ich beachte es gar nicht“ . Vielmehr sehe sie es pragmatisch. „ Er ist eben der Superstar der Leichtathletik, da steht jeder dahinter im Schatten. Aber ich habe schließlich genügend Selbstbewußtsein als Frau“.

Drei Jahre sind seit diesem Interview ins Land gegangen. Wie selbstbewußt Julia Fischer nunmehr ist, zeigte sie nun bei den Hallenser Werfertagen bei dieser „kleinen Pressekonferenz“ nach ihrem 68,49-m-Wurf. Und es sprudelte förmlich aus ihr heraus. Eine Freude für die Journalisten.

Notizen aus dem Plausch mit den Medien

„ Im Training ist es in den letzten Wochen sehr gut gelaufen. Ich habe schon mal in diesen Bereich geworfen, wußte also, daß ich es drin habe.“ Aber der Wettkampf begann mit zwei ungültigen Versuchen sehr schlecht. „ Ich kam nur schwer in den Wettkampf und hatte ganz schön Herzklopfen vor dem dritten Versuch.

Halle Fischer klein im Ring P1020816

Ich wußte, daß ich nun einen heraushauen muß, denn sonst wäre der Wettkampf zuende gewesen. Das hat mir einen Adrenalinstoß gegeben und so sind auch die 64,14 m zu erklären“. Früher hatte sie in solchen Situationen oft Nerven gezeigt. Warum war das nun anders, wurde nachgefragt: „ Ich habe einfach gelernt, mit solchen Situationen fertig zu werden. Es klappt zwar nicht jeden Tag, man ist nicht jeden Tag gleich gut. Aber ich habe , auch durch meinen Mentaltrainer Markus Flemming, gelernt, in schwierigen Situationen mit Druck umzugehen und das eher positiv für mich zu nutzen“. Und die Berlinerin verwies auch darauf, daß manche Wettkämpfe recht einschläfernd beginnen, aber dann plötzlich „ explodieren“. „ Dann wirft einer in den letzten Versuchen weit und dann muß man aufpassen, nicht den Anschluß zu verlieren. Aber mich pusht das immer, ich kann mich dann nochmals richtig aufbauen. Und auch heute dachte ich: Es muß doch nun mal irgendwie klappen. Es war bei jedem Wurf anfangs etwas anderes, was nicht stimmte, und dann im fünften Versuch kam viel Gutes zusammen, es wurden 65,15 m. Der Wurf war solide, aber nicht optimal. Ich dachte, daß ich im sechsten Versuch überall etwas zulegen müßte, um noch weiter zu werfen.

Halle Fischer klein trainerP1020829

Ich habe dann mit meinem Coach Torsten Schmidt (links, mit seinen 2,07 m alle überragend) nochmals geredet und beraten, wie ich das mit dem Wind machen soll und dann habe ich es einfach probiert. Es war fifty-fifty, aber es klappte, und ich freue mich unfaßbar.“

Doch mitten in der Euphorie trat sie auch gleich auf die Bremse. „ Es wäre ein Fehler, sich nun zurückzulehnen und zu denken, daß ich sicher in Rio dabei bin. In Kassel bei den Deutschen Meisterschaften wird sich entscheiden, welche drei Diskuswerferinnen für die Olympischen Spiele nominiert werden.“ Daß sie dabei sein will, darf man aber voraussetzen, besonders auch nach diesem Superwurf von Halle.

„Ich will in Rio auf alle Fälle eine Medaille gewinnen. Das war schon immer mein Traum, als ich mit dem Leistungssport angefangen habe. Und diesen Traum möchte ich mir erfüllen.“

 

Von Kathrin Klaas bis Christina Obergföll

Das Kugelstoßen der Männer und das Diskuswerfen der Frauen sind also Geschichte. Nun gilt es, sich zu entscheiden, wohin man seine Füße setzen und seine Augen kreisen lassen will. Zeitliche Überschneidungen der einzelnen Wurfdisziplinen gibt es bei diesen Werfertagen immer. Aber sie sind nicht zu vermeiden, denn sonst würde die Veranstaltung doppelt so lang werden. Und ich habe sie schon immer dadurch verkürzt, daß ich auf den zweiten Tag, den Sonntag, immer verzichtete. Und der ist ja nochmals eine geballte Ladung von Wettkämpfen, nur eben der jüngeren Athleten.

Während das Diskuswerfen der Frauen läuft, hat an der anderen Seite, dicht neben dem Kugelstoßring, das Hammerwerfen der Frauen begonnen. Von der „Empore“ haben die Zuschauer den besten Blick.

Halli 849 Zuschauer

Kathrin Klaas möchte heute gern die Olympianorm von 71,00 m packen.

Halli 850 Klaas

Halli 852 Klaas

Doch von Wurf zu Wurf sieht man ihr an, daß es diesmal nicht richtig rund läuft bzw. dreht. Am Ende wurden es 70,30 m und ein fünfter Platz. „ Es war kein einfacher Wettkampf. Aber lieber langsam ins Rollen kommen, als zu früh alles Pulver verschießen“, urteilt sie selbst.

Sie ist zwar sehr mit sich beschäftigt, aber aus den Augenwinkeln sieht sie, daß die Weltrekordlerin aus Polen, Anita Wlodarczyk, den Hammer weit fliegen läßt und mit 79,48 m den bisherigen Meetingrekord von Betty Heidler von 79,42 m, den diese am 21. Mai 2011 aufstellte, verbesserte.

Ein Schild weist noch auf Heidlers Rekord hin, der damals auch Weltrekord bedeutete:

Halli 859 Schild

Sprecher Andreas Möckel kommentiert die Weitenjagd weiter, links auf der Anzeigetafel ist noch die neue Meeting-Rekordweite zu sehen: 79,48 m:

Halli 857 Möckel

Ich aber verabschiede mich vom Hammerwurfplatz und führe einige Gespräche, so mit einer Ex-Diskuswerferin und einem Ex-Speerwerfer. Darüber schreibe ich demnächst kleine Geschichten. Ihre Namen aber nenne ich noch nicht, denn die schreibende Konkurrenz „lauert“ überall. Das habe ich gerade erfahren, als ich mir vornahm, in Berlin mit Ex-Weitspringerin Susen Tiedtke zu sprechen. Aus Termingründen verschoben wir unser Treffen und dann las ich es am Sonntag: „Bild“ hatte eine Story geschrieben. Ärgerlich, denn man möchte bei solchen Geschichten schon immer der Erste sein. Aber, aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Auf dem Weg zur Speerwurfanlage treffe ich Jürgen Schult, den Wurf-Bundestrainer. Der Schweriner, der jetzt bei Potsdam wohnt, ist gewissermaßen ein „altes Inventar“ bei diesen Werfertagen. „Schon mit 14 Jahren habe ich hier geworfen und bin immer wieder gern hierher gekommen.“ Nun beobachtet er, wie sich seine Nachfolger schlagen.

Halli 801 Schult eins

Halli 802 Schult zwei

Einige Schritte weiter treffe ich auf Martin Sanne. Er war zu DDR-Zeiten beim SC Magdeburg Cheftrainer der Leichtathleten und zudem Verbandstrainer für die Mittel- und Langstreckler. Nach der Wende war er beim SC Magdeburg von 1991 bis 2010 Sportlicher Leiter für alle Sportarten:

Halli 803 Martin

Seine Liebe zur Leichtathletik hat er sich bis heute erhalten. Deshalb ist er auch in Halle Stammgast.

Und eine Begegnung habe ich dann noch, die mir hinterher Kopfschmerzen macht. Ex-Kugelstoßerin Kathrin Neimke kommt vorbei. Wir nicken uns kurz zu, mehr nicht. Danach denke ich: Das wäre doch auch eine Geschichte für mich, d.h. ihren Berufsweg nach ihrer sportlichen Karriere zu schildern. Aber warum zögere ich? Weil Kathrin Neimke, wie ich mich erinnere, nach der Wende recht lange gegen Dopingvorwürfe ankämpfen mußte. Zwar war sie nie positiv getestet worden, aber sie fiel eben mit unter den Generalverdacht: DDR-Staatsdoping. Um so mehr reizt es mich im Nachhinein, mit ihr zu reden. Immerhin habe ich früher ihre Erfolge ausgenutzt, um Berichte und Geschichten über sie zu schreiben. Und sie war immer sehr auskunftsfreudig. Warum soll ich heute nun nicht mehr mit ihr reden? Ein bißchen feige kam ich mir schon vor, und es war wieder ähnlich wie zu DDR-Zeiten, als die „Schere im Kopf“ allgegenwärtig war, man nicht über alles schreiben durfte und wollte. Heute darf man es eigentlich, doch beim Thema Doping ist die Öffentlichkeit hellwach und kritisch, aber nicht immer gerecht. Mein Fazit: Beim nächsten Mal traue ich mich.

Eine neue Speerwurfanlage

Gespannt bin ich, wie die neue Speerwurfanlage bei den Athletinnen ankommt:

Halli 764 SpeerHalli 799 Speeranlag

An der gleichen Stelle wie die alte Anlage errichtet, – zwischen Parkplatz und Wurfhalle gelegen-, bietet sie äußerlich einen schmucken Anblick. Es sieht fast aus, als ob die Anlaufbahn ansteigt, aber Ex-Speerwerferin Tanja Damaske meint, daß das eine optische Täuschung sei.

Für ein Trio mit Christina Obergföll, Linda Stahl und Christin Hussong geht es nicht nur darum, die Konkurrentinnen hinter sich zu lassen. Es lockt auch die Olympianorm von 62,00 m.

Linda Stahl, wie immer konzentriert am Ablauf:

Halli 845 Stahl

und am Abwurf:

Halli 836 Stahl zwei

Aber es wird nur eine Weite von 60,60 m und damit der 4. Platz.

Christin Hussong, die junge Aufsteigerin vom LAZ Zweibrücken,  sehe ich erstmals live und bin von ihren körperlichen Möglichkeiten beeindruckt. Auffällig, daß sie am Ablauf immer dicht bei Linda Stahl steht.

Halli Hussong

Für Christin Hussong  (rechts) fliegen die Speere zunächst nicht allzuweit, doch im sechsten Versuch schafft sie mit 62,32 m noch eine annehmbare Weite, die den dritten Rang bedeutet.

Rund 20 m entfernt von den beiden nimmt Christina Obergföll Platz, wenn sie geworfen hat. Das beweist aber nicht, daß sie mit den beiden anderen nicht „ kann“, sondern wie konzentriert und fokussiert sie ist.

Halli 842 Oberg

Dann im vierten Versuch klappt es bei Christina Obergföll. 64,96 m weit segelt ihr Speer und der Jubel über den Siegwurf ist bei der Offenburgerin entsprechend groß. „ Das ist ein großer Befreiungsschlag. Ich hoffe, daß es noch ein bißchen weiter gehen kann“.

Halli Obergf Autogramm

Und sie freut sich auch mit ihrer zeitweiligen Trainingskameradin Mathilde Andraud aus Frankreich über deren zweiten Platz und den neuen französischen Rekord von 63,54 m.

Halli Andraud Tafel

„ Das kam völlig überraschend, wir waren alle aus dem Häuschen“, so Trainer Werner Daniels. Und er organisierte flugs noch eine Dopingkontrolle – man erinnere sich an meine Ausführungen und das Schild „Dopingkontrolle-, denn das ist für die Anerkennung eine Rekordes notwendig.

Halli obergf andrau

Halli Speer Frauen Siegerehung

Freude also beim Trainergespann Obergföll /Daniels. Trotzdem wertet Werner Daniels die neue Wurfanlage etwas kritisch. „ Beim Abwurf rutschten die Werferinnen und blieben so unter ihren Möglichkeiten. “ Und das sah man später auch bei den Männern, die nicht auf die herausragenden Weiten kamen.

Der glückliche Julian

Halli 869 Weber

Doch einer war trotzdem hinterher sehr glücklich. Speerwerfer Julian Weber (USC Mainz) unterstrich seine Olympia-Ambitionen, gewann mit der persönlichen Bestleistung von 82,69 m vor Johannes Vetter (Offenburg / 81,53 m) und blieb damit nur 31 cm unter der geforderten Olympianorm. Der Ex-Handballer hielt sich deshalb auch mit etwaiger Kritik an der neuen Anlage zurück. „ Es ist eine schön gemachte Speerwurfanlage“.

Christoph Harting glänzte mit dem Diskus

Zeitlich eingebettet zwischen den beiden Speerwettbewerben aber bot der Diskuswurf der Männer ein Spektakel. Ich verfolgte es nur mit dem Ohr, sprich, ich registrierte die Weiten und den Sieg des Berliners Christoph Harting mit 65,61 m. Damit hatte er die Scharte von Wiesbaden, als er nur drei ungültige Versuche zuwegebrachte, ausgewetzt. Entsprechend entspannt konnte er auf dem Podest lächeln.

Halli 875 Sieger Disksu

Die ersten Drei: Daniel Jasinski ( 65,38 m/ 2.), Christoph Harting (1.), Martin Wierig (63,88 m / 3. – von links)

Von der Hitze des Tages leicht geschafft, verzichtete ich darauf, den letzten Spitzenwettbewerb des Tages, das Kugelstoßen der Frauen, live zu beobachten. Es reichte mir, das Ergebnis im Nachhinein im Internet nachzulesen und zu registrieren, daß drei Chinesinnen die ersten Plätze belegten.

Zaungast Thomas Röhler

Dafür sprach ich noch kurz mit dem gegenwärtig besten deutschen Speerwerfer  Thomas Röhler aus Jena, der am Vorabend den Wettkampf im tschechischen Ostrava mit der Weltjahresbestleistung von 87,37 m gewonnen hatte und deshalb bei den Werfertagen nicht am Start war.

Thomas Röhler 3 klein mit Trainer DSC09330-2

Man merkt ihm förmlich noch an, wie in der gestrige Wettkampf begeistert hatte. „ Es war ein sehr spannender Wettkampf,  und ich war im letzten Durchgang sogar auf Platz 3 zurückgedrängt worden. Doch dann hatte ich alles in der Hand. Es war mein Moment, weil ich den allerletzten Versuch hatte.“ Und der gelang ihm dann mit 87,37 m bestens. Dem Ägypter Abdelrahman (84,85) und dem Polen Krukowski (84,74 m) blieben nur die Plätze 2 und 3. Und Thomas Röhler hatte die Genugtuung, daß er mehr Beifall als Usain Bolt bekam. Kein Wunder in einem Speerwerferland, das mit Jan Zelezny noch den aktuellen Weltrekordhalter hat.  „ Es ist sehr schön, daß ich so früh in der Saison solch eine Herausforderung hatte,“ erklärt Röhler. Aber gleichzeitig verweist er darauf, daß das internationale Niveau gestiegen ist. „ Es geht wieder hin zu den Zeiten, wo man mit 90 Metern gewonnen hat und nicht mit 84 Metern.“ Und diesen 90 Metern nähert sich der Gewinner der Diamond Race 2014 und WM-Vierten von Peking nun mit Macht. (mehr dazu auf meiner Homepage unter „Treffs mit Leichtathleten“). Und Thomas Röhler weiß, was er tun muß. „ Man muß immer über den Tellerrand hinausschauen, und das tun mein Trainer Harro Schwuchow und ich. Wir wollen keinen Stillstand haben.“

Voller Interesse hat er den Speerwurfwettbewerb bei den Werfertagen verfolgt. „ Wir kennen uns alle schon lange und mit Johannes Vetter, Andreas Hofmann und dem heutigen Sieger Julian Weber kommen starke Werfer nach. Es wird also nicht leicht, sich durchzusetzen und für Rio zu qualifizieren. Wir werden auf alle Fälle ein starkes, konkurrenzfähiges Team zusammenbekommen. “ Keine Frage, daß Thomas Röhler dabei sein will. Vor allem gesund bleiben muß er. „Dafür mache ich eine ganze Menge, vielleicht mehr als alle anderen“, äußert sich der schlanke Athlet. „ Physio besuche ich nie“, verblüfft er mich. „ Das ist eine spannende Geschichte“, nicht eben so am Rande zu erläutern. „ Wir kümmern uns also selbst darum, neue Möglichkeiten zu entdecken. Es gibt tolle Möglichkeiten, so etwa Back Rolling.  „ Später lasse ich mir von „Herrn Google“ sagen, was sich hinter diesem Begriff verbirgt. Toll, wenn man selbst in einem solchen Gespräch auch hinzulernt.

Thomas Röhler führt noch ein kurzes Gespräch mit Ralph Hirsch, dem Chef des Dessauer Anhalt-Meetings, das am 27. Mai im Paul-Greifzu-Stadion stattfindet:

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Dann steigt er ins Auto und fährt auf der A 9 südwärts nach Hause ins relativ nahe Jena. Ich aber schließe das Kapitel „Hallesche Werfertage“ für dieses Jahr ab und fahre auf der A 9 nordwärts.

Die vielen Erlebnisse und Begegnungen dieser zwei Tage schwirren mir noch lange im Kopf herum. Im nächsten Jahr – geplant ist der 20. und 21. Mai 2017 -, bin ich gern bei der 43. Auflage der Halleschen Werfertage wieder dabei.

Peter Grau

(Fotos: Peter Grau)

Julia Fischer – die Königin der Halleschen Werfertage 2016

 

Halle 2016 klein Fischer TafelP1020832

Ihren Schrei konnte man überall auf dem weitläufigen Gelände des Sportzentrums Brandberge hören. Es mußte etwas Besonderes im Diskusring geschehen sein und das war es auch: 68,49 m stand auf der Anzeigetafel und das bedeutete den Sieg im Diskuswerfen für die 26-jährige Berlinerin Julia Fischer. „ Ich mußte einfach meine Freude herausschreien, denn solch einen Wurf hatte ich zwar nach dem Trainingswerten erwartet, aber so ganz einfach verlief dieser Wettkampf nicht.“

Wie gut sie in Form ist, hatte sie vor einer Woche beim Saisonauftakt in Wiesbaden mit einem Erfolg mit einer Weite von 66,59 m bewiesen.

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Siegerehrung in Halle /Saale

Nun aber gelang ihr in Halle/Saale im Schlußdurchgang mit 68,49 m nicht nur der bisher weiteste Wurf ihrer Karriere, sondern auch der Sieg gegen starke Konkurrenz wie der Weltmeisterin Denia Caballero (Kuba/66,41), den Chinesinnen Xinyue Su (65,40) und Bin Feng (65,14) und der von einer Erkältung gehandicapten Hallenser Lokalmatadorin Nadine Müller (64,30).

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Entsprechend aufgewühlt und superglücklich stellte sie sich dann den zahlreichen Journalisten. Und es ist eben ein Vorteil bei diesen familiären Hallenser Werfertagen, daß man als Journalist nicht mühsam in einer Mixed-Zone um Stimmen „kämpfen“ muß, sondern leicht und locker direkt nach dem Wettkampf und dicht neben der Wettkampfanlage in ein Gespräch kommt.

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Julia Fischer stand bisher zumindest in den Medien meistens im Schatten ihres Freundes Robert Harting. Der wußte als ein Aushängeschild der deutschen Leichtathletik nicht nur mit Leistungen zu überzeugen, sondern vielmehr auch mit vielen Wortmeldungen, die von den Journalisten in der Regel immer dankbar aufgenommen wurden.

Julia Fischer hat dazu vor drei Jahren in einem Interview mit Sebastian Arlt von der Berliner Morgenpost gesagt, daß es sie, wenn es um ihre eigenen Leistungen gehe, nicht nerve, immer den Zusatz „ die Freundin von Robert Harting“ zu lesen. „ Ich beachte es gar nicht“ . Vielmehr sehe sie es pragmatisch. „ Er ist eben der Superstar der Leichtathletik, da steht jeder dahinter im Schatten. Aber ich habe schließlich genügend Selbstbewußtsein als Frau“.

Drei Jahre sind seit diesem Interview ins Land gegangen. Wie selbstbewußt Julia Fischer nunmehr ist, zeigte sie nun bei den Hallenser Werfertagen bei dieser „kleinen Pressekonferenz“ nach ihrem 68,49-m-Wurf. Und es sprudelte förmlich aus ihr heraus. Eine Freude für die Journalisten.

Notizen aus dem Plausch mit den Medien

„ Im Training ist es in den letzten Wochen sehr gut gelaufen. Ich habe schon mal in diesen Bereich geworfen, wußte also, daß ich es drin habe.“ Aber der Wettkampf begann mit zwei ungültigen Versuchen sehr schlecht. „ Ich kam nur schwer in den Wettkampf und hatte ganz schön Herzklopfen vor dem dritten Versuch.

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Ich wußte, daß ich nun einen heraushauen muß, denn sonst wäre der Wettkampf zuende gewesen. Das hat mir einen Adrenalinstoß gegeben und so sind auch die 64,14 m zu erklären“. Früher hatte sie in solchen Situationen oft Nerven gezeigt. Warum war das nun anders, wurde nachgefragt: „ Ich habe einfach gelernt, mit solchen Situationen fertig zu werden. Es klappt zwar nicht jeden Tag, man ist nicht jeden Tag gleich gut. Aber ich habe , auch durch meinen Mentaltrainer Markus Flemming, gelernt, in schwierigen Situationen mit Druck umzugehen und das eher positiv für mich zu nutzen“. Und die Berlinerin verwies auch darauf, daß manche Wettkämpfe recht einschläfernd beginnen, aber dann plötzlich „ explodieren“. „ Dann wirft einer in den letzten Versuchen weit und dann muß man aufpassen, nicht den Anschluß zu verlieren. Aber mich pusht das immer, ich kann mich dann nochmals richtig aufbauen. Und auch heute dachte ich: Es muß doch nun mal irgendwie klappen. Es war bei jedem Wurf anfangs etwas anderes, was nicht stimmte, und dann im fünften Versuch kam viel Gutes zusammen, es wurden 65,15 m. Der Wurf war solide, aber nicht optimal. Ich dachte, daß ich im sechsten Versuch überall etwas zulegen müßte, um noch weiter zu werfen.

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Ich habe dann mit meinem Coach Torsten Schmidt (links, mit seinen 2,07 m alle überragend) nochmals geredet und beraten, wie ich das mit dem Wind machen soll und dann habe ich es einfach probiert. Es war fifty-fifty, aber es klappte, und ich freue mich unfaßbar.“

Doch mitten in der Euphorie trat sie auch gleich auf die Bremse. „ Es wäre ein Fehler, sich nun zurückzulehnen und zu denken, daß ich sicher in Rio dabei bin. In Kassel bei den Deutschen Meisterschaften wird sich entscheiden, welche drei Diskuswerferinnen für die Olympischen Spiele nominiert werden.“ Daß sie dabei sein will, darf man aber voraussetzen, besonders auch nach diesem Superwurf von Halle.

„Ich will in Rio auf alle Fälle eine Medaille gewinnen. Das war schon immer mein Traum, als ich mit dem Leistungssport angefangen habe. Und diesen Traum möchte ich mir erfüllen.“

Peter Grau

 (alle Fotos: Peter Grau)

 

Ein Interview zur rechten Zeit!

Schon vor einigen Tagen gab Julia Fischer meinem Journalistenkollegen Philip Häfner für die Berliner Morgenpost ein Interview, in dem sie über ihre olympischen Träume sprach, aber auch zur  allgegenwärtigen Dopingproblematik Stellung nahm.

Lesen Sie im folgenden einige Auszüge aus diesem Interview.

Julia Fischer will mit ihrem Freund Robert Harting nach Rio

Berlin.  Julia Fischer (26) wurde 2015 erstmals Deutsche Meisterin im Diskuswerfen, bei der WM in Peking erreichte die Freundin und Trainingsgruppenkollegin von Olympiasieger Robert Harting dann Platz fünf. In dieser Saison will die Sportlerin des SCC Berlin bei den Olympischen Spielen in Rio eine Medaille gewinnen.

Berliner Morgenpost:  Im vergangenen halben Jahr waren Sie zweimal in Südafrika im Trainingslager, danach in der Türkei, in Florida und zuletzt in Portugal. Haben Sie mal darüber nachgedacht, Ihre Wohnung unterzuvermieten?

Julia Fischer: Nein, auch wenn wir in letzter Zeit wirklich viel unterwegs waren (lacht). Zum Glück haben wir eine gute Freundin, die Blumen gießt und Post rausholt. Sonst würde der Briefkasten überlaufen. Wir kriegen viel Post, Robert ist sehr geschäftstätig.

Sie sind gerade von der portugiesischen Algarve zurückgekehrt. Wie war’s?

Fischer: Toll. Die Bedingungen dort unten sind hervorragend. Das Stadion liegt an der Küste direkt an den Klippen – sehr malerisch. Kurz vor dem Saisonstart haben wir noch einmal sehr viel geworfen, um die Belastung zu simulieren. An die 500 Würfe werden das in den zwei Wochen schon gewesen sein. Jetzt freue ich mich auf die Wettkämpfe. Meine Werte sind besser als im Vorjahr. Ich habe das Gefühl, dass die Zusammenarbeit mit Trainer Torsten Schmidt, bei dem ich seit 2013 bin, endlich so richtig fruchtet.

Woran machen Sie das fest?

Fischer: Körperlich war ich schon immer gut gewesen, aber Kraft allein ist eben nicht alles. Ich will das Diskuswerfen beherrschen. Unter meinem neuen Coach habe ich mich auch technisch deutlich verbessert. Ich kenne keine Werferin, die mir so ähnlich ist, dass ich mich an Ihrer Technik orientieren könnte. Daher ist es viel Eigenarbeit.

Ihre ersten beiden Wettkämpfe absolvieren Sie am Sonntag in Wiesbaden und eine Woche darauf in Halle. Mit welchen Erwartungen reisen Sie dort hin?

Fischer: Wiesbaden und Halle sind immer wie nach Hause zu kommen. Seit ich 14 bin, starte ich dort, es ist wie ein großes Familientreffen der Werfer. Auch in diesem Jahr ist wieder die gesamte deutsche Spitze am Start, da möchte ich natürlich gleich ein Ausrufezeichen setzen. Ich bin gut drauf. Ich glaube, es kann in Richtung Bestleistung gehen.

Diese steht bei 66,46 Meter. Um sich gegen die nationale Konkurrenz durchzusetzen, sind solche Weiten auch nötig, denn fast in keiner anderen Disziplin sind die Olympiatickets so hart umkämpft. Im Vorjahr schafften sechs Werferinnen die WM-Norm. Nur drei können nach Rio.

Fischer: Ich möchte nicht in der Haut des Bundestrainers stecken. Es tut mir schon jetzt leid für diejenigen, die am Ende zu Hause bleiben müssen. Aber mein Ziel ist eine Medaille in Rio. Dann muss ich in der Lage sein, mich national durchzusetzen.

Haben Sie sich eine bestimmte Medaillenfarbe vorgenommen?

Fischer: Ich bin nicht so vermessen zu sagen, dass Gold mein Ziel ist. Die Kubanerin Denia Caballero und die Kroatin Sandra Perkovic (die Olympiasiegerin von 2012 warf gestern in Shanghai mit 70,88 Metern Weltjahresbestleistung, d.Red.) sind zurzeit einfach besser, sie haben ein Leistungsvermögen von 70 Metern und mehr. Ich traue mir 67 oder 68 Meter zu. Damit hätte man im Kampf um die Medaillen gute Chancen. Aber letztendlich entscheidet in einem Olympiafinale auch immer der Kopf.

Gerade in diesem Bereich wirkten Sie 2015 deutlich gefestigter als in den Vorjahren. Wie groß ist der Anteil Ihres Mentaltrainers Markus Flemming am Erfolg?

Fischer: Er ist ein ganz wichtiger Pfeiler und ich möchte ihn nicht mehr missen. Ich hatte zeitweise ein wenig das Selbstvertrauen verloren, weil ich bei den Erwachsenen nicht mehr so erfolgreich war wie in der Jugend. In dieser schwierigen Phase ist ein Stück von mir verloren gegangen. Markus half mir, meine Leichtigkeit zurückzugewinnen, mein altes Ich wiederzufinden.

Ziel ist eine Olympiamedaille. Aber könnten Sie sich angesichts ständig neuer Enthüllungen über Dopingskandale in Russland überhaupt noch darüber freuen?

Fischer: Ich bin Idealistin und ich liebe meinen Sport. Es war hart zu begreifen, wie verkommen Teile dieser Sportart sind, die ich so liebe. Aber wenn wir Sportler uns nicht mehr über unsere ehrlich erkämpften Erfolge freuen können, dann haben wir den Kampf verloren. Das dürfen wir uns nicht nehmen lassen. Wenn ich das nicht mehr könnte, hätte ich schon längst aufgehört.

Deutsche Athleten fordern nach Berichten über Dopingmanipulationen in Sotschi Russlands Ausschluss in Rio – Sie auch?

Fischer: Wenn der im US-Exil lebende Laborchef nicht nur finanzielle Beweggründe hat und es tatsächlich Beweise gibt, muss es einen Ausschluss geben. Sonst verstehen die Russen das nicht, wie sehr sie den Sport zerstören.

Sie setzen trotz allem voll auf den Sport. Ihr Jurastudium liegt derzeit auf Eis.

Fischer: Ich bin jemand, der viel trainieren muss, sonst funktioniert es nicht. Ich brauche zwei Einheiten am Tag. Man kann sich vorstellen, dass Jura da vielleicht nicht das Richtige ist. Nach den Spielen werde ich stattdessen ein Fernstudium beginnen, wahrscheinlich der Politikwissenschaften. Das kommt meinem Alltag mehr entgegen.

Philip Häfner

Halle Fischer Philip Häfner Foto

( Auszüge aus einem Interview, erschienen am 15. Mai 2016 in der „ Berliner Morgenpost“).

Die Hallenser Werfertage 2016: ein Erlebnis

Halle Werfertage 2016 Programm

Es waren zwei inhaltsreiche Tage rund um die Halplus-Werfertage in Halle an der Saale. Nicht ohne Grund spricht man von einem Treffen der Werferfamilie. Das Familiäre spürte man überall. Und die Eindrücke waren so vielschichtig, daß ich nicht alles in einem „Ritt“ abhandeln kann.  Es wird eine Etappen-Berichterstattung, wobei  nicht das aktuelle sportliche Geschehen im Vordergrund stehen wird ( das wurde ja schon ausführlich bei  „leichtathlet.de“ vom Mann am Ort, Jan-Henner Reitze, erläutert).

Ich will vielmehr gewissermaßen einen Mix anbieten. Angefangen von Begegnungen und Erlebnissen im Vorfeld der Wettkämpfe,  fortgesetzt mit einer Reportage von den Hauptwettkämpfen am Samstag aus der Sicht eines Zuschauers, der von Wettkampfdisziplin zu Wettkampfdisziplin mit den Athleten mitzieht bis hin zu meinen vielen intensiven und teilweise auch nur flüchtigen Gesprächen am Rande des Werfertages.

Untermalt wird alles mit  Fotos, die ich selbst am Ort des Geschehens „ geschossen“ habe.  131 Fotos waren es insgesamt, und dafür brauche ich dann leider auch einige Zeit, um sie „mundgerecht“ für meine Homepage vorzubereiten.

Aber, und das ist auch der Vorteil einer eigenen Homepage: Es herrscht kein Termindruck.  Früher ,– ich habe immerhin schon seit 1992 für die Zeitschrift „Leichtathletik“ von den Hallenser Werfertagen berichtet -,  bin ich in der Regel am Samstag früh von Berlin nach Halle gefahren, habe dann alle Wurfdisziplinen verfolgt (was nicht ganz einfach war, weil sich manche zeitlich überschnitten),  habe die Gespräche mit den Athleten geführt und bin abends zurückgefahren. Am Sonntag wurde dann alles zu „ Papier“, sprich in den Computer gebracht.

Nun aber nehme ich mir die Zeit, alles in Ruhe aufzuarbeiten.

Aber einige Fotos will ich schon vorweg zeigen:

 

 

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Ein lächelndes Trio bei der Präsentation: Kathrin Klaas, Christina Obergföll, Linda Stahl (von links)

 

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Blick auf den Kugelstoßring

 

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Diskuswerferin Julia Fischer  mit ihrer Siegesweite.

 

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Ein strahlender Speerwurfsieger Julian Weber (USC Mainz)

 

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Veranstaltungssprecher Ewald Walker im Kreise des siegreichen Trios der Diskuswerfer:  Daniel Jasinski (2.), Christoph Harting (1.), Martin Wierig (3. /  von links)

 

Kathrin Weßel: Der Weg von der Spitzen-Langstrecklerin an die Laufbasis

Kathrin Weßel (geb. Ullrich) war in den 90er Jahren die schnellste deutsche Langstrecklerin über 10.000 m. Sie holte sich von 1987 bis 1996 kontinuierlich den Landesmeistertitel , zuerst noch in der DDR und später ab 1991 in der Bundesrepublik. Mit einer Bronzemedaille über 10.000 m bei der WM 1987 in Rom begann ihre internationale Karriere. Es folgten Siege bei Europacups und Weltcups, aber auch schmerzliche vierte Plätze. Dreimal, 1988 bei Olympia in Seoul, 1991 bei der WM in Tokio und 1994 bei der EM in Helsinki  musste sie mit der ungeliebten „Holzmedaille“ für den vierten Platz  vorliebnehmen.    

Nach der Geburt ihrer Tochter Nele im Jahre 1999  wechselte sie zum Marathon und zum Straßenlauf und war auch dort erfolgreich. Heute lebt sie im Umland von Berlin, ist im Sportgeschäft  „Long Distance“  am Rande des Berliner Tiergartens als Verkäuferin tätig und leitet dort gemeinsam mit ihrem Mann André Weßel Laufkurse.

Kathrin Weßel klein bestes lächelnd P1020672

 

Die heile Welt in Schönwalde

Die Sonne lacht, und eine beruhigende Stille liegt über Schönwalde, einem Ortsteil von Wandlitz. Nur 5 km  sind es von dort bis zur Berliner Stadtgrenze, eine halbe Stunde bis zum Tiergarten. In Schönwalde haben sich die Weßels im Mai 2000  in einer neu geschaffenen Siedlung ein kleines Reihenhaus gekauft. Hausherrin Kathrin Weßel, rank und schlank wie eh und je,  empfängt den Besucher an der Tür.  Ehemann André Weßel steigt gerade ins Auto, um ins Geschäft nach Berlin zu fahren. Vorher aber läßt er sich gern noch im Garten „ablichten“:

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André Weßel

 

Kathrin Weßel ist auf das Gespräch gut vorbereitet. Gemeinsam mit Tochter Nele sitzen wir am Wohnzimmertisch und blättern in einem Buch, in dem Kathrin akribisch ihre  größten Lauferfolge aufgelistet hat, untermalt mit Fotos, mit Zeitungsartikeln. Stolz zeigt sie dabei die zwei Olympiapässe, die sie für die Teilnahme an den Olympischen Spielen 1988 in Seoul und 1992 in Barcelona erhalten hat. Und sie beeindruckt durch ihr Gedächtnis. „ Ich kann mich an fast jedes Rennen erinnern. Das habe ich ja erlebt, das hat mich geprägt. Es waren auch teilweise die Höhepunkte in meiner sportlichen Karriere und deshalb weiß ich eigentlich vieles noch von damals.“

Auffällig ist, dass sie ihre vielen Medaillen und Pokale nicht im Keller, – den es ohnehin nicht gibt-, versteckt, sondern mit ein wenig Stolz im Nebenzimmer zeigt.

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In einem besonderen Bilderrahmen ist  die Erinnerung an den deutschen Rekord über 10.000 m festgehalten, den sie am 30 Juni 1991 in Frankfurt/Main mit 31:03,62 min aufstellte. „ Der Rekord besteht nun schon 25 Jahre“.

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Zu jedem Pokal könnte sie eine Geschichte erzählen, zu jeder Medaille ebenso.

Vier Medaillen hat sie fotografiergerecht auf einem Hocker drapiert. Und sie sind mit Bedacht ausgewählt, zeigen ihre Entwicklung von der Jugend bis zur Weltspitze:

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Die Silbermedaille von der EM 1990 in Split, die Bronzemedaille von der WM 1987 in Rom, die Goldmedaille von Weltcup 1989 in Barcelona und eine Goldmedaille von der Kinder-und Jugend-Spartakiade 1983 in Leipzig (von links).

 

Vom Erzgebirge nach Berlin

Angefangen hatte alles in den Bergen, im Erzgebirge. 1967 in Annaberg geboren, in Königswalde aufgewachsen, musste einfach das Skifahren am Beginn ihres sportlichen Tuns stehen. Doch da sie auch bei Crossläufen gut abschnitt, holte sie Bruno Felder schließlich zur Leichtathletik zur SG  Dynamo Annaberg und formte das Talent bis zur Delegierung ins ferne Berlin, zum SC Dynamo. Dort trainierte sie ab September 1980 sechs Jahre lang bei Jörg Wagner, die Mittelstrecke schien die rechte Distanz für sie zu sein. Stolz war sie auf ihre ersten Auftritt bei der Spartakiade 1983 in Leipzig,  als sie über 1500 m und über 3000 m Gold gewann.

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1983 zweifache Spartakiade-Siegerin (Foto: Bock)

 

Der Wechsel auf die längere Distanz war dann mehr dem Zufall geschuldet. Im Herbst 1986 wurde beim SC Dynamo Berlin unter Trainer Jürgen Haase eine Langstreckentruppe aufgebaut, zu der bei den Männern u.a. Rainer Wachenbrunner, André Weßel, Maik Dreißigacker und Axel Krippschock gehörten, bei den Frauen Angelika Zauber, Birgit Barth, Jeannette Hain und  auch Kathrin Ullrich, wie sie damals noch hieß. „ Eigentlich wollte ich nicht auf die lange Strecke wechseln, aber in dieser Gruppe habe ich eben langstreckenorientiert trainiert,“ blickt Kathrin heute zurück. „ Ich gewann 1987 die DDR-Meisterschaften über 10.000 m und danach den Europacup, und damit war es entschieden. Auch in meinem Kopf war es nun drin. Man muss immer einen Erfolg haben, wenn man sich mit der Strecke identifizieren will“.

Auf Landesebene blieb ihr der Erfolg treu. Bis 1996 gewann sie jedes Jahr den Meistertitel, ob nun in der DDR oder dann in Gesamtdeutschland.

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Sieg bei den DDR-Meisterschaften 1989 in Rostock über 10.000 m in der Jahresweltbestleistung von 32:22,55 min (Startnummer 489)

 

Der Einstieg ins internationale Geschäft gestaltete sich allerdings nicht ganz so reibungslos. Zwar gewann sie 1987 die 10.000 m beim Europacup, aber das reichte noch nicht dafür aus, um sich für die WM im gleichen Jahr zu qualifizieren. „ Ich musste nochmals beim Meeting in Oslo antreten, um die damals extrem hohe Norm von 32 Minuten zu laufen. Fast im Alleingang lief ich dann dort 32:01 min, doch noch immer reichte das nicht aus. Ein weiterer Leistungsnachweis von 8:50 min über 3000 m musste geliefert werden.“  Doch auch das schaffte sie. Und dann staunten manche Zweifler, als sie recht überraschend bei der WM 1987 in Rom hinter der Norwegerin Ingrid Kristiansen und der Sowjetrussin Jelena Schupijewa die Bronzemedaille gewann. Kathrin Ullrich war in der Weltspitze angekommen.

Der Kampf mit Ingrid Kristiansen

Ein Jahr später, 1988, hatte sie in Seoul ihren ersten olympischen Auftritt.  An das Finale über 10.000 m kann sie sich noch gut erinnern: „ Ich war sehr gut trainiert, hochmotiviert. Und dann war leider der Rennverlauf anders, als ich mir es  vorgestellt hatte. Ich habe unterwegs einen Fehler gemacht, und das hat mich eine Medaille gekostet. Nachdem Kristiansen 1987 bei der WM von vorn gelaufen war und ein Riesenloch gerissen hatte, das wir als Verfolger dann zwar verringern, aber nicht stopfen konnten,  habe ich mir gesagt:  Das passiert dir nicht noch einmal, diesmal renne ich mit ihr mit. So geschah es dann auch, wir zwei hatten einen Vorsprung vor den anderen. Aber Kristiansen ging bei 5.200 m plötzlich aus dem Rennen. Später sagte sie, dass sie wegen Fußproblemen aufgehört habe, aber davon habe ich nichts gemerkt. Jedenfalls war ich auf einmal allein auf weiter Flur. Statt auf die nachfolgende Gruppe zu warten, bin ich weitergerannt, und irgendwann hatten sie mich. Und ich hatte dann nicht mehr die Kraft für den Spurt. Es blieb die „Holzmedaille“, der vierte Platz.  Damals brauchte ich lange, um das zu verwinden.  Heute, im Nachhinein, sage ich: Alles richtig gemacht, ich freue mich, Olympiavierte geworden zu sein.“

1989 Weltcupsieg in Barcelona

Aber der Stachel des misslungenen Rennens saß damals noch tief.  So war das folgende Jahr umso wichtiger. Beim Weltcup 1989 in Barcelona begegneten sich Kathrin Ullrich und Ingrid Kristiansen erneut. Kathrin Ullrich lief für die DDR-Mannschaft, Kristiansen für die Europa-Auswahl. Wieder  lagen beide vor dem übrigen Feld, mit gehörigem Vorsprung vor den anderen. „ 9.800 m bin ich hinter ihr hergelaufen, sie bekam mich auch nicht mit Tempowechseln los. Und 200 m vor Schluss setzte ich den Spurt an, holte noch  acht Sekunden Vorsprung heraus. Das war dann für mich eine Genugtuung.“

Kathrin Weßel klein Barcelona Weltcup

Sieg beim Weltcup 1989  (rechts die fast überrundete Spanierin Marina Prat); Foto: Eberhard Thonfeld

Der Wechsel zum Straßenlauf

Auch der politische Umbruch, die Wende 1989 /1990, konnte Kathrin Ullrich nicht mehr aus der Erfolgsspur werfen. „ Ich habe damals gar nicht darüber nachgedacht, den Sport an den Nagel zu hängen. Ich war ja so erfolgreich. Ich musste mir auch über einen Beruf keine Gedanken machen, denn nach der Wende konnte ich gut vom Sport leben“, sagt Kathrin Weßel. „ 1990 bis 1992 waren mit meine erfolgreichsten Jahre.“  Und ihr kam entgegen, dass nun der Straßenlauf boomte.

So war sie also nicht mehr nur auf der Bahn zu sehen, sondern auch oft auf der Straße. „ Diese Läufe, die zwischen 5 und 15 km variierten, haben mir Spaß gemacht. Und ich bin auch Halbmarathon gelaufen und habe mich 1994  erstmals an einen Marathon gewagt.“ Doch dafür war die Vorbereitung viel zu kurz gewesen. Nach den Europameisterschaften 1994 in Helsinki, wo sie über 10.000 m auf dem undankbaren vierten Platz landete, lief sie noch einen 5.000er in Tokio. Dann blieben nur noch fünf Wochen bis zum Start beim Frankfurt-Marathon. „ Ich wollte ja noch nicht völlig zum Marathon wechseln, sondern nur mal probieren.“ Aber das war wohl blauäugig gedacht. „ Die erste Hälfte ging noch gut, aber dann habe ich sehr gelitten. Mein Manager und auch André rechneten schon nicht mehr mit meinem Zieleinlauf. Aber ich kam an, wurde sogar noch gesamt Dritte und Deutsche Meisterin, aber mit einer schwachen Zeit von 2:36:29 h. Ich nahm mir danach vor, den nächsten Marathon nur mit einer richtigen Vorbereitung zu laufen.“

Entsprechend trainierte sie 1998 bis zu 200 km pro Woche und der zweite Marathon in Köln war dann auch mit einer Zeit von 2:30:05 h und einem zweiten Rang  ansprechend.

Das Kapitel Bahnwettkämpfe hatte sie praktisch 1996 mit dem Start bei den Olympischen Spielen in Atlanta abgeschlossen. Aber dieser letzte Versuch ging schief. „ Zwar war ich in Superform, hatte den Europacup gewonnen und in Rom einen 5000-m-Wettkampf. Aber dann sind wir ins Trainingslager nach Flagstaff gefahren und lange dort geblieben. Wir hätten uns aber mindestens eine Woche Pause gönnen müssen, um den Körper herunterkommen zu lassen. Das waren einige trainingsmethodische Fehler. Als Folge fühlte ich mich dann  in Atlanta sehr müde, schaffte im Vorlauf nur eine 33:30er-Zeit und schaffte nicht den Einzug ins Finale.“

Jedenfalls stand fortan nur noch Marathontraining an. Das nächste Ziel waren die Olympischen Spiele 2000 in Sydney. Doch da kam ein freudiges Ereignis dazwischen. Am 6. November 1999 wurde Tochter Nele geboren. Nun stand erstmal die Tochter im Vordergrund, auch wenn Vater André tüchtig half.  Mit ihm ist Kathrin seit 1989 privat zusammen, im September 1992 hatten beide geheiratet. „ Im nächsten Jahr haben wir nun schon Silberhochzeit.“

Die Tochter Nele betreuen und gleichzeitig Leistungssport betreiben  war nicht so einfach. Aber Kathrin Weßel packte nach einer  Laufpause den Neuanfang, schaffte sich auch ein besseres Trainingsumfeld.  „ Wir haben lange in Berlin-Marzahn gewohnt, aber ich wollte unbedingt ins Umland, auch wegen der dort besseren Trainingsmöglichkeiten. In Marzahn musste ich oft über die Felder laufen. Nun in Schönwalde konnte ich direkt vom Haus aus hinein in den Wald laufen. Und ich hatte außerdem am Liepnitzsee eine Runde von 9250 m, sehr profiliert und gut für die Marathonvorbereitung.“

Jedes Jahr absolvierte sie nun zwei Marathons und das erfolgreich. So wurde sie 2001 in Hamburg und in Berlin Dritte.  Ebenfalls in Berlin lief sie 2004 ihren letzten Marathon. „ Ich hatte es 2003 angekündigt, dass  2004 mein letztes Jahr werden würde. Überall, wo ich zuvor hinkam, ob nun in Ludwigshafen, Darmstadt oder  anderswo, wurde ich entsprechend verabschiedet. Die Zeit spielte dann in Berlin keine Rolle mehr. Ich habe den letzten Marathon genossen, konnte den Zuschauern auf der Zielgerade sogar noch zuwinken. Nur der Moment, als für mich im Start-Zielbereich am Brandenburger Tor die Abschiedshymne „ Time to say goodbye“ angestimmt wurde, ließ mich traurig werden. Aber es war ein würdiger Abschluss meiner Leistungssportkarriere.“

Mit Freude beim Laufkurs und im Geschäft

Nun hatte Kathrin Weßel erst einmal mehr Zeit für die Familie. Nebenher arbeitete sie zwei Jahre als Personal Trainer.  „ Ab 2005  habe ich im Sportfachgeschäft „Long Distance“ am Berliner Tiergarten Laufkurse angeboten, betreute Sportler auf dem Weg zum Frauenlauf, Halbmarathon und Marathon. Das entwickelte sich, auch in Zusammenarbeit mit meinem Mann André, der schon seit 2004  in diesem Laden tätig war und die Laufkurse initiiert hatte. “

Das Kurssystem hat einen guten Zuspruch. “ Eine feste Gruppe von ca. 60 Leuten, die sich „Long Distance Laufclub“  nennt, kommt zweimal in der Woche zu uns und trainiert bei uns. Wir geben kein spezielles Zeitziel vor. Manche wollen bei ihrem ersten  Marathon nur ankommen, andere wollen unter 3 Stunden laufen. Aber für alle gibt es Trainingspläne. Wichtig auch, dass nach Herzfrequenz trainiert wird, sich keiner überanstrengt.“

Man könnte meinen, dass es Kathrin Weßel leicht gefallen sei, sich in dieses System einzupassen. „ Das war aber anfangs nicht so, „ räumt sie ein. „ Es war ein Lernprozess, denn ich musste mich umstellen. Mein Training war früher leistungsorientiert und jetzt musste man sich in Läufer hineinversetzen, für die der Sport nur Nebensache ist. Sie kommen zwar gern und freiwillig zu uns, aber jeder  unter seinem persönlichen Leistungsaspekt. Und alle in einer Gruppe zu betreuen, sich mit ihren Blessuren auseinanderzusetzen, war schon im Kopf eine Umstellung für mich.“  Aber Kathrin Weßel wird auch für ihr Engagement belohnt, wenn die  Kursteilnehmer nach dem erfolgreichen Berlin-Marathon mit ihren Medaillen glücklich in den Laden kommen und sich über ihre Zeiten freuen. „ Da freut man sich einfach mit, weiß, wofür man das gemacht hat.“

Seit 2006 ist Kathrin Weßel auch voll im Verkauf tätig. Und es ist eine gelungene Mischung für sie, das Abhalten der Laufkurse und der eigentliche Verkauf im Laden. „ Den Verkauf finde ich einfach spannend, vor allem bei der heutigen Vielfalt des Angebotes.“  Und dazu gehören nicht nur Laufschuhe, sondern auch Laufbekleidung, Triathlonausrüstung und eine Schwimmabteilung.

Gern ist sie auch dabei, wenn sich „Long Distance“  auf den Messen der Laufveranstaltungen präsentiert. So etwa vor dem Berliner Halbmarathon 2016 auf der Vitalmesse:

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Auf der Vital-Messe im April 2016

 

Tochter Nele überwindet die Hürden

Kathrin Weßel Nele klein P1020673

Tochter Nele ist zwar nicht beim Marathontraining dabei, aber sie ist ebenfalls seit jungen Jahren von der Leichtathletik begeistert.  „ Wir haben sie damals zum Kindertraining angemeldet, und sie fand schnell Spaß daran und war auch erfolgreich, “ erinnert sich Kathrin Weßel. „ Später, als sie zwischen einen richtig guten, normalen Gymnasium und der Sportschule wählen konnte, entschied sie sich für den Sport“. Nun lernt sie im Sport-und Leistungszentrum Berlin, der ehemaligen Kinder-und Jugendsportschule „ Werner Seelenbinder“. Diese Schule liegt auf dem Komplex des Dynamo-Sportforums, dort, wo vor vielen Jahren auch ihre Mutter lernte und trainierte.  Ein wenig schließt sich damit der Kreis, und Kathrin Weßel freut das natürlich. Zumal Nele nicht nur eine gute Schülerin ist, sondern sich auch die sportlichen Erfolge einstellten. Mit 14 Jahren wurde sie deutsche Meisterin im Block Lauf, mit 15 Jahren konnte sie diesen Titel verteidigen und holte sich noch die Silbermedaille bei den  Deutschen Meisterschaften der AK 15 über 300 m. Danach spezialisierte sie sich auf  400 m flach und 400 m Hürden und kam in die Trainingsgruppe von Bernd Knobloch. Im Jahr 2015 konnte sie bei der U18-DM Silber über 400 m Hürden erringen und  ist jetzt im C-Kader des DLV über 400 m Hürden. In diesem Jahr will sie sich für die  EM U18-EM  im georgischen Tiflis qualifizieren.

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Auf Normkurs in Potsdam (Foto:  Jan-Henner Reitze)

So träumte Nele Weßel noch am 3. Mai   bei meinem Besuch. Der Wunsch ging schon am 28. Mai bei den Berlin-Brandenburgischen Meisterschaften  in Potsdam in Erfüllung. Dort rannte sie über 400 m Hürden mit 60,61 s eine neue Bestzeit und blieb damit unter der geforderten Normzeit von 60,75 s.

Ohne Druck beim New York-Marathon

Kathrin Weßel ist sehr zufrieden damit, wie sich alles nach dem Abschluss ihrer Leistungssportkarriere entwickelt hat. Zwar kann sie nun nicht mehr lange Strecken laufen, wie das früher der Fall war. „ Meine Hüfte macht mir Probleme, es wurde Arthrose festgestellt.“ Aber sie hat lange abtrainiert, und ist sogar nochmal 2008 den New York-Marathon mitgelaufen. „ So ganz ohne Druck, und das hat mir dann auch Spaß gemacht. Mit nur 5 Wochen Vorbereitung war die Zeit von 3:36 h nicht mal so schlecht.“

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Erinnerungen an die Starts von Kathrin und André Weßel beim New York Marathon

Kathrin begleitet nun ihre Kursteilnehmer mit dem Rad und achtet auch sonst darauf, schlank zu bleiben. Und das ist ihr bis jetzt gelungen. Bei einer Körpergröße von 1,71 m hatte sie früher ein Wettkampfgewicht zwischen 53 und 55 kg, heute sind es  63 kg, und damit kann sie gut leben. Es bleibt ihr zwar nicht viel Freizeit, denn weil sie im Verkauf arbeitet, hat sie selten ein freies Wochenende, zumal der Laden am Samstag geöffnet ist und da auch immer ein Laufkurs stattfindet. Aber sie beklagt sich nicht darüber. Immerhin hat sie ja immer noch ihre „ heile Welt“ in Schönwalde, wo sie gemeinsam mit ihrer Familie Kraft auftanken kann.

Peter Grau

BIG 25 Berlin mit 11.335 Teilnehmern

15.05.2016, Berlin, Berlin, GER, , im Bild Start am Olympiastadion Berlin, Brandenburger Tor, Gendarmenmarkt, Kurfuerstendamm, Gedächtnis Kirche Foto Juergen Engler
15.5.2016, Brandenburger Tor;  Foto: Jürgen Engler

Der größte und schnellste 25-Kilometer-Lauf der Welt machte seinem Namen am Pfingstsonntag trotz teils widriger Witterungsbedingungen wieder alle Ehre. 11.335 Läuferinnen und Läufer gingen bei den BIG 25 Berlin an den Start – so viel wie bei keinem anderen Rennen weltweit über diese Distanz. Erster im Ziel war Favorit Benard Kiplangat Bett in 1:15:51 Stunden. Er holte den bereits 17. Sieg eines Kenianers in Folge bei den BIG 25 Berlin. Bei den Frauen sicherte sich mit Viola Jelagat (1:26:00 Stunden) ebenfalls eine Kenianerin den obersten Platz auf dem Treppchen.

Insgesamt 11.335 Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten sich bei Sonne mit leichter Bewölkung, aber kühlen Temperaturen um 9 Grad und zum Teil böigen Winden auf die Strecke begeben. Vom Olympischen Platz vor dem Olympiastadion ging es für die Läufer der längsten Distanz  über Reichsstraße, Kaiserdamm, Bismarckstraße, Straße des 17. Juni durch das Brandenburger Tor und über die Straße Unter den Linden zum Gendarmenmarkt. Von dort über Leipziger Straße, Tiergartenstraße, Kurfürstendamm, Kantstraße und Neue Kantstraße Theodor-Heuss-Platz, über Reichsstraße, Olympische Straße und Coubertinplatz zurück zum Ziel im Olympiastadion.

Der Gewinner hatte sich frühzeitig von den anderen Spitzenathleten abgesetzt und den Vorsprung von gut einer halben Minute nicht mehr hergegeben. „Es war etwas zu kalt für eine schnellere Zeit, aber ich bin zufrieden. Das Rennen hat mir großen Spaß gemacht. Es ist schon etwas ganz Besonderes, am Ende in dieses fantastische Olympiastadion einzulaufen“, so Benard Kiplangat Bett. Zweiter wurde sein Landsmann Patrick Mugur Ereng (1:16:18 h) vor dem Äthiopier Gudela Biratu (1:18:10 h).

15.05.2016, Berlin, Berlin, GER, , im Bild Start am Olympiastadion Berlin, Brandenburger Tor, Gendarmenmarkt, Kurfuerstendamm, Gedächtnis Kirche Foto Juergen Engler
15.5.2016, Berlin, Gedächtniskirche
Foto: Jürgen Engler

Viola Jelagat hatte am Ende mit ihrer Siegeszeit von 1:26:00 h über 25 km einen Vorsprung von über zweieinhalb Minuten auf die folgenden Äthiopierinnen herausgelaufen. Helen Bekele Tola benötigte 1:28:32 h, die Drittplatzierte Urge Diro Soboka 1:30:53 h.

Auch die UNO-Flüchtlingshilfe konnte sich am Ende als Gewinner fühlen. Sie erhielt vom Veranstalter Berlin läuft! einen Spendenscheck in Höhe von 10.000 Euro. 2.000 Läuferinnen und Läufer hatten das Spendentor 200 Meter vor dem Ziel passiert und somit automatisch eine Spende für die humanitären Projekte in Syrien, Irak und den Nachbarländern geleistet. Die Region produziert und beherbergt derzeit die höchste Zahl an Flüchtlingen.

Die 37. BIG 25 Berlin finden am 7. Mai 2017 statt. Informationen dazu und zur diesjährigen Veranstaltung gibt es auf der Webseite: www.berlin-läuft.de.

Peter Grau / PM

Die Ente auf dem heißen Glasdach

Dieser Titel ist folgendem Filmtitel aus den 1950er Jahren nachempfunden:  Die Katze auf dem heißen Blechdach. Dieser Film, nach  dem gleichnamigen Theaterstück von Tennessee Williams gedreht, wurde am 18. September 1958 in den USA uraufgeführt. Die Hauptrollen spielten damals Elisabeth Taylor und Paul Newmann. Der Film wurde zu einem der größten Kassenschlager der 1950er Jahre. Und ich kann mich dunkel erinnern, daß ich dazu auch mein Scherflein beigetragen habe, irgendwann 1960 oder 1961, als ich schon in Berlin wohnte und für Ostmark in einem Westberliner Kino diesen Film sah. Und wenn mich auch der  Inhalt nicht ganz so begeisterte, ist mir der Filmtitel bis heute im Gedächtnis geblieben.

Genug der Einleitung, denn es soll ja hier nicht eine Katze, sondern eine Ente die Hauptrolle spielen.

Das Nest auf dem Dach

Vor einem Monat, am 13. April,  wollten wir unser Glasdach, das sich über der Sitzecke unseres kleinen  Hausgartens spannt, von Efeuranken und Blättern reinigen.

Ente klein Idylle im GartenP1020587

Glasermeister Mario Wrosch, ( mehr zu ihm  am Ende der Geschichte) der in unserem Haus seine Werkstatt betreibt,   stieg also aufs Dach und staunte nicht schlecht. Dort, wo der größte Haufen an Ästen und  Blättern lag, hatte sich eine Ente niedergelassen. Und da sie sich nach ihrer Entdeckung auch nicht vom Fleck rührte, kamen wir schnell zum Schluß:  Sie brütet.

Mario 378 BrütenDSC00378

Fortan wurde es zur täglichen Routine, mit unseren Fernstechern aus ca. 10 Meter  Entfernung zu beobachten, was sich tat.  Es tat sich nichts, und wir waren immer sicherer, daß diese Ente brütete. Sie verließ nie ihren Platz, verlagerte nur ein wenig die Stellung. Und ein Entenmann ließ sich nicht blicken.

Wir machten uns im Internet sachkundig. Dort stand, daß es im Frühjahr üblich sei, daß Enten, besonders Stockenten,  auf Balkonen oder Hausdächern brüten würden.  Man solle also den Dingen seinen Lauf lassen. Tips bekamen wir viele, was man tun solle und wie lange es dauern könne. Der Anruf beim Tierpark Kunsterspring brachte nur allgemeine Hinweise. Wir hatten auf Unterstützung gehofft, aber die Auskunft war:  „ Wir haben viel zu viele Enten, können also nicht helfen“.

Es dauerte und dauerte. Die Ente bewegte sich zwar wenig vom Fleck, aber baute ihr Nest immer mehr aus.  Am Schluß war es fast wie eine Trutzburg um sie herum.

Leichte Zweifel kamen bei uns auf, ob das Brüten Erfolg haben würde, ob die Eier befruchtet waren oder es sich vielleicht nur um eine Scheinschwangerschaft handele.

30 Tage nach der Entdeckung war es dann endlich soweit.

Die Küken sind da

Am Freitag, dem 13. Mai 2016, Punkt 8 Uhr in der Früh schaute ich gewohnheitsmäßig aufs Dach und bekam einen freudigen Schreck. Die Ente war in voller Größe zu sehen und viele Küken standen um sie herum.

Ente klein Küken gerade daP1020720

Ente klein kurz nach GeburtP1020722

Ente klein 24 Ente plus KükenP1020724

Die Botschaft verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Nun kam der größere Teil des Abenteuers für uns. Im Geiste vorbereitet hatten wir uns, denn wir wollten die Entenschar zu Fuß hinunter zum Ruppiner See bringen. Der Weg war klar, das Ziel auch. Aber, zunächst mußte sich die Entenmama mit  ihren Schützlingen in Bewegung setzen.

Und sie tat es mit Bedacht. Einige Male stolzierte sie mit den 10 Küken über das Glasdach, um zum einen das Laufen zu trainieren und zum anderen den Fluchtweg vom Dach auszuloten. Auffallend, wie diszipliniert die Küken waren. Niemand ging eigene Wege, alle folgten der Mutter.

Ente klein auf GlasdachP1020729

Wir aber trafen Vorbereitungen, schleppten Wannen mit Wasser in den Garten und legten Holzlatten an das Dach, um das Herunterkommen zu erleichtern.

Ente klein Wannen 35P1020735

Ente klein Blick durchs GlasdachP1020737

Es zog sich bis in den frühen Nachmittag hin. Und dann wählte die Entenmama einen von uns unerwarteten Weg. Der führte nicht wie erhofft in unseren Garten, sondern man stürzte sich gemeinsam etwa zwei Meter hinab auf Nachbars Grundstück.  Unsere Aufregung wuchs.  Dann aber sichteten wir die Mama mit ihren Küken im tiefen Gras von Nachbars Garten. Aufgeregt schnatterte die Ente, aber es gelang uns zu Dritt, die Ente zum Gang durch den Torweg hinaus auf die Friedrich-Ebert-Straße zu bewegen. Und wie erhofft folgte die aufgeregte Kükenschar ganz diszipliniert.

Der Weg zum See

Nun hieß es für uns, die Ruhe zu bewahren und der Entenschar den Weg zu weisen. Mit  Holzlatten in Form von Löffeln zeigten wir den Weg.   Zwei Kinder, die zufälligerweise vorbeikamen, schlossen sich auf unsere Bitte hin an. „ Wir sind tierlieb, helfen gern“.  Nebenher ihr Eis schleckend, waren sie uns eine große Stütze.  Aber ganz ohne Aufregung ging es trotzdem nicht.

Ente klein EntenmarschP1020741

Zunächst führte unser Weg nach 50 Metern über den Schulplatz, wo wie jeden Freitag der Markt stattfand.  Die Marktbesucher wurden schnell auf uns aufmerksam.  Wann sieht man schon mal solch einen Entenzug in der Stadt?

Es wurde etwas unruhiger im Umfeld und auch die  Ente zeigte sich leicht irritiert. Sie versuchte zunächst, nach rechts auszubrechen. Vielleicht konnte sie sich erinnern, daß  sie vor rund einem Monat mal aus dieser Richtung eingeflogen war.

Aber durch geduldiges Zureden und sanfte Gewalt mit Hilfe unserer „Holzlöffel“  brachten  wir sie wieder auf den richtigen Weg.  Kurz hinter dem  Postgebäude kam bald die nächste Bewährungsprobe für unsere „Prozession“.  Es galt, die Friedrich-Engels-Straße  zu überqueren. Nur gut, daß diese Straße immer noch eine Dauerbaustelle ist und der Autoverkehr deshalb gering war.

Mario Poststraße 413

Zwar wollte unsere Entenfrau wieder nach rechts ausbrechen, aber das wußten wir geschickt zu verhindern.  Nun mußten wir nur noch durch die Poststraße. Vielleicht konnten die Enten das Wasser schon erahnen.  Jedenfalls ging es flott voran, in brütender Sonne.

Ente klein KlosterhofP1020742

Mario 414 Post 2

Ente klein StolpersteineP1020743

Erstaunlich, wie fit die Küken an ihrem ersten Lebenstag schon waren. Und auch die Ente, die ja 30 Tage nur still im Nest gesessen hatte, watschelte mit flottem Tempo voraus.   Entgegenkommende Passanten wurde von  uns freundlich auf die andere Straßenseite „komplimentiert“, unsere Schützlinge sollten keine Hindernisse mehr haben.

Der See ruft

Erleichterung bei uns, als wir dann den Ruppiner See  direkt  vor uns sahen. Links das Restaurant „Zur Wichmannslinde“ und der Aussichtspunkt „ Spucknapf“, rechts vor der Klosterkirche der gewaltige Bühnenaufbau für das Musikschauspiel „Grete Minde“ im Rahmen der Fontane-Festspiele.

Und wir marschierten mittendurch. Wir hatten schon vorher unsere eigene Aufführung, die für uns ja auch eine Uraufführung war.

Mario 415 Ufer Fontanes

Leicht abschüssig nun der Pflasterweg hinunter zum Bollwerk, doch Frau Ente wählte den kürzeren Weg über den Rasen.

Ente klein Ente plus Küken 44 P1020744

Vielleicht sah sie dort auch die vier gelben Fontane-Figuren, die  vom Künstler   Ottmar Hörl aufgestellt worden sind (400 weitere Skulpturen aus Plastik stehen gegenwärtig vor der Neuruppiner Pfarrkirche, unter dem Motto:  Theodor Fontane – Wanderer zwischen den Welten) ,  und dachte sich:  Wo Fontane ist, da wandert es sich gut.

Die letzten Meter schaffte unsere „Prozession“   mit Bravour. Die kleinen Treppenabsätze bildeten kein Hindernis, springend und purzelnd wurden sie überwunden. Dann endlich war man am Wasser angelangt.

Mario 416 Bollwerk

Wir konnten nachfühlen, als unsere Ente genüßlich einen ersten Schluck Wasser zu sich nahm.  Sehr lange hatte sie darauf gewartet, denn in den 24 Tagen der Brut war nur wenig Regen gefallen.

Nun aber hatte sie Wasser im Überfluß vor sich. Und deshalb: hinein in den Ruppiner See. Die 10 Küken zeigten sich nicht als wasserscheu und stürzten sich erstmals in ihrem bisher so kurzen Leben ins Wasser.

Mario Wasser 417

Ente klein im WasserP1020745

Und dann segelte die Enten-Armada davon, mit einem beachtlichen Tempo. Unsere guten Wünsche begleiteten sie.

Ente klein WegschwimmendP1020746

Das Abenteuer  „ Die Ente auf dem heißen Glasdach“ hatte ein glückliches Ende gefunden.

Peter Grau

(Fotos: Peter Grau und Mario Wrosch)

Glaserei Wrosch

Die 25 km in Berlin

Am Pfingstsonntag ( 15. Mai 2016) findet der 25-km-Lauf in Berlin zum 36. Mal statt, nunmehr unter der Bezeichnung BIG 25 Berlin. Das hat sporthistorische Bedeutung, so ist in der diesjährigen Pressemittteilung des Veranstalters zu lesen.

Als am 3. Mai 1981 die „25 km de Berlin“ ihre Premiere hatten, war dies auch ein Start für die Laufbewegung. Während in den USA und Großbritannien sowie einigen anderen Ländern das Laufen viel populärer war und bereits große Cityrennen stattgefunden hatten, steckte die Laufbewegung in der Bundesrepublik noch in den Kinderschuhen.

Die Straßen der großen Städte waren bis zu jenem 3. Mai 1981 nicht für die Läufer da. Es gab zwar schon vorher, bei den Marathonveranstaltern in Berlin und Frankfurt, Bestrebungen, es den Amerikanern nachzumachen. Doch durchsetzen konnten diese Pläne zuerst die französischen Alliierten in Berlin. Sie organisierten die „25 km de Berlin“, die somit zu einem Wegbereiter deutscher Cityläufe wurden. Heute heißt das Rennen BIG 25 Berlin und wird organisiert von BERLIN LÄUFT.

Der französische Major Bride hatte einst die Idee für einen 25-km-Lauf quer durch Berlin. Vorbild war für ihn das 20-km-Rennen von Paris nach Versailles. Da das alliierte Recht in Berlin Vorrang hatte, konnte die Polizei nichts unternehmen, um den Lauf mitten durch die Stadt zu stoppen. Nicht nur für Major Bride und die ihm bei der Organisation zur Seite stehenden Institutionen, der Landessportbund (LSB) und der Berliner Leichtathletik-Verband (BLV), bedeutete das einen Großeinsatz, auch für die Polizei. Doch die „25 km de Berlin“ wurden zu einem viel beachteten Erfolg – ein Durchbruch! Noch im selben Jahr verlief auch die Strecke des Berlin-Marathons durch die Innenstadt.

3.250 Läufer starteten bei der Premiere 1981. Die Soldaten der westlichen Alliierten bildeten während der ersten zehn Jahre einen nicht unerheblichen Anteil am immer größer werdenden Teilnehmerfeld.

Den Höhepunkt erlebten die „ 25 km de Berlin“ im Jahre 1990.

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Start auf dem Olympiaplatz, Foto: Bock

Rund ein halbes Jahr nach dem Fall der Mauer rannten 14.300 Läufer aus aller Welt durch die Stadt. Und der Autor war glücklich, einer von ihnen zu sein.

Berlin 25 km 1990

 Meine  Startnummer 1990

Nach nunmehr 26 Jahren kann ich mich nicht mehr an jede Einzelheit des Laufes erinnern. Ich weiß aber, daß ich jeden Meter genoß, auch, weil ich ja diese Strecke noch nie gelaufen war und besonders der Lauf durch Ost- und Westberlin etwas Spektakuläres für mich war, an das ich vor einem Jahr noch nicht gedacht hatte. Damals, 1989, war ich glücklich, daß ich auf einer „Westreise wegen dringender Familienangelegenheiten“ in Zürich den Halbmarathon laufen konnte. Und -, langsam kommen die Erinnerungen doch wieder hervor-, ich hatte 1989 bereits die Startnummer für die „ 25 km von Berlin“. Ich wollte auf der Rückfahrt aus Westdeutschland einfach in Westberlin aussteigen und den 25-km-Lauf absolvieren. Doch weil die 14 Tage Westaufenthalt zu strapaziös gewesen waren, verzichtete ich letztendlich auf den Start auf dem Olympiaplatz.

Ein Jahr später bekam ich so ganz normal, – so schien es-, meine Startnummer, wobei mir mein Lauffreund Jürgen Roscher, mit dem ich schon mal vorher im Berliner Plänterwald einen Teammarathon bestritten hatte, beim Beschaffen der Startunterlagen behilflich war.

Nicht mehr in Erinnerung ist mir, daß an diesem Sonntag Temperaturen bis zu 28 Grad im Schatten herrschten und es eine Hitzeschlacht wurde. In seinem Bericht für die Zeitschrift „ Leichtathletik“ hatte Eberhard Bock das hervorgehoben, und betont, daß es trotzdem ein großes Volksfest wurde, welches Spitzen- und Volkssport zusammenführte.

Schon damals waren die afrikanischen Läufer tonangebend. Alfredo Shahanga aus Tansania gewann nach 1:15:09 h vor dem Kenianer Douglas Wakiihuri in 1:15:34 und dem Tschechen Uvizl. Aber auf dem vierten Rang kam als bester Deutscher Michael Heilmann in 1:17:08 h an, den ich zuvor schon bei vielen Straßenläufen in der DDR kennengelernt hatte. Michael Heilmann, der ganz dicht an Grenze zu Westberlin in Kleinmachnow lebte und heute noch lebt, empfand diese Veranstaltung ebenfalls als sehr spektakulär.

Jedenfalls liefen wir beide wie die 14.300 anderen Läufer und Läuferinnen ins Olympiastadion ein und genossen diesen einmaligen Moment.

Zwar war meine Zeit von  2:06:06 h  weitab  von meiner Bestzeit von 1:46:34 h, die ich 1983 in Berlin-Weißensee gelaufen war. Doch erklärlich war es vor allem wegen der Hitze und meinem viel geringeren Trainingspensum.

Berlin 1990 Urkunde

Aber es konnte mir natürlich nicht die Freude an der Medaille verderben.

Berlin 25 km 1990 Medaille

Und acht Jahre später, im Jahre 1998,  lief ich nochmals diese 25 km an gleicher Stelle.

Berlin 25 km 1998 (2)

Meine Startnummer 1998

Während des Laufes konnte ich dann auf dem Kurfürstendamm sogar noch dem Fotografen zulächeln.

Berlin 25 km 1990 (3)

Und mich im Ziel im Olympiastadion über diese Urkunde freuen:

Berlin 25 km 1998

Peter Grau / Pressemitteilung