1987 in Hamburg: Mein erster Marathon im Westen

 

Hamburg 1 klein Medaille

Diese Medaille bekam ich am 26. April 1987 im Ziel des Hamburger Marathons überreicht.  3:21:26  Stunden hatte ich für die 42,195 km  gebraucht. Doch es ist nicht allein diese Zahl, die mir in Erinnerung geblieben sind.

 

Ein Traum wurde wahr

Viele Läufe hatte ich bis dahin bestritten, darunter 26  Marathons.  Aber es blieben, wie bei vielen DDR-Läufern, auch Träume. Einmal wenigstens wollte man in New York, Boston oder London, in Westberlin oder Hamburg laufen. Doch, so schien es, mußte man dazu eben erst Rentner sein. Dann hätte man die Chance gehabt, die unüberwindlich erscheinende Mauer zu überwinden.

Träume werden aber auch manchmal schneller wahr. Das politische Klima zwischen Ost und West veränderte sich langsam, ausgehend von den Vereinbarungen der Schlußakte von Helsinki 1975. Speziell im Korb 3 waren dort Themen wie Menschenrechte und Freizügigkeit auf die Tagesordnung gesetzt und später in Folgekonferenzen präzisiert wurden. Gleichzeitig wurde der Drang der DDR-Bürger immer größer,  das Land für kurz oder für immer zu verlassen. Deshalb versuchten die DDR-Machthaber, einige Ventile zu öffnen. Nicht nur Rentnern wurden nun Westreisen genehmigt, sondern auch jüngere Menschen durften bei dringenden Familienangelegenheiten Reiseanträge stellen.

Fieberhaft wurde überall nach Verwandten „gegraben“, glücklich, wer solche im Westen besaß. Ich musste nicht viel „graben“. Einer der Brüder meines Vaters, Onkel Karl, lebte in Esslingen bei Stuttgart, hatte im Mai 1987 seinen 88. Geburtstag und sprach gern eine Einladung aus.

Die nächste Hürde stand noch bevor, denn es wurden ja nicht alle Anträge genehmigt.  Aber bei mir waren die DDR-Behörden wohl einigermaßen sicher, daß ich wieder zurückkommen würde. Schließlich ließ ich ja drei „Pfänder“ da, meine Frau und meine beiden Töchter. Eine Republikflucht war also nicht zu erwarten. Auch, weil außerdem vorher das familiäre Klima erkundet und für gut befunden wurde. So konnte ich erstmals seit dem Mauerbau vom 13. August 1961 wieder meinen Fuß auf westlichen Boden setzen.

Onkel Karl in Esslingen, Tante Gerda in Stuttgart-Feuerbach und Ilse  in Konstanz hießen die offiziellen Reiseziele. Inoffiziell, weil nicht unbedingt von den DDR-Behörden gern gesehen, aber war ein Start beim Hamburg-Marathon. Aber verboten war ein solcher Start auf keinen Fall. Doch ich erzählte vorher nur Familienmitgliedern und einigen wenigen guten Bekannten von meinem Vorhaben.

Mit dem ICE zum Marathon

Erinnern kann ich mich noch gut an meine erste Fahrt mit einem ICE. Von Stuttgart aus ging es in einem solchen ICE direkt nach Hamburg, eine Fahrt voller Vorfreude.

Nicht schwer zu finden waren die Messehallen, wo die Startunterlagen ausgeben wurden.  Aus Vorsicht lief ich unter dem Pseudonym Walter Becker und mit einer Stuttgarter Meldeadresse. Ich wollte ja auch im nächsten Jahr wieder in den Westen fahren.

Hamburg 2 klein Startnummer

Genug Zeit blieb auch noch zu einem Stadtbummel, doch die große Stadtbesichtigung aus der Perspektive des Läufers  stand ja noch bevor.

Die Nacht vor dem Marathon  verbrachte ich in einer Jugendherberge dicht über den Landungsbrücken. Dort, wo ich am nächsten Tag bei km 10 vorbeilaufen würde.

Hamburg klein klein Landungsbrücken

Auch andere Läufer schliefen dort. So der Däne Steen Aagaard aus Odense,  mit dem ich mich lange unterhielt, später auch korrespondierte. Natürlich hatte ich einen unruhigen Schlaf, aber das ist vor einem Marathon normal, mindert in der Regel nicht die Leistung.

Mit 7000 Läufern am Start

Erst zum zweiten Mal fand dieser Hamburg-Marathon statt, der damals hanse-Marathon hieß. Und 7193 Läuferinnen und Läufer holten ihre Startunterlagen ab. Halb soviel wie in diesem Jahr 2016, aber für mich war das trotzdem damals eine Riesenzahl.

In drei Startblöcken versammelten wir uns. Ich war dem Block C 1   zugeteilt. Rein zufällig traf ich, der Ostberliner, dort einen Westberliner, Volker Schröder. Wir hielten auch nach dem Marathon Verbindung. Wenige Monate später besuchte uns Volker  mit Hilfe eines Passierscheines in unserer Wohnung im Ostberliner Bezirk Lichtenberg. Passierscheine gab es damals für Westberliner Bürger für Eintages-Besuche in  Ostberlin. Lange her, aber unvergessen. Wie normal ist dagegen heute alles geworden.

Normal aber war dieser Marathon auf keinen Fall für mich. Das begann schon mit dem Start. Einen solchen Start hatte ich bisher noch nie erlebt. In drei Wellen setzte sich die Läuferschar in Bewegung und kurz vor der Reeperbahn vereinigte sich alles. Reeperbahn: Dieses Wort hatte für mich  einen besonderen, geheimnisvollen Klang. Aber davon war dann an diesem frühen Morgen wenig zu spüren. Laufen war Trumpf, die Damen des horizontalen Gewerbes hatte ihre Schicht noch lange nicht begonnen.

Groß dann der Gegensatz, als die Villengegend an der Elbchaussee passiert wurde.

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Heutige Reihenvillen an der Elbchaussee

 

Erstaunlich, was einem beim konzentrierten Erinnern einfällt, ohne daß man den Streckenplan in die Hand nimmt. Leider habe ich den bisher nicht gefunden.

Irgendwann liefen wir zurück Richtung Innenstadt. Rechts von uns lag das Wasser, konnten wir die Schiffe auf der Elbe sehen. In dieser Zeit hatten wir alle noch genügend Kraft, um uns die Gegend zu betrachten.

Stimmung an den Landungsbrücken

Und dann, kurz vor dem 10-km-Punkt, führte die Straße bergab, das Tempo konnte gesteigert werden. Da waren wir dann an den Landungsbrücken angekommen, dicht unterhalb meiner nächtlichen Schlafstätte. Und über der Straße spannte sich eine Brücke, auf der viele Zuschauer uns zujubelten.  Es folgte bald der Elbtunnel, auch etwas völlig Ungewöhnliches für mich. Noch nie war ich bei meinen Laufveranstaltungen durch einen Tunnel gelaufen. Recht laut konnten wir dort unsere eigenen Schritte hören und noch lauter wurde es, als unser Rufe als Echo zurückkamen. Was man doch während eines Marathons so alles treiben kann.

Irgendwann tauchten wir aus dem Tunnel wieder auf, aus dem Dunkeln in nun gleißendes Sonnenlicht. Es wurde wärmer und wärmer, doch der Beifall der Zuschauer ließ uns manche Anstrengung leichter ertragen. Insgesamt 700.000 Zuschauer wurden geschätzt, und auch das war vollkommen neu für mich.

Als ich einigen Zeit  gemeinsam mit zwei attraktiven Frauen lief, wurde der Beifall besonders stark. Der galt zwar nicht mir, aber ein wenig bekam ich schon davon ab.

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Erinnern kann ich mich, daß ich am Schluß doch das Ziel herbeisehnte, zumal sich die letzte Straße am Dammtorbahnhof leicht ansteigend  ewig hinzog. Dafür war dann nach der letzten Linkswendung schon das erste Glücksmoment erreicht und das wurde  auf der leicht abschüssigen Zielgeraden noch gesteigert. Das Ziel vor Augen, den Beifall der Zuschauer genießend, das entschädigte für die Strapazen vorher, die allerdings durch mein vorhergehendes gutes Training zu ertragen waren.

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Erschöpft sah ich im Ziel  zwar aus, aber das war auch nicht der perfekte Moment für ein Zielfoto. Der wäre fünf Meter vorher gewesen, als ich schon jubelnd die Arme hob.  Warum  meine Endzeit von „nur“ 3:21:26 Stunden 13 Minuten über meiner bisherigen Bestzeit von 3:08:57 Stunden lag, ist leicht zu erklären. Es war mir einfach zu warm geworden. Waren es anfangs am Start 12 Grad gewesen, zeigte das Thermometer im Ziel 21 Grad. Einfach zuviel, denn ein Hitzeläufer war ich nie. Aber trotzdem war ich sehr glücklich.

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Ergebnisheft des hanse-Marathons 1987

Die erste Belohnung kam in Form einer  geschmackvollen Medaille, die zweite dann mit der Teilnahmeurkunde. Die Urkunde war vom Begründer und langjährigen Chef des Hamburger Marathons, Wolfgang Kucklick, unterzeichnet. Und wie es der Zufall so will, hatte ich bald noch die Gelegenheit, mit ihm in den Messehallen ein kurzes Gespräch zu führen.

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Und auch die Siegerehrung für  die Frauensiegerin  Charlotte Teske (2:31:49) und den Männersieger Karel Lismont (Belgien / 2:13:46) erlebte ich im Kreise vieler anderer Läufer mit.

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Charlotte Teske

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Karel Lismont

Das einmalige Erlebnis des Hamburg-Marathons  behielt ich in meinem Herzen. Nur meiner  Familie, Freunden und wenigen ausgewählten Lauffreunden berichtete ich von meinem ersten West-Marathon. Wie gern hätte ich aller Welt davon erzählt, wie gern hätte ich in der Zeitschrift  „Leichtathlet“, in der ich sonst so viel über Laufveranstaltungen berichtete, darüber geschrieben. Doch damals war die Zeit noch nicht reif. Die war es erst, als die Mauer fiel und ich dann darüber berichten durfte, wie ich gemeinsam mit 25.000 Läuferinnen und Läufer jubelnd durchs Brandenburger Tor lief, beim ersten Gesamtberliner Marathon im Jahre 1990.

Peter Grau

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