Marathon in Zürich: 2016 bei Kälte, 1989 im Sonnenschein

 

Zürich Marathon 2016  klein Brücke538395_10150712989079787_948470808_n

Die Europameisterschaften in Zürich im Jahre 2014 waren zumindest in  Leichtathletik-Kreisen in aller Munde. Damals gab es beim Marathon keine spektakulären Aufgaben, aber das war im August auch nicht zu erwarten. Das Wetter war okay,  die meisten Läufer und Läuferinnen kamen gut durch.

Anders war das nun am letzten Wochenende, am 24. April 2016.

Katharina Heinig, Tochter von Katrin Dörre – Heinig und Wolfgang Heinig, wollte beim Marathon in Zürich unter der Olympianorm von 2:30:30 Stunden bleiben, und nach den Trainingswerten schien das machbar.   Doch dann kam der Wettergott und setzte mit Kälte und Regen den meisten Profi-Athleten ein Halt.

Auf ihrer Facebookseite hat Katharina Heinig das alles emotional und überzeugend beschrieben.  Zwar wird immer noch diskutiert, ob sie nun falsch angezogen gewesen sei und welche Fehler sie ansonsten gemacht habe, aber wegdiskutieren kann man den Einfluß des Wetters nicht.

Ich selbst habe zwar nie einen Marathon aufgegeben, obwohl ich das bei manchem Hitzemarathon gern getan hätte. Aber ich stand auch nie unter dem Zwang, eine Norm zu laufen.

Zürich kenne ich aus eigenem Erleben.

Züri Marathon 1989 kleinScan_Pic0041

1989 stand dort der 6. Züri-Marathon auf dem Plan, aber ich kam nicht bis ins Marathon-Ziel. Ein Widerspruch? Nein.  Ich hatte mich von vorherein nur für den Halbmarathon angemeldet. Und den absolvierte ich dann bei Sonnenschein in 1:35:59 Stunden fast problemlos, wenn man von einem ungeplanten Zwischenstop absieht.

Der Onkel half

Damals, im Jahr 1989, war es für mich schon ein Sieg, überhaupt in Zürich starten zu dürfen. Die Mauer stand noch, und normalerweise hätte ich keine Chance gehabt, als Ostberliner in der Schweiz zu sein und Marathon zu laufen. Doch normal waren die Zeiten damals nicht, und dank eines Westonkels, der auch noch zum richtigen Zeitpunkt  Geburtstag hatte, konnte ich „wegen dringender Familienangelegenheiten“ -, so hieß damals der DDR-Terminus-, in den Westen reisen.

1987 war ich „dank meines Onkels“ beim Hamburg-Marathon gestartet, 1988 beim München-Marathon. Und eine kleine Randnotiz zum Jahr 1987: Damals startete ich nicht nur in Hamburg, sondern danach auch noch beim 3. Schluchseelauf über 18 km. Und dort lag am 3. Mai am höchstem Punkt der Strecke, unterhalb des Feldbergs, Schnee.

Schluchseelauf klein 1987

Die Schluchsee-Medaille von 1987

Der Wettergott kann also immer und überall zuschlagen.

Zurück zum Jahr 1989. Da meine Erinnerungen leicht verblassen – immerhin sind  27 Jahre seitdem vergangen-, lasse ich wieder einen Brief sprechen, den ich nach dem Lauf an meine Mutter schrieb und der auch das ganze Drumherum ein wenig beleuchtet:

„ Die Hinfahrt ab Berlin-Friedrichstraße war unkompliziert. Ich hatte 1. Klasse genommen, da es nur dort noch Platzkarten gab. Schlief oder ruhte und kam einigermaßen frisch in Stuttgart an. War zweimal bei Onkel Karl in Esslingen. Am ersten Tag hatte ich mich zum Laufen mit Werner Sonntag in Ostfildern verabredet, blieb aber zu lange bei Onkel Karl, so daß ich erst zum Abendessen nach Ostfildern fuhr.

Zwei Tage weilte ich in Konstanz. Dort kam ich mit einem  Triathleten ins Gespräch, meine Schwägerin hatte ihn auf meine Ankunft vorbereitet. Mit ihm und zwei anderen Läufern fuhr ich am Sonntag früh nach Zürich, um dort zu laufen. Es war gut, daß ich nur für den Halbmarathon und nicht für den Marathon gemeldet hatte. Ich fühlte mich nicht in Form.

Zunächst starteten die Marathonläufer, unser Start war 9.30 Uhr.

Die Strecke führte immer am Zürichsee entlang und fast immer durch saubere Ortschaften. Aber von Beginn an rumorte mein Magen, so daß ich ab 8 km nach einer Toilette Ausschau hielt. In der Schweiz darf man nämlich nicht so einfach in die Büsche gehen. Bei km 12 fand ich dann endlich eine Toilette.

Jan Fitschen hat solch einen Zwischenstop beim Berlin-Marathon praktiziert, vor laufenden Fernsehkameras.

Bei mir waren keine Kameras dabei, warum sollten sie auch. Jedenfalls lief es nach dem Notstop bestens. Das Ziel lag in einem Stadion und mit meiner Zeit von 1:35:59 Stunden und dem 881. Platz  war ich zufrieden. Zudem, wenn man eine Minute für die Startverzögerung und 2 Minuten für die Toilette abzieht.

Meine Kumpels einschließlich Werner Sonntag liefen Marathon. Mit Werner fuhr ich später zurück. In Donaueschingen legten wir eine Kaffeepause ein, abends war ich wieder in Stuttgart.

Der 90. Geburtstag wurde in Coburg gefeiert

Dann hieß es Kofferpacken, und am 1. Mai fuhr ich per Bahn nach Coburg, mit Umsteigen in Nürnberg und Lichtenfeld. Sechs Stunden war ich  unterwegs. Am Bahnhof nahm ich ein Taxi und fuhr zum Gasthof Söhnert in Coburg-Scheuerfeld, bekam den Zimmerschlüssel, sprach mit Onkel Karl und  dann warteten wir auf den Abend. Cousine Ute und Manfred aus Oberweißbach waren schon einen Tag eher mit der Bahn angereist und mit Onkel Karl aus Esslingen nach Coburg gekommen. Abends fand also die Veranstaltung mit ca. 50 Leuten statt.  Ansprachen, kaltes Büffet, Singen von Liedern, Trinken, Gespräche, vor allem mit zwei Mitgliedern der Burschenschaft von Onkel Karl. Das war ja etwas völlig Neues für mich, diese Studenten-Burschenschaften. Die hatten wir an der Berliner Humboldt-Universität leider nicht. Die Zeit verging jedenfalls schnell. Um Mitternacht dann die Gratulation zum 90. Geburtstag meines Onkels (mein Reisegrund!).  Überreichen der Geschenke, noch ein bißchen plaudern und dann ab ins Bett. Am anderen Morgen  zum Bahnhof gefahren, und zufälligerweise kam der nächste Zug schon nach fünf Minuten. Schnell die Fahrkarte gekauft, die freundliche Dame am Informationsschalter reichte mir noch die Umsteigezeiten und ab ging die Post, sprich der Zug. Ein bißchen schnell alles, aber irgendwie hatte mich das Reisefieber gepackt. Nachmittags war ich in Stuttgart, am nächsten Morgen (3. Mai) holte ich in Esslingen meinen Paß wieder ab, und am Abend ging es zurück nach Berlin.

Eigentlich hatte ich geplant, am 7. Mai noch den 25-km-Lauf in Berlin zu bestreiten. Eine Startnummer hatte ich auch schon dafür. Und aus dem Zug aussteigen hätte ich in Westberlin ohne Probleme gekonnt ( das hat ja mein Lauffreund Roland später zum Berlin-Marathon praktiziert). Aber dann habe ich doch darauf verzichtet.“

Soweit die Briefauszüge und soweit das „Abenteuer“ Zürich, das für mich zumindest kein Laufabenteuer wurde.

Peter Grau

 

 

 

Schreib einen Kommentar