Wolfgang Schnur – 1990 fast Ministerpräsident, aber als Stasi-Spitzel enttarnt

Vor einigen Tagen ging eine Nachricht durch die Medien: Wolfgang Schnur ist mit 71 Jahren verstorben. Ich wußte sofort, wer sich hinter diesem Namen verbirgt. Zu sehr bin ich immer noch sensibilisiert, wenn es um die Geschehnisse rund um die „Wende“ geht. Und damals war ich ohne Einschränkung für die politischen Kräfte, die für eine Veränderung der Verhältnisse in der DDR waren, und letztendlich für die Vereinigung beider deutscher Staaten. Und einer, der in meinem Sinne zu wirken schien, war eben Wolfgang Schnur.
Der DDR-Rechtsanwalt arbeitete zunächst in Binz, später in Rostock und dann in Berlin. Neben seiner Anwaltstätigkeit war er auch in der Evangelischen Kirche aktiv. Er vertrat zahlreiche Bürgerrechtler und Wehrdienstverweigerer innerhalb und außerhalb der Kirche. Nach dem Fall der Mauer gründete er die Partei „Demokratischer Aufbruch“, war zeitweise deren Vorsitzender und suchte die Nähe zur bundesdeutschen CDU. Als Pressesprecherin stellte er damals eine junge Frau ein, die heutige Bundeskanzlerin Angela Merkel. Gemeinsam mit Helmut Kohl zog er vor den Volkskammerwahlen am 18. März 1990 durch die ostdeutschen Länder, die damals noch in Bezirke gegliedert waren. Wolfgang Schnur wurde immer mehr in den Vordergrund geschoben bzw. drängte sich selbst nach vorn. Er stand kurz davor, nach erfolgreichen Wahlen vom Verbund CDU/Demokratischer Aufbruch als Ministerpräsident eingesetzt zu werden. Doch dann der Paukenschlag: Wolfgang Schnur wurde als Stasi-Spitzel enttarnt. Seit 1965 hatte er in Diensten der Stasi gestanden. Der Absturz konnte nicht größer sein. Er verlor all seine politischen Funktionen und seine Anwaltszulassung.
Schnur gab sich zwar danach immer uneinsichtig, behauptete, alles nur im Sinne seiner Mandanten getan zu haben. Doch geglaubt wurde ihm das nicht. Und sicher die größte Strafe für ihn, der sich schon in der Macht gesonnt hatte, war, daß er schnell vergessen wurde.
Nun machte er ein letztes Mal Schlagzeilen: mit seinem Tod.

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