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Corinna Harrer: „Olympische Spiele machen dich kaputt“

Corinna Harrer London Foto

Die 25-Jährige Corinna Harrer startet für die LG Telis Finanz Regensburg. Mit 16 Jahren wurde sie Deutsche Jugendmeisterin über 400 Meter. Diese Grundschnelligkeit nahm sie als Basis mit auf die Mittelstrecke und spezialisierte sich auf 1500 Meter. Auch auf längere Distanzen war sie schon erfolgreich. 2014 gewann sie den nationalen Titel über 10.000 Meter, vor der siebenmaligen Titelträgerin Sabrina Mockenhaupt.

Corinna Harrer hat auf ihrer Facebook-Seite ein Interview  verbreitet, welches Max Bosse für die Berliner Zeitung führte. Es ist gewissermaßen der Hilferuf einer Leichtathletin, die dicht vor dem Einzug in die Weltspitze stand, die nach Rio wollte, aber nun nicht dabei sein konnte. Warum das so ist, lesen Sie im folgenden im Interview:

Für Corinna Harrer hat sich der Olympiatraum in einen Albtraum verwandelt. 21 Jahre war sie alt, als sie 2012 in London über 1500 Meter mit 4:05,70 Minuten das Finale um ein paar Zehntelsekunden verpasste. Nachträglich wurden mehrere Konkurrentinnen wegen Dopings disqualifiziert. Die Läuferin aus Regensburg hätte das Finale somit eigentlich erreicht − als erste Deutsche seit 1988. Doch was der Beginn einer Profikarriere in der Weltspitze hätte sein sollen, geriet zur Verletzungsodyssee. In Rio ist sie nicht dabei.

„Olympische Spiele machen dich kaputt“

Frau Harrer, was machen Sie am Mittwoch um 3.30 Uhr morgens?

Schlafen. Das 1500-m-Finale möchte ich nicht anschauen. Ich hatte an London eigentlich immer gute Erinnerungen. Das wurde im Nachhinein immer mehr zerstört. Olympische Spiele sind ein unheimlich schönes Erlebnis, aber sie machen dich auch kaputt. Man ist wie bei Big Brother jeden Tag überwacht und ein bisschen eingesperrt. Im Nachhinein sollte man sich die Zeit geben, das zu verarbeiten.

Ihre Bewunderung für andere Sportler ist erloschen?

Man weiß, dass gedopt wird. Ja, klar. Aber nicht, dass es so viele sind. Ich war im Halbfinale 17., inzwischen bin ich Elfte. Die Dunkelziffer ist viel höher. Rio wird nicht arg viel sauberer sein. Durch den Ausschluss der Russen und die Sperren manch anderer sind ein paar raus, aber von zwölf sind im Finale wohl immer noch fünf voll.

Sechs der ersten neun aus dem Finale in London wurde Doping nachgewiesen sowie zwei weiteren Läuferinnen aus den Vorläufen.

Das Halbfinale war für mich eines meiner größten Rennen, vor allem, weil ich vom vorletzten Platz noch mal aufkam. Und dann kommt so was. Die Freude ist weg. Ich wäre im Finale gewesen, und vielleicht hätte das Finale einen ganz anderen Charakter gehabt ohne die Gedopten, weil die nicht die Kraft gehabt hätten, noch mal so schnell zu laufen. Dazu kommt die Sache mit der Gesundheit.

Und zwar?

Um mit den Gedopten mitzuhalten, musst du die ganze Zeit trainieren, und dann kommt die Regeneration zu kurz. 2012 hatte ich das erste Mal Probleme. Am Tag vor dem Halbfinale habe ich vier Stunden beim Physio im olympischen Dorf verbracht. In so einem Moment achtest du nicht auf die Gesundheit.

Was war die Folge?

Nach London habe ich nur zwei Wochen Pause gemacht und dann wieder angefangen. Du willst immer mehr, 2014 stand die EM in Zürich an. Ich habe so lange trainiert, bis mir der Fuß gebrochen ist. Ich habe Tage, an denen ich aus dem Bett aufstehe und mich frage, ob es das wert ist. Ich humple rum wie eine 80-Jährige. Aber ich bin 25 Jahre alt.

2015 ist Ihre Achillessehne gerissen.

Ich hatte vorher schon jahrelang Fersenprobleme. Eine Russin hat mir bei der Mannschafts-EM dann die Achillessehne kaputt getreten. Ich will so nicht aufhören, mit diesen ganzen Verletzungen. Ich will es mir noch mal beweisen. Vielleicht ist es auch der Zeitpunkt abzuspringen. Der Verband hat mich in der Reha null unterstützt, und die Krankenkasse hat die Kosten nicht übernommen, weil es für die wie ein Arbeitsunfall war. Privat habe ich 10.000 Euro ausgegeben. Das war mein ganzes Erspartes von London. Wäre es beim Einsatz für den Verein passiert, wäre es bezahlt worden, weil man über den Verein versichert ist. Von der Sporthilfe habe ich eine Einmalzahlung bekommen: 1000 Euro. Der Tod ist 10.000 Euro wert.

Was ist das Problem?

Unser Bundestrainer fordert Profitum. Welche Möglichkeiten hat man? Ich wollte zur Polizei, Heimat und Verein aber nicht verlassen. Also wäre nur die Landespolizei gegangen. Die nimmt aber vorwiegend Wintersportler. Bundeswehr war für mich nie ein Thema, weil ich den Beruf ja auch nach dem Sport ausüben muss. Fordern, aber nicht fördern, das nervt mich.

Gibt es jemanden aus dem Rennen, der für Sie Olympiasiegerin ist?

Laura Weightman war im Finale relativ weit hinten. Die kenne ich sehr gut. Ihr traue ich zu, dass sie sauber ist. Wie sie trainiert, macht Sinn, sie bringt auch mal menschliche Leistungen. Ich bin aber sehr vorsichtig geworden. Letztlich sind die Sieger diejenigen, die für sich wissen, dass sie sauber sind.

Ist das ein Trost?

Nicht wirklich. Wäre ich in London im Finale gestanden, wären es fast 30.000 Euro mehr gewesen. Preisgelder, Sporthilfe und Sponsorengelder. Das wären fast zwei Jahre finanzierter Sport gewesen. Ich hatte die Hoffnung, den Sport als Profi so zu betreiben, dass ich davon leben kann. Wie soll ich mit denen, die Profisport machen, mithalten, wenn ich 30 Stunden arbeite, wie ich es jetzt mache? Einerseits erwartet Deutschland Profitum, andererseits tun wir zu wenig, um saubere Sportler zu unterstützen.

Bei der EM 2012 sind Sie aufgrund nachträglicher Doping-Disqualifikationen von Platz neun auf sechs gerutscht. Was bedeutet das?

Als Sechste hätte ich den A-Kader-Status bekommen, auch unter den Top-Acht bei Olympia. Der gilt für vier Jahre. Vier Jahre Geld vom Verband. Trainingslager wären bezahlt worden, mit Trainer und Physiotherapeut. Im B-Kader gibt es ein Mal im Jahr 200 Euro. Es ist nicht nur das. Bei der U23-EM 2011 war ich Dritte, inzwischen Zweite. Die Medaille habe ich jetzt nachträglich gekriegt, ich befürchte, dass es noch mehr werden. Bei der U20-EM 2009 war ich Zweite, die Erste ist inzwischen gesperrt. Es ist wie beim Lotto. Es ist ein Medaillenrecycling.

Deutsche sind immer nur Opfer?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass alle Deutschen sauber sind.

Warum?

Manche Kontrolleure reden auch ihren Frust von der Seele und erzählen, wie andere versuchen zu bescheißen. Ich glaube, dass wir eine Nation sind, die sauberer ist als vielleicht Kenia oder Russland. Aber schwarze Schafe gibt es überall. Was mich positiv stimmt: Mir wurde noch nie etwas angeboten, in keinem Fitnessstudio, in keiner Praxis. Als ich mit dem Sport auf dem Niveau angefangen habe, dachte ich, dass irgendwann einer kommt und sagt, dass er da was hätte.

Man muss also selbst aktiv werden, um Dopingmittel zu bekommen?

Genau. Alleine ist das nicht möglich. Mein Trainer würde sich über die Leistung wundern, die Trainingsgruppe. Es gibt ein ganzes System, das dich irgendwann hinterfragt. Eigentlich musst du die einweihen. Du brauchst einen Arzt und einen Sponsor, um dir das leisten zu können. Einer alleine kann es nicht.

Hätte denn Julia Stepanowa nach Rio gehört?

Nein. Ich fand diesen Aufruhr mit den Spenden für sie ein bisschen krass. Es sei Julia Stepanowa vergönnt, wenn ihr jemand einen Job anbietet, damit sie ihr Leben finanzieren kann. Ihr Leben ist nicht leicht, aber sie war auch eigennützig genauso wie die Türkin Asli Alptekin, die als Zeugin aufgetreten ist, um vielleicht doch noch die Chance auf Rio zu bekommen.

Corinna Harrer Rückfront

Fotos: Photo-Studio Büttner in Regensburg

Das Interview führte Max Bosse für die Berliner Zeitung vom 16. August 2016.

Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/24595368 ©2016

Die 24. Leichtathletik-EM 2018 wirft ihre Schatten voraus

Liebe drei EM 2018

Ticket-Vorverkauf für Leichtathletik-EM 2018 gestartet

Auf die Plätze, fertig, Tickets! Die 24. Leichtathletik-Europameisterschaften 2018 starteten am Montag, dem 22. August 2016  ihr wichtigstes Kommunikationsmittel und den Vorverkauf von Eintrittskarten. Ab sofort ist die Leichtathletik-EM 2018 unter www.berlin2018.info     mit allen verfügbaren Ticket-Angeboten im Internet erreichbar.

Vom 7. bis 12. August 2018 finden die Leichtathletik-Europameisterschaften erstmals im Berliner Olympiastadion und auf den Straßen der Sportmetropole Berlin statt. Rund 1.600 Athletinnen und Athleten aus über 50 Nationen werden um die Medaillen in 47 Disziplinen kämpfen.

Genau neun Jahre nach der stimmungsvollen Leichtathletik-WM 2009 kommt die olympische Kernsportart mit den besten Athleten Europas zurück auf und neben die schnellste Bahn der Welt! Erinnerungen werden wach an Jamaikas Sprint-Superstar Usain Bolt, der 2009 mit zwei Weltrekorden in Berlin Geschichte schrieb, und der Stern eines gewissen Robert Harting aufging. Die ganze Welt sah und spürte, dass nicht nur Athleten in Berlin ihre Höchstleistungen abrufen, sondern auch das fantastische Publikum im Olympiastadion und am Straßenrand zur Topform aufläuft.

Die 100-Meter-Finals am ersten Tag

Auch darum wird die Leichtathletik-EM am 7. August 2018 wie keine der 23 Europameisterschaften zuvor durchstarten. Höhepunkt folgt auf Höhepunkt – und das von Beginn an! Gleich am ersten von sechs Wettkampftagen stehen mit den 100-Meter-Finals der Frauen und Männer zwei Knüller auf dem Programm. Zwei von insgesamt fünf Final-Entscheidungen zum Auftakt – so schnell startet sonst kein Event!

Möglich wird der starke Start durch Vorläufe und Qualifikationswettkämpfe bereits am 6. August 2018. Weitere Highlights sind Qualifikationswettkämpfe an einem prominenten Ort sowie Start und Ziel der Straßenwettkämpfe inmitten der City.

Liebe eins   EM 2018

Frank Kowalski, Geschäftsführer der Leichtathletik-EM 2018: „Wir freuen uns sehr, dass wir planmäßig starten und bereits jetzt Tickets für die größte Sportveranstaltung des Jahres in Deutschland anbieten können. Wir bieten nur Karten für den Unterring im Berliner Olympiastadion an. Erst wenn wir dort ausverkauft sind, öffnen wir auch den Oberring für den Verkauf.“

Erstmals Mehrkampf-Tickets im Angebot

Eintrittskarten sind in insgesamt fünf Kategorien inklusive Premium- und Familien-Tickets erhältlich. Das günstigste Einzelticket für die vier angebotenen Veranstaltungen am Vormittag kostet 15,00 Euro, für die sechs Abend-Sessions 35,00 Euro. Dauerkarten für alle sechs Abende zusammen wird es ab 195,00 Euro geben. Für einen Aufpreis ab 35,00 Euro können Dauerkartenkäufer zusätzlich die vier Vormittags-Sessions besuchen.

Highlights sind die erstmals angebotenen Mehrkampf-Tickets, die preisgünstigen Familientickets oder die Dauerkarten für die besten Plätze auf Höhe der Ziellinie.

Schaufenster der digitalen Aktivitäten www.berlin2018.info

Die Webseite www.berlin2018.info ist das Schaufenster für alle digitalen Aktivitäten der Leichtathletik-EM 2018. Auf der Startseite laufen Facebook und Twitter in einem Social Media Stream zusammen und informieren auf den ersten Blick und in Echtzeit über alles, was in der deutschen und internationalen Leichtathletik passiert.

Das digitale Angebot bietet ständig aktuelle und exklusive Nachrichten, Fotos und Filme aus der internationalen Leichtathletik, Informationen zum Zeitplan, attraktive Ticket-Angebote, Porträts interessanter Athletinnen und Athleten und vieles mehr. Bereits vom ersten Tag an ist die Online-Präsenz für alle mobilen Endgeräte optimiert.

Mehr Informationen, Zeitpläne, Preise und Tickets unter www.berlin2018.info.

Liebe zwei EM 2018

 

P.S: Und eine von zwei Generalproben findet am 3. September 2016 beim ISTAF im Berliner Olympiastadion statt.

Harting klein ISTAF 067

Zerplatzte Träume – Die Leere nach Olympia

Meine Kollegin Silke Morrissey war bei den Olympischen Sommerspielen in Rio de Janeiro dabei, um für  leichtathletik.de  von den Leichtathletik-Wettbewerben zu berichten.

 

Byd achtzehn Silke Morrissey

Silke Morrissey

Sie hat anschließend eine persönliche Bilanz gezogen:

“ Viele Hoffnungen zerplatzten im Olympia-Stadion von Rio de Janeiro wie eine Seifenblase. Fragen nach dem Warum müssen gestellt und beantwortet werden. Aber ist nun alles schlecht, nur weil an Tag X der Erfolg ausblieb? Ganz sicher nicht!“

Lesen Sie den gesamten Artikel auf     www.leichtathletik.de. (Suchbegriff: Zerplatzte Träume)

 

Thomas Röhler: „Ich wußte: Ich bin bereit für 90 Meter“

 

Thomas Röhler mit Medaille

Den olympischen Goldwurf des Jenaers Thomas Röhler habe ich live im Fernsehen verfolgt und umjubelt. Im Mai hatte ich am Rande der Hallenser Werfertage gemeinsam mit Johannes Knuth von der Süddeutschen Zeitung mit ihm gesprochen. Schon damals waren wir beide von ihm beeindruckt, ob seiner klaren Aussagen, ob seiner Art, wie er das Speerwerfen lebt.

Um so mehr hat mich dieses Gold nun begeistert. Und ich hatte auch keine Bedenken, daß er sich anschließend irgendwie verkehrt verhalten könnte. Er ist für jeden Journalisten ein „dankbarer“ Gesprächspartner. Vielleicht ganz anders als ein Robert Harting, aber eben doch von ähnlicher intellektueller Klasse.

Kein Wunder, daß sich nach seinem Wettkampf die deutschen Journalisten um ihn scharten. Und sie alle lächelten um die Wette. Hatten sie doch vorher leider wenig zu lachen.

Thomas Röhler Rio mit Journalisten

Meine Kollegin Silke Morrisey, die in Rio das Geschehen hautnah für leichtathletik.de verfolgte, hat seine Aussagen in der Mixedzone von Rio  zusammengefaßt.

Byd achtzehn Silke Morrissey

Nachzulesen unter  leichtathletik.de am 22. August 2016 im Interview der Woche unter der Überschrift: Thomas Röhler: Ich wusste: Ich bin bereit für 90 Meter.

 

(alle Fotos von Olaf Brockmann, Kronen-Zeitung Wien)

 

 

 

 

 

 

 

Meine Fernsehnacht mit dem Olympiasieger Thomas Röhler

Was ich  gestern in meiner Geschichte “ Meine drei Nächte mit den Leichtathleten“ schon vorausgesagt hatte, ist eingetroffen. Ja, es wurde noch übertroffen. Der Favorit Thomas Röhler, der wegen einer Rückenverletzung bei den Europameisterschaften in Amsterdam die Hoffnungen nicht erfüllen konnte, holte sich in Rio de Janeiro im Speerwerfen das olympische Gold, auf das viele gehofft hatten.   “ Ich hatte schon auf dem Aufwärmplatz und schon beim Aufstehen eine gutes Gefühlt. Ich bin superhappy, meine Leistung hier abgerufen zu haben, “ freute er sich kurz nach seinem Gold-Erfolg am Mikrofon der ARD.

Das Ergebnis: Gold: Thomas Röhler (Jena) 90,30 m,  Silber: Julius Yego (Kenia) 88,24, Bronze: Keshorn Walcott (Trinidad und Tobago) 85,38, 4. Johannes Vetter (Offenburg) 85,32, …. 9. Julian Weber (Mainz) 81,36.

Etwas überhöht, aber nicht ganz von ungefähr,  die erste Meinung aus Rio:   “ Vielleicht hat Thomas Röhler damit eine ganze Sportart gerettet„.    Es war ein riesiges Erlebnis, nach vielen Enttäuschungen in der Leichtathletik.

Zwei Stunden vor der Entscheidung im Speerwerfen hatte Michael Reinsch von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Interview mit Thomas Röhler veröffentlicht, das einiges über den Speerwerfer aus Jena artikulierte.  Das Interview ist zu lesen unter:

http://www.faz.net/aktuell/sport/olympia/deutsches-team/speerwerfer-roehler-ist-favorit-im-finale-in-rio-bei-olympia-14396590.html#GEPC;s2

Thomas Röhler ist also der Favoritenrolle vollauf gerecht geworden.  Und irgendwie habe ich es am Rande der Hallenser Werfertage im Mai in meinem Gespräch (gemeinsam mit Johannes Knuth)  mit Thomas Röhler gespürt, daß  2016 sein Jahr werden könnte.

Soviel live in dieser Nacht des Goldes.    Nun kann ich mich beruhigt wieder ins Bett legen. Es hat sich gelohnt, für Thomas Röhler aufzustehen.

Thomas Röhler 2 klein Scheinwerfer Thomas Röhler 1 klein Schatten Thomas Röhler 3 klein mit Trainer DSC09330-2 Thomas Röhler 4 klein mit Tasche  Thomas Röhler 6 klein Nahaufnahme

 

Cindy Roleder – Europameisterin und Olympiafünfte im Hürdensprint

Für die hochgewachsene  Cindy Roleder (SC DHfK Leipzig)  war die sportliche Welt am 7. Juli 2016 in Ordnung .  An diesem Tag setzte sie sich im Finale der Europameisterschaften in Amsterdam über die 100 m Hürden in  12,62 s   durch.  Und damit waren auch die Aussichten für ein erfolgreiches  Auftreten bei Olympia bestens.

Nachdem sie in Rio das Halbfinale in 12,69 s glatt überstanden hatte, erhoffte sie sich  im Finale eine kleine Steigerung.

Roleder Finale

Cindy Roleder (ganz oben) im olympischen Endlauf von Rio 2016   (Foto:  Olaf Brockmann)

Doch die kam nicht mehr, in 12,74 s wurde sie Fünfte. Das war allerdings die beste Plazierung einer deutschen Hürdensprinterin bei Olympia seit 1988 in Seoul. Doch danach war sie, im Unterschied zu manch anderen Athleten in ähnlicher Situation, ehrlich zu sich und zu den Medien. Sie zeigte sich nicht vollauf zufrieden, sondern konnte die Gedanken an eine mögliche Medaille nicht verdrängen. „ Heute waren die drei US-Mädels besser – Brian Rollins (12,48 s) gewann vor Nia Ali (12,59 s) und Kristi Castlin (12,61)- , aber leider war es auch kein runder Lauf von mir, war ich beispielsweise zu dicht an der ersten Hürde.“

Aber sie blickte auch gleich zurück: „ Vor drei Jahren, bevor ich zu Wolfgang Kühne nach Halle/Saale ins Mehrkampfteam wechselte, hätte ich niemals damit gerechnet, daß ich mal ein olympisches Finale erreichen würde.“

Dieser Wechsel zum Mehrkampf brachte ihr den erhofften Sprung nach vorn. Sie trainierte nun auch andere Disziplinen, „ es tut gut, nicht immer nur Hürden zu laufen. Und ich fühle mich wohl in der Trainingsgruppe mit Rico Freimuth und Michael Schrader.  Ich habe auch ein neues Selbstbewußtsein bekommen.“  Und das zahlte sich schon 2015 aus, als sie bei der WM in Peking mit 12,59 s Zweite wurde.

Beharrlich ist sie auf alle Fälle, weiß ihren Kopf durchzusetzen. So wundert es nicht, als sie in einem Interview mit leichtathletik.de  auf die Frage, wie sie zu Dieter Bohlen und Daniela Katzenberger und deren TV-Quotenhascherei stehe, antwortete: „Auch wenn viele ihr Tun mehr als skeptisch beurteilen,  finde ich es stark, daß die beiden sich nie beirren lassen, ihren Kopf durchsetzen und sich deshalb auch behauptet haben.“

Ihr sportliches Tun hatte beim Turnen begonnen. Doch dafür war sie bald zu groß. „ Aber vom Körpergefühl her profitiere ich immer noch davon“.  Über den Wettbewerb „ Jugend trainiert für Olympia“ kam sie dann zur Leichtathletik, trainierte in Chemnitz viele Disziplinen. „Doch weil es in Sachsen keinen Mehrkampftrainer gab, wurde ich dann Hürdensprinterin, denn dafür hatte ich das meiste Talent.“

Ob sie auf ewig Hürdensprinterin bleiben wird, steht auf einem anderen Blatt. „ Ich trainiere auch im nächsten Jahr in der Mehrkampfgruppe, auch weil sich das bewährt hat. Und ich werde sicherlich auch wieder einen Mehrkampf bestreiten“.

Peter Grau  

 

Noch vor der EM 2016 in Amsterdam veröffentlichte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ unter der Überschrift  „Hürdensprinterin Cindy Roleder: Weniger ist manchmal mehr“ einen Beitrag von Anne Armbrecht, Leipzig.

Lesen Sie diesen Beitrag unter   http://www.faz.net/aktuell/sport/mehr-sport/huerdensprinterin-cindy-roleder-geht-im-training-neue-wege-14327247.html

 

Cindy Roleder

100 m Hürden I  Frauen

Alter: 27 Jahre

Land: Deutschland

Bestleistung: 12,59 s

Erfolge:  Europameisterin 2016, Fünfte Olympia 2016,  Vizeweltmeisterin 2015, Bronze EM 2014,  Deutsche Meisterin 2016?, 2015, 2011

Meine drei olympischen Nächte mit den Leichtathleten

Rio 2016 für Homepage

Der Donnerstag mit Mihambo, Bolt und Roleder

Einige Tage habe ich darauf verzichtet, mir die Nächte um die Ohren zu schlagen, um die Leichtathletik-Wettbewerbe direkt zu verfolgen. Doch nachts, als ich mal kurz aufwachte, einfach auf dem Smartphone nur die Ergebnisse zu verfolgen, war auch nicht das Gelbe vom Ei.

Deshalb habe ich am Donnerstag, dem 18. August, den Wecker auf 1.30 Uhr in der Nacht gestellt, und dann zwei Stunden lang das Geschehen am Fernseher verfolgt. Und es wurde  recht unterhaltsam. Die speerwerfenden deutschen Männer Johannes Vetter (85,96 m), Julian Weber (84,46 m) und Thomas Röhler (83,01 m) glänzten allesamt, kamen ohne wesentliche Probleme durch die Quali. Im Weitsprungfinale hüpfte der Sprungfloh Malaika Mihambo auf die persönliche Bestweite von 6,95 m und wurde damit in einem sehr starken Wettbewerb Vierte. Dann kam die Bolt-Show über 200 m, und das war ja erst das Halbfinale.

Bolt Semi 200 m kurz vor Ziel

 

Bolt Semi 200 m Zwiegespräch

Bolt Mixedzone

Fotos: Olaf Brockmann, Kronen Zeitung Wien

 

Cindy Roleder versuchte im Hürdenwald, eine Medaille zu ersprinten, doch diesmal waren andere vor ihr.

Roleder Finale

Cindy Roleder (ganz oben) im 100 -m- Hürden-Finale

Es blieb ein fünfter Rang für sie, aber sie fest drin in der Weltspitze.

Ich war auf den Nacht-Geschmack gekommen.

Der Freitag der Enttäuschungen

Also stellte ich mir auch am Freitag wieder den Wecker zum nächtlichen Fernsehvergnügen. Aber es wurde leider kein Vergnügen. „Meine“ Werfer- ich hatte immer einen engen Draht zu den Werfern – hielten nicht das, was man sich von ihnen versprach. Zuerst war David Storl an der Reihe, aber schon im Vorfeld flogen seine Kugeln nicht so, wie sie sollten. Geschuldet auch einer verletzungsbedingt holprigen Vorbereitung. So blieb statt einer Medaille ein ernüchternder siebenter Rang mit einer Weite von 20,64 m. Und Tobias Dahm, mit dem ich kürzlich in Kienbaum noch ausführlich gesprochen hatte, war zuvor schon in der Quali gescheitert.

So sollten es die Speerwerferinnen richten, in der Vergangenheit oft ein Medaillengarant. Doch schon im Vorfeld machte man sich selbst Schwierigkeiten, nicht eindeutige Nominierungskriterien bei einem voraussehbaren Quartett von Olympiakandidaten festzulegen. So gab es dann ein Hauen und Stechen um die Nominierung, die Einbeziehung von Gerichtsbeschlüssen und letztendlich die Nichtnominierung von Katharina Molitor. Ob es mit ihr besser ausgesehen hätte, steht auf einem anderen Blatt. Christina Obergföll ( Achte mit 62,92 m),  Linda Stahl ( Elfte mit 59,71 m), Christin Hussong ( Zwölfte mit 57,70 m) konnten jedenfalls allesamt nicht zufrieden sein. Und für Obergföll und Stahl war es zudem der Abschied vom Leistungssport. Nur noch wenige Wettkämpfe, so sicherlich das ISTAF in Berlin, stehen noch vor ihnen.

Ein wenig lächeln ließ alle dann Zehnkämpfer Kai Kaczmirek, der als Vierter fast über sich hinauswuchs.

Nicht über sich hinauswachsen mußte dann  Usain Bolt im 200-m-Finale. Sein Sieg war ungefährdet, sein Auftritt vorher und hinterher wie immer einzigartig. Wenn er nicht mehr dabei ist, wird der Leichtathletik etwas fehlen.

Bolt wieder Mixedzoneexezone

 

Die Samstagsnacht mit Staffelwirbel

Stab und Staffelholz (bzw. Aluminium) waren die Hauptwerkzeuge in meiner Samstagnacht. Weil deutsche Medaillenerfolge sich bisher nur auf die beiden Diskusriesen Christoph Harting und Daniel Jasinski beschränkten, hoffte ich ein wenig auf unsere beiden Stabi-Frauen. Vor allem auf Lisa Ryzih, mit der ich zuletzt vor langer Zeit beim Meeting in Elstal bei Berlin gesprochen hatte, habe ich ein wenig gehofft. Aber es sollte nicht sein. Zwar waren ihre Sprünge über 4,70 m nur knapp gerissen, aber knapp vorbei ist auch vorbei. Und für Martina Strutz, der Schwerinerin, waren die 4,70 m ebenfalls  zu hoch. So blieben am Ende für Strutz (9.) und Ryzih (10.) nur Plätze im hinteren Feld.

Das Hammerfinale der Männer ging ohne deutsche Beteiligung über die Bühne. Die Medaillen gingen für Weiten zwischen 78,68 m und 77,73 m weg. Da wünschte man sich einen Markus Esser, einen  Karsten Kobs oder einen Heinz Weis in den Ring. Doch deren Hammerwurf-Zeiten sind leider vorbei.

Dabei aber waren vier junge Sprinterinnen für Deutschland. Sie hatten zwar das „Pech“, daß die USA-Staffel über 4×100 m doch dabei war, nachdem sie in der Quali zwar nicht ins Ziel gekommen war, aber wegen einer Behinderung (wie oft gab es früher schon so etwas) nochmals einen Sololauf zugesprochen bekamen. So war es noch schwerer für Tatjana Pinto, Lisa Mayer, Gina Lückenkemper und Rebekka Haase, eine Medaille zu ersprinten. Doch sie bemühten sich wacker, liefen mit 42,10 s nochmals schneller als im Vorlauf, aber es wurde „nur“ der vierte Platz. Aber zufrieden über sich zeigten sich dann alle vier Sprinterinnen.

Kurz vor 4 Uhr dann der Abschluß des Tages (oder meiner Nacht-Sitzung) mit der 4x100m-Staffel der Männer. Alles schaute erneut auf Usain Bolt, der als Schlußläufer der jamaikanischen Staffel den Staffelstab in vorderster Position erhielt und seine insgesamt neunte olympische Medaille holte.

Bolt übernimmt Staffelstab

 

Bolt Staffel kurz vor Ziel

Bolt nach Staffelgold in der Mixedzone#

Bolt nach Staffelgold in Mixedzone

Bolt und die Leichtathletik, es scheint eine niemals endende Erfolgsgeschichte. Doch irgendwann wird sie enden…

Meine zweistündige Fernsehnacht endete kurz nach 4 Uhr, nun folgt für mich nur noch eine Nachtsitzung:  am Sonntag, dem 21. August 2016. Und da hoffe ich, daß durch die deutschen Speerwerfer mindestens eine Medaille hinzukommen möge.

Peter Grau

(Fotos:  Olaf Brockmann, Kronen Zeitung, Wien)

Top-Diskustrio von Rio kontra Robert Harting beim 75. ISTAF

Harting klein ISTAF 067

Es wird der stärkste ISTAF-Diskuswettbewerb aller Zeiten werden. Zum Jubiläum am 3. September 2016 tritt Olympiasieger  Christoph Harting ebenso im Berliner Olympiastadion an wie der polnische Silbermedaillen-Gewinner Piotr Małachowski und der deutsche Überraschungs-Dritte Daniel Jasinski aus Wattenscheid. Das Top-Trio von Rio trifft zwei Wochen nach den Olympischen Spielen beim 75. ISTAF auf Robert Harting, der nach seinem Hexenschuss in Rio beim ältesten und zuschauerstärksten Leichtathletik-Meeting wieder starten kann.

Daniel Jasinski Christoph Harting

Daniel Jasinski (links) und Christoph Harting

Komplettiert wird das Feld mit dem Belgier Philip Milanov, WM-Zweiter 2015, dem WM-Dritten Robert Urbanek aus Polen, Martin Kupper aus Estland, der in Rio hinter Daniel Jasinski Vierter wurde sowie dem Olympia-Sechsten Lukas Weißhaidinger aus Österreich.

„Beim 75. ISTAF sind wir im Diskuswurf so hochklassig besetzt wie noch nie“, sagt Meeting-Direktor Martin Seeber. „Die Zuschauer können sich auf absoluten Spitzensport freuen.“

Freuen können sich auch die Athleten: Der Diskus-Wettbewerb wechselt diesmal die Seiten. Geworfen wird aus der Ostkurve und in Richtung des Marathontors. „Die Hertha-Kurve wird zur Harting-Kurve“, sagt Meeting-Direktor Martin Seeber: „Die Athleten haben dann voraussichtlich Gegenwind, der Diskus fliegt weiter.“ Gut möglich, dass am 3. September der 20 Jahre alte ISTAF-Rekord von Lars Riedel (70,60 m) „wackelt“.

Bernard Lagat – Abschied von der Laufbahn beim ISTAF

 

Harting klein ISTAF 067

Schon vor einem Jahr hat sich der US-Mittel- und Langstreckler Bernard Lagat beim ISTAF-Meetingdirektor Martin Seeber für das 75. ISTAF angemeldet. „ Ich will meine Karriere hier im Olympiastadion beenden, mit den Fans eine Party feiern“.  Vor sieben Jahren, bei der WM 2009, konnte sich Lagat erstmals von den Berlinern feiern lassen, als er WM-Bronze über 1500 m und WM-Silber über 5000 m gewann. Insgesamt zehn Mal ging der Doppelweltmeister und dreifache Hallenweltmeister beim ISTAF an den Start.

2010  gab er  Michael Reinsch von der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ ein längeres Interview und daraus ist damals folgende Geschichte entstanden, die die wichtigsten Fakten über Bernard Lagat enthält:

 

Bernard Lagat: Der laufende Weltbürger

Er stammt aus Kenia, ist amerikanischer Staatbürger, hat eine kanadische Frau und einen chinesischen Trainer. „Global, das ist das Wort“, sagt Bernard Lagat: „Ich bin ein Bürger der Welt.“

Der kleine Sportsfreund Miika Lagat ist nicht leicht zufriedenzustellen. Als er im Juni zu Hause in Tübingen im Fernsehen das 5000-Meter-Rennen der Diamond League in Oslo sah, machte er aus seiner Enttäuschung keinen Hehl. Da bogen drei Läufer gleichauf in die Zielgerade ein, da kämpften drei Männer mit schmerzverzerrten Gesichtern um den Sieg – und dann unterlag Papa den beiden Äthiopiern Imane Merga und Tariku Bekele. Miika Lagat vergoss bittere Tränen.

Als Bernard Lagat am Tag darauf seinen vierjährigen Sohn in die Arme nahm und ihm erzählte, dass er (in 12:54,12 Minuten) immerhin persönliche Bestzeit und amerikanischen Rekord gelaufen sei, konnte er ihn nicht ganz überzeugen. „Du sollst nicht verlieren“, rief der Junge. „Ich will, dass du immer gewinnst.“

 „Keine Gelegenheit, an das Rennen zu denken und nervös zu werden“

Das sind so die Aufgaben, die ein Vater zu meistern hat. Bernard Lagat geht sie optimistisch an. Schließlich ist er der Doppel-Weltmeister über 5000 und 1500 Meter von Osaka 2007, Hallen-Weltmeister über 3000 Meter von Budapest 2004 und Doha 2010 sowie Gewinner verschiedener Medaillen bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften. Für seinen Start an diesem Sonntag beim Istaf im Berliner Olympiastadion hat er seinen australischen Manager James Templeton ein paar besonders schnelle Tempomacher bestellen lassen. Wenn er über die 3000 Meter schon aus dem Rennen um die Diamanten ist, will er doch beweisen, dass er die Bestzeit von 7:32,49 Minuten, mit der er in Doha den Titel gewann, unterbieten kann.

Miika wird das Rennen am Sonntagnachmittag nicht im Fernsehen verfolgen müssen. Er begleitet mit seiner kleinen Schwester und seiner Mutter den Vater zur Arbeit nach Berlin. „So reisen wir am liebsten“, sagt Bernard Lagat. „In unserem Hotelzimmer ist immer etwas los. Ich habe gar keine Gelegenheit, an das Rennen zu denken und nervös zu werden.“

„I bin a Schwob“, sagt Lagat akzentfrei

Vor bald 36 Jahren (am 12. 12. 1974) in Kapsabet im Rift Valley von Kenia geboren, hat das Laufen Lagat zu einem Weltbürger gemacht. Ein Stipendium brachte ihn 1997 an die Washington-State-Universität. Als er 2003 amerikanischer Staatsbürger wurde, hatte er schon sechs Sommer in Deutschland zugebracht. „Global, das ist das Wort“, sagt Lagat. „Ich stamme aus Kenia, bin Amerikaner, habe einen chinesischen Trainer, James Li, und eine kanadische Frau. Ich bin ein Bürger der Welt.“

Er lernte seine Frau Gladys Tom, die einen japanischen Familienhintergrund hat, an der Hochschule kennen, an die James Li ihn mit einem Stipendium geholt hatte. Sohn Miika trägt als zweiten Vornamen den kenianischen Namen Kimutai, und der Name seiner Schwester Gianna verweist auf die Liebe der Eltern zu Italien. Gemeinsam leben sie in Tucson in Arizona. Es war der Stadtlauf, der Bernard Lagat nach Tübingen brachte. Seitdem ist er mit dem Leiter des Laufs, dem Kinderarzt Frieder Wenk, befreundet, seitdem fliegt er im Sommer von Stuttgart aus in die Welt, seitdem liebt er die Laufstrecken in den Wäldern um Tübingen. Seit einigen Jahren hat er ein eigenes Häusle. Als Lagat 2007 als Doppelweltmeister aus Osaka heimkehrte, empfingen ihn Stadt und Bürgermeister als Tübinger. „I bin a Schwob“, sagt Lagat akzentfrei. „Ich bin ein halber Deutscher.“

Zum Laufen gebracht hat ihn seine Schwester Mary Chepkemboi

Seine europäische Heimat rettete ihn, als er, der stolz darauf ist, nicht einmal Nahrungsergänzungsmittel zu nehmen, bei der Weltmeisterschaft 2003 in Paris positiv auf Epo getestet wurde. Der Jura-Professor Dieter Rössner machte ihn mit dem Mikrobiologen und Doping-Experten Werner Franke aus Heidelberg bekannt, dessen Frau nach einem Treffen mit Lagat überzeugt war: Dieser Mann lügt nicht. Franke schickte einen erfahrenen Wissenschaftler aus seinem Labor, der den Doping-Analysten bei der Untersuchung der B-Probe auf die Finger sah. Das Ergebnis: Test negativ, Lagat unbelastet.

„Wenn sie die A-Probe ebenso sorgfältig analysiert hätten, wäre sie auch negativ gewesen“, sagt Lagat. „Das lehrt einen: Wenn jemand, gerade bei diesem Test, positiv ist, sollte man zweimal nachdenken, bevor man ihn einen Doper nennt. Es kann mich noch einmal treffen, es kann einen anderen sauberen Athleten treffen. Alles hängt von der Arbeit des Labors ab.“ Seine Klage, das Verfahren zu ändern, scheiterte.

„Sie wird alle Mädchen in der Leichtathletik schlagen“

Zum Laufen gebracht hat ihn seine Schwester Mary Chepkemboi. Sie gewann 1984 die Afrikameisterschaft über 3000 Meter, nahm an internationalen Crossläufen in Afrika teil, aber gab den Gedanken an eine Karriere auf, um ihre Familie mit acht jüngeren Geschwistern zu unterstützen. Sie kam nicht nur für das Schulgeld von Bernard, ihrem sieben Jahre jüngeren Bruder, auf. Sie hielt ihn auch zu ernstem Training und zur Teilnahme an Wettkämpfen an. „Sie sagte: Ich habe dich rennen sehen“, erinnert er sich. „Du kannst gut werden.“ Was sie nie konnte, tat ihr kleiner Bruder: Er rannte zu einem Stipendium in Amerika und zu den lukrativen Sportfesten nach Europa. „Ohne sie hätte ich die Schule verlassen und wäre zur Armee gegangen“, sagt Lagat.

Längst ist es an ihm, das läuferische Talent seiner fünf jüngeren Geschwister zu fördern. Sein älterer Bruder William Cheseret hat eine Marathon-Bestzeit von 2:12,09 Stunden. Seine jüngere Schwester Evelyne Jerotich Lagat ist einen Halbmarathon in 1:11,35 gelaufen, und auch aus seinem Bruder Robert Cheseret ist ein respektabler Mittelstreckler geworden. Die Zweitjüngste, Irene Lagat, rannte zu einem Stipendium der Universität von Arizona und ist ebenfalls längst Amerikanerin. In die Jüngste, Viola, setzt Bernard die größten Hoffnungen. „Sie wird alle Mädchen in der Leichtathletik schlagen“, sagt er voraus. Der Teenager lebt inzwischen bei ihm und seiner Familie in Tucson in Arizona. Bernard könnte ihr Vater sein. Wenn Viola etwas von ihm lernen kann, dann, wie weit in die Welt das Laufen führen kann.

Michael Reinsch, Berlin

Michael Reinsch

(aus „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ vom 22.8.2010)

Malaika Mihambo – glücklich auch ohne Medaille

 

Malaika Mihambo, der Springfloh aus Oftersheim, einer Gemeinde zwischen Heidelberg und Mannheim gelegen,  sprang in Rio so weit wie noch nie. 6,95 m wurde im Finale der Weitspringerinnen für die 22-Jährige vermessen, doch diese Weite reichte nicht für eine Medaille. Das Trio Tianna Bartoletta (7,17 m), Brittney Reese (7,15) und Ivana Spanovic (7,09) war einfach zu gut an diesem Tag. „ Aber ich bin trotzdem zufrieden, denn ich habe eine neue Bestleistung aufgestellt und bin über mich hinausgewachsen“. Wohl wahr, wenn man die Vorgeschichte kennt. Anfang des Jahres war für sie an Training nicht zu denken. An beiden Knien war die Patella-Sehne entzündet, die Ärzte sagten eine lange Reha-Phase voraus. Doch sie irrten sich, und die kleine Kämpferin war schneller wieder auf den Beinen als erwartet. In Kassel wurde die 1,70 m große und 56 kg schwere Athletin von der LG Kurpfalz,  deutsche Meisterin, bei der EM in Amsterdam holte sie Bronze.

Schon immer galt sie, deren Mutter aus Deutschland und deren Vater aus Sansibar (Tansania) kommen, als großes Talent. Als Kind hatte sich im Ballett, beim Turnen und beim Judo versucht, war dann aber zur Leichtathletik gekommen. Erste Goldmedaillen sammelte sie bei den Europameisterschaften der U20 und der U23.   Vor zwei Jahren sprang sie in Braunschweig schon mal 6,90 m, wußte also um ihr Leistungsvermögen. Und ihr Trainer Ralf Weber führte sie behutsam und zielgerichtet.

Zielstrebig ist Malaika Mihambo auch außerhalb des Sports. Sie studiert Politikwissenschaften an der Universität Mannheim. „Ich brauche etwas für den Kopf und will nicht nur Sport betreiben“. Beides bekommt sie recht gut unter einen Hut und wurde dafür sogar 2014 als „Sport-Stipendiat des Jahres“ ausgezeichnet. Und daß sie sich auf in der Öffentlichkeit gut bewegen kann, bewies sie auch bei einem Pflichtpraktikum im Oftersheimer Rathaus.

Stichwort Kopf! Malaika ist der Meinung, daß das Mentale beim Weitsprung eine wesentliche Rolle spielt. „ Wenn man mit dem Kopf nicht dabei ist, den Fokus hat und beibehält, dann wird es nichts. Körperliche Beschwerden oder Anlaufprobleme kann man besser ausgleichen.“ So konzentriert sie sich beispielsweise auf die Atmung, um das Drumherum auszublenden. „ Die Schwierigkeit ist allerdings dabei, daß bei Wettkämpfen immer neue Situationen auftreten. Würden immer die gleichen Problemmuster auftreten, wäre es einfacher.“

Malaika heißt auch die Tochter von Basketballer Dirk Nowitzki. Darauf angesprochen, ob sie ein Fan von ihm sei oder er von ihr, antwortete sie: „ Ich nehme mal an, daß seine Tochter jünger ist als ich. Also denke ich, eher von mir. Vielleicht wird sie ja auch mal Basketballerin und springt dann ganz weit und hoch.“

 

Malaika Mihambo

Weitsprung I Frauen

Alter: 22 Jahre

Land: Deutschland

Bestleistung: 6,95 m

Erfolge: 4. Platz Olympia 2016, Bronze EM 2016, 5. Platz WM 2015, 4. Platz 2013; Gold U23-EM 2015; Gold: U20-EM 2013.